Erst einmal: eine sprachlich hervorragend verfasste Biographie. Sie ist sehr umfang- und detailreich und orientiert sich entlang der Werke Jüngers. Als Hauptwerke seien für die frühe, nationalistische Phase die "Stahlgewitter" und der "Kampf als inneres Erlebnis" genannt, für die Zwischenkriegszeit der "Arbeiter", für die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft die "Marmorklippen" und die Friedensschrift, und für die Nachkriegszeit mit Jüngers Wandlung zum Kritiker der Moderne sowie des technischen Fortschritts, als welcher er gleichsam zum ersten, echten "Grünen" geworden ist und die Ökologie entdeckt hat, der "Waldgänger". Für das Spätwerk ist die Weltstaatsidee in "Heliopolis" zu nennen, mit der er den Nationalismus endgültig hinter sich gelassen hat, und schließlich, für die Phase der anarchisch-aristokratischen Gelassenheit, mit der er nicht mehr im Sinne des nietzscheanischen "Willens zur Macht" gestaltend ins Weltgeschehen glaubt eingreifen zu müssen, sondern das Ganze als "Einziger" (Stirner) von einer höheren Warte aus wie ein "Spiel" mitverfolgt und geschichtsphilosophisch kommentiert, "Eumeswiel".Das Leben Jüngers ist äußerlich "faszinierend" - er hat zwei Weltkriege aktiv miterlebt, einmal als Frontsoldat, einmal als Offizier im besetzten Frankreich, und ist erst nach der deutschen Wiedervereinigung gestorben -, und es ist zugleich und v. a. innerlich "faszinierend" - in seinem Werk, das er immer wieder umgestaltet hat, materialisiert sich ein lange andauernder, selbstreflexiver Entwicklungsprozess, der in vielerlei Hinsicht spannend ist und lehrreich sein kann. Das Nachverfolgen dieses Prozesses in gegenständlichem Buch gleicht einer "Geschichtsstunde", da Jünger nie abstrakt, sondern in Auseinandersetzung mit den Zeitereignissen philosophiert hat, die der Autor der Biographie immer wieder umfassend und in aller Verwobenheit zur Sprache bringt. Eine empfehlenswerte Biographie für Leser, die an Details und Querbezügen interessiert sind.
Das Titanische Zeitalter wäre das Schicksal der Zukunft, so Ernst Jünger in einem seiner letzten Interviews 1995 mit Antonio Gnoli und Franco Volpi anlässlich seines 100. Geburtstages.Ernst Jünger selbst verkörperte das Titanische, das im Menschen grundsätzlich angelegt ist bereits in ersten Ausformungen und nur mit Blick auf die Jüngersche Figur des Titanen (oder des Arbeiters) lässt sich ein Zugang schaffen zu dieser schillernden, ambivalenten Persönlichkeit die so viel Gegensätzliches in sich selbst auszuhalten vermochte worüber andere, schwächere Charaktere womöglich zerbrochen wären und worin auch die Unsicherheit im Umgang mit ihm und seinem Werk herrührt.Dem Titanen ohne jegliche Scheu und Unsicherheit ein kritisch-würdigendes Denkmal gesetzt zu haben, ist das bleibende Verdienst des versierten Jünger-Kenners und Biographen Helmuth Kiesel. Kiesel schreibt wundervoll behutsam, würdig, nie effektheischend oder seinen Gegenstand entblößend, allein die Kraft der Sprache Kiesels lässt seinen Gegenstand anschaulich, schlüssig und damit verständlich werden.Helmuth Kiesels Biographie Ernst Jüngers fand auf der Rechten erstaunlicherweise wenig Beachtung; zu wenig wurde wohl darin einem der Säulenheiligen der Konservativen Revolution gehuldigt, zu wenig sein nationales Wirken unterstrichen und stattdessen ein ambivalenter Jünger herausgestellt. Schmollend zog man dann die lobhudelnde Biographie des Jünger-Intimus Heimo Schwilk vor.Jünger, wie ich bereits in meiner Rezension der Stahlgewitter angemerkt habe, ist aber nun einmal so ambivalent wie sein Schaffen und man muss es eben aushalten, man kann sich seinen Jünger nicht basteln, wie man es gerade möchte. Ebenso verfehlt wie die rechte Schneeflöckchenmentalität ist deshalb die immer noch andauernde Verteufelung Jüngers auf der Linken gerade weil Jünger einen gewichtigen Teil der 1920er Jahre der nationalen Sache gewidmet hat, weil er ein hochdekorierter und unapologetischer Kriegsheld war. Einer der deutschen Helden, die man gemäß Joschka Fischers Diktum totzuschlagen hätte (was Fischer nicht davon abgehalten hat, den Waldgang als Brevier der Stadtguerilla zu verschlingen - aber Grüne haben ja seit jeher die Bigotterie für sich gepachtet).Geboren 1895 gehört Jünger idealtypisch zu der jugendbewegten 33er Generation (Götz Aly) die nach dem Kriegserlebnis des 1. Weltkrieges die Gesellschaft nunmehr grundlegend