»Es ist deutlich schwieriger, Haltung zu haben, als zu moralisieren« (S 225)Selten habe ich so ein inhaltstarkes gutgeschriebenes Sachbuch gelesen, dass den Nerv der aktuellen politischen Situation im gegenwärtigen Deutschland so gut einfängt. Nora Bossong hat in „Die Geschmeidigen – Meine Generation und der neue Ernst des Lebens“, die Generation geboren 1975 bis 1985 portraitiert. Vor allem ist das Buch eine sehr politische Analyse der Lage und beleuchtet vor allem die Führungsqualität dieser (auch meiner!) Generation. Eine Generation geprägt vom Pragmatismus Angela Merkels und wenig polarisierend.“Der Glaube, man selbst habe die Wahrheit gepachtet, ist eine Art der Selbstverführung und wird heikel, wenn man sich nicht mehr ins Verhältnis zu den anderen setzen kann. Dann wird es dogmatisch, manchmal sogar fanatisch.” (S 127)Im Grunde sind wir diejenigen, die Helfen können unsere Demokratie zu stabilisieren und zu vermitteln, denn wir sind noch kompromissbereit, das Lager vor uns schon verkrustet und das Lager nach uns verhärtet. Weniger radikal als die 68er und die Social Justice Worrier nach uns. Wir, die Geschmeidigen, sind die einzige Generation, die weder digital natives („die Jungen) noch digital immigrants (die „Alten“) sind.Das Buch hat so viele gute Stellen über die sich sprechen ließen, ich könnte fast jeden Satz anstreichen. Es läd so gut zum reflektieren ein und verbindet verschiedenste Gedankengänge auf eine neue Weise, aus einem Blickwinkel, der mir teilweise neu war und damit sehr bereichernd.„Zwar gibt es auch neue gemäßigte Lager wie die paneuropäische Bewegung Volt, doch insgesamt wächst die Ambiguitätsintoleranz: Man bezieht sich links wie rechts wieder stärker auf einen Wahrheitsanspruch, der keine Kompromisse kennt.“ (S 197)Fazit: Ihr Lieben Banker:inne, Lehrer:innen, Marketinspezialist:innen haben wir, die Geschmeidigen, zu viel selbst optimiert und die blinden Flecken sind gewachsen auf unserer gesellschaftlichen Landkarte? Für ein erhalt unserer Demokratie sind wie alle gefordert und das aktiv!
Im Schwabenland sagt der Volksmund: „A Schwob wird erscht mit 40 gescheit“(teilweise wird noch hinzugefügt: „an andrer net in Ewigkeit.“)Gilt natürlich auch geschlechterübergreifend...Die vierzigjährige erfolgreiche Schriftstellerin Nora Bossong (u.a. Roman "Schutzzone") aus Norddeutschland (geb. 1982 in Bremen, aufgewachsen in Hamburg) liefert mit ihrem Buch eine Selbstbefragung und ihrer Generation nach dem fast klassischen Dreiklang: „Woher wir kommen, wo wir stehen und wonach wir greifen“, so die Überschriften der drei Hauptteile. Dazu hat sie 25 Gespräche mit Menschen ihrer Generation geführt, die es in Führungspositionen geschafft haben (siehe Liste S. 227-230). Allerdings verarbeitet Nora Bossong diese „Informationsbasis“ nur sehr selektiv, indem sie an passender Stelle Zitate einfügt und damit in ihre subjektiven Ausführungen und politischen Ansichten bestätigt bzw. ergänzt. Der Verlauf der Interviews bzw. Gespräche wird nur ansatzweise deutlich, immerhin zeigt Nora Bossong, dass sie wohl problemlos diese „Promis bzw. politischen Profis“ (u.a. Lindner, Klingbeil, Kipping, Chebli, Teuteberg, Ziemiak - nur Alice Weidel reagierte nicht) für ihr Generationen-Projekt-Buch kontaktieren/gewinnen konnte.Teil 1: Hier skizziert Bossong kurz ihren Lebensweg und prägende Zeitereignisse während der drei Kanzlerschaften Kohl, Schröder, Merkel.Teil 2: Hier werden verschiedene Themen (Krisen, Klima, Krieg, EU, Medien, Osterfahrung, Wohlstands- und