Wir befinden uns in einer nicht allzu entfernten Zukunft in den USA. Der Präsident hat die Mauer zu Mexiko bauen lassen und sie mit bewaffneten Soldaten bestückt, die auf alles und jede:n schießen sollen, die sich der Mauer nähern. Die Menschen in den USA sind allesamt gechipt, damit man sie als Staatsbürger:innen identifizieren kann und illegale Einwander:innen möglichst fernhält und schnell enttarnt, damit man sie zurückschicken kann (oder schlimmeres). Die Stimmung spitzt sich zu und der Präsident möchte die Maßnahmen gegen (illegal) Migrierte verschärfen. Zum Schutz der Amerikaner:innen versteht sich.In dieser menschenfeindlichen Umgebung lebt Vali mit ihrer Familie. Sie sind vor längerer Zeit in die USA geflüchtet, um in Sicherheit zu leben. Doch diese Sicherheit scheint mit den neuen Ideen des Präsidenten nicht mehr möglich. Auf einmal verschwinden Menschen, die Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen werden erhöht und es wird schnell klar, sie sind dort, wo sie jetzt sind, nicht mehr sicher. Eine gefährliche Flucht beginnt.Der Einstieg ins Buch war sehr stark, bildgewaltig und aufwühlend. Die beschriebene Szene war einfach schrecklich und es hat was mit mir gemacht. Nach diesem krassen Beginn hatte ich sehr hohe Erwartungen an das Buch, weil das alles irgendwie so nah und wahrscheinlich schien und gar nicht so weit entfernt von der derzeitigen Wahrheit. Leider wurden meine Erwartungen dann aber nicht ganz erfüllt.Erst fand ich das alles ziemlich nervenaufreibend. Für die Menschen, denen eine ausländische Zugehörigkeit zugeschrieben wird, wird es immer gefährlicher in den USA. Vali und ihrer Familie läuft immer mehr die Zeit davon. Während sie einen Fluchtplan entwickeln, überschlagen sich die Ereignisse und es wird immer unwahrscheinlicher, dass sie unbehelligt, geschweige denn lebendig aus dieser Situation entkommen.Es war zum Verzweifeln, wie realitätsnah diese Geschichte erzählt wurde und wie wahrscheinlich ihr Verlauf sich anfühlt. Und dann noch das Wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass mir sowas passieren könnte verschwindend gering ist, denn ich habe durch meine Herkunft und durch mein Aussehen deutliche Privilegien... das ist etwas, was man nie vergessen sollte...Vali ist 16 und konnte bisher eigentlich ohne große Bedenken in die Schule gehen, sich mit Freundinnen treffen, eben ihr Leben leben. Ich mochte sie ganz gerne, sie wirkte sympathisch und tough, aber so richtig kennenlernen konnte ich sie letzten Endes nicht.Mit Beginn der Flucht wurde das Buch für mich immer schwieriger. Denn es fehlte mir an Tiefe, an Emotionen und an Spannung. Probleme, die auftraten, waren schnell überwunden, Konflikte sofort gelöst, Geschichten wurden nur angekratzt und nicht auserzählt und die Wege und Zwischenstopps waren zu kurz, um irgendeine Form der Beziehung herstellen zu können. Figuren wurden eingeführt, waren dann irrelevant und die relevanten waren nicht greifbar. Das war sehr schade, denn ihre Geschichten waren alle wichtig, konnten mich aber nicht berühren.Das ist glaube ich das Hauptproblem. Eine solch emotionale Geschichte so distanziert rüberzubringen, das fand ich total schade. Gefühle wurden beschrieben, aber nicht vermittelt. Da fehlte einfach das „Show, not tell“, was der Authentizität des Buches und der Figuren geschadet hat.Trotz allem ist das ein gutes Buch gewesen, welches ich gerne gelesen habe. Es kratzte für mein Gefühl aber nur an der Oberfläche und konnte mich nicht so recht catchen. Es interessierte mich nicht wirklich, wie es für Vali ausgehen würde, weil ich keine Connection zu ihr und den anderen Figuren gekriegt habe. Es ging lange nicht so tief, wie ich es von einem Buch mit so einer Thematik erwartet habe.Thematisch total wichtig und von der Idee her richtig gut. Bei der Umsetzung gibt’s für mich noch Luft nach oben.