Aufstiegsversprechen, Bildungsprivilegien, Wahlkampf u.v.m.) abgehandelt, bevor dann im dritten Teil die Hoffung ausgesprochen und Mut gemacht wird, dass die Generation der Geschmeidigen ihren Weg des pragmatischen Individualismus aufgibt, um sich aktiv zur „Weltrettung“ einzubringen. Denn Klimakrise und autoritäre Gefahren destabilisieren zunehmend die Demokratie, die bisherige Erfahrung der Generation der Vierzigjährigen, dass man bislang bei allen Krisen „immer mit einem blauen Auge davongekommen“ (S. 96) ist, diese passiv-unpolitische Haltung sei angesichts aktueller Gefahren nicht mehr angebracht.Nora Bossong meint bzw. hofft, dass „Die Geschmeidigen“ - gekennzeichnet durch Anpassungsfähigkeit und Kompromissbereitschaft – gerade durch ihre nicht ideologische bzw. nicht-doktrinäre Haltung die gesellschaftlichen Konflikte und Widersprüche erfolgreicher bearbeiten könnten als die jüngere bzw. die ältere Generation.„Wir könnten die Generation mit den neuen, passenden Antworten sein, die Generation, der es noch gelingt, mit demokratischen Mitteln die Weichen so drastisch umzustellen, dass wir nicht sehenden Auges immer tiefer in einen irreversiblen Krisenkreisel des Klimas und der Gesellschaft stürzen, in eine Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlage wie unseres freiheitlichen Zusammenlebens, zwei unterschiedliche Phänomene, die uns doch gleichzeitig in Schach halten und sich gegenseitig verstärken. Wir könnten jene Generation sein, die zwischen einem trägen „Weiter so“ der Älteren und der Umsturzwut der Jüngeren vermittelt. Ausgerechnet wir? Die Stillen, die Geschmeidigen, oft auch Angepassten?“ (S. 195/6)Fazit: Kein Sachbuch, keine Interview-Sammlung, keine Streitschrift, sondern ein anregendes Meinungsbuch einer engagierten Schriftstellerin, die es versteht treffend zu formulieren. Eine politisch-gesellschaftliche Selbstbefragung einer Vierzigjährigen zwischen Hoffnung und Zweifel, ob die künftige „Führungsgeneration“ ihrer „Verantwortung“ angesichts der globalen Herausforderungen gerecht werden kann. "Geschmeidigkeit" - nicht länger eine negativ besetzte Eigenschaft als cleveres Durchlavieren zum eigenen Vorteil, sondern positiv als notwendiges flexibles Handeln angesichts vielfältiger, oft widersprüchlicher Konflikte.Allerdings zweifelt Nora Bossong auch etwas an der Realitätswahrnehmung der Generation der vierzigjährigen Politiker/innen:„Die Disposition für Kantenlosigkeit und Angepasstheit in Stilfragen hat wohl auch damit zu tun, dass die führenden Politikerinnen und Politiker meiner Generation auf wenig bis gar keine Berufserfahrung außerhalb des Parlaments zurückblicken. Sie sind Berufspolitiker durch und durch, studierten Jura oder Politikwissenschaften, arbeiteten in Abgeordnetenbüros oder waren bereits mit Anfang zwanzig in einen Landtag gewählt. Für sie ist das Parlament in einem umfassenden Sinne Alltag, andere Lebenswelten kennen sie lediglich von einem der zahlreichen Besuche, mit den Mandatsträger sich in die unterschiedlichen Arbeitsmilieus hineinverständigen. Dadurch ist ihre Professionalität enorm, gleichzeitig aber begrenzt, ein Perspektivwechsel ist für sie immer nur ein Besuch auf Stunden, niemals eine vollständig neue Ausrichtung der eigenen Lebenswirklichkeit. ...“ (S. 217/218)Ende April 2022: Angesichts der sog. "Zeitenwende" und den beschlossenen Waffenlieferungen in die Ukraine wird die "Geschmeidigkeit" nun in ganzer anderer Weise herausgefordert; das Thema Krieg hat das Thema Klima fast völlig verdrängt, seit das Buch von Nora Bossong veröffentlicht wurde.