umstürzen möchte, die verknöcherte Bürgerlichkeit des Wilhelminischen Staates, der seine Gymnasiasten reihenweise in den Selbstmord trieb (nicht der jovial-brutale Junker-Leutnant der Simplicissimus-Karikaturen ist das Emblem dieses Staates, sondern der bürschtlköpfige, bebrillte Schulmeister der mobbt, unterdrückt und gnadenlos Persönlichkeiten zerstört). Jünger oppnoniert nicht gegen die Revolution von 1919 per se. Er opponiert, weil sie ihm nicht weit genug geht. Hinweg mit dem alten Plunder, heraus mit dem 1000-jährigen Muff unter den Talaren, eine neue Ordnung muss her und dazu bedarf es einer nie dagewesenen Mobilisierung der Gesellschaft! Ein nationaler Kriegssozialismus soll Klassenschranken einebnen, der neue Adel ist der Adel des Geistes und der Tat. Der Arbeiter sein zentrale Figur - nicht im bolschewistischen Sinne mit Hammer und Sichel, nein, Jüngers Arbeiter geht tiefer, greift weiter aus, ist titanisch. Er ist der Titan der die Zukunft schafft, die Technikherrschaft einläutet und den Menschen zum Maschinengott erhebt. Weitsichtig, wenn man sich die Entwicklungslinien im 21. Jahrhundert vergegenwärtigt. Jünger war ein "Seher"; kein manischer wie Stefan George, aber ein Seher der Grundlinien menschlicher Entwicklung.Der Arbeiter markiert deshalb bereits den Wendepunkt in Jüngers Leben und Schaffen; er begreift, dass die nationale Aufwallung nicht Selbstzweck sein kann, Revanche ist keine ausreichende Begründung des Daseins. Jünger revidiert Positionen, redigiert Werke, verfasst neu, formuliert um. Seine Freunde aus der "Stahlhelm" Bewegung kommen da nicht mehr mit, sie sind im Grunde doch nur reaktionär; Jünger ist und bleibt revolutionär, er ist ein unapologetischer Modernist (bis zuletzt), begrüßt den Wandel bedingungslos aber will es heroisch haben - eben titanisch. Jünger ist in diesem Sinne ein Faschist aber er ist es dann auch wieder nicht, denn er erkennt den Mangel an Intellekt, an "Adel" dieser Bewegung die sich in Deutschland besonders fanatisch gibt und die in Hitler eine charismatische Führergestalt hervorgebracht hat. Etliche seiner Kameraden verfallen Hitler, die Generation der 33er zu der Jünger selbst auch gehört, lässt sich verführen - selbst Carl Schmitt verfällt der Versuchung der Macht.Jünger indes kehrt sich ab, "man kann sich nicht in Gesellschaft um Deutschland bemühen" so im Abenteuerlichen Herz, emigriert ins Innere und schreibt die Marmorklippen an deren Ende der feurige Untergang steht. Eine Tat, die ihn hätte einiges kosten können - und wohl das Leben seines Sohnes Ernstel gekostet hat- und während viele der Nachkriegsliteraten die sich darin gefielen, Jünger zu verunglimpfen lieber mitmarschiert sind (Böll), gar in die Waffen-SS eintraten (Grass) oder auch aus Opportunität Parteimitglieder wurden (Jens), schuf Jünger das Brevier des inneren Widerstandes. Im Krieg erneut eingezogen wird Jünger erst spät, 1942 im Kaukasus mit den Auswirkungen des Hitlerschen Krieges konfrontiert und er gesteht seinem Tagebuch, dass er, der gefeierte und hochdekorierte Kriegsheld des Ersten Weltkrieges (er erhielt einen der letzten Pour-le-Mérite verliehen), der Stoßtruppführer und Literat der nationalen Revolution, sich zum ersten Mal beim Anblick deutscher Uniformen schämte. Seine Marmorklippen waren Realität gewordene Vision.Nach dem Krieg wurde es um Jünger ruhiger, vom Waldgang abgesehen widmete er sich nun fast ausschließlich der Zukunft, wie in Eumeswil und Heliopolis und zog die doch letztlich bittere Erkenntnis dass alles Titanentum am Ende nichts nütze, wenn dem Menschen der Sinn des Handelns abhanden komme. Jünger sah die Globalisierung und die einebnenden Kräfte voraus, er schrieb vom kommenden Weltstaat, experimentierte mit Drogen und so konnte es für ihn keinen Weg mehr zurück geben zu seinen nationalrevolutionären Wurzeln. Das war Vergangenheit und nicht mehr wichtig. Die Rechte blendet den post-45 Jünger gerne aus, ggf. erwähnt man noch raunend den Waldgang aber sein Utopismus, sein Modernismus sind suspekt. Spiegelverkehrt verhält es sich mit der Linken, die Jünger eben jenen Modernismus nicht abnimmt und ihn -wie die Rechte- auf die 1920er Jahre reduziert.Jünger, wie sein Werk, ist ambivalent. Ambivalenz aber ist des Deutschen Sache nicht und so war Ernst Jünger zeitlebens doch selbst jene einsame Stechpalme geworden, jener Solitär in Zeiten der Elitenlosigkeit, den er in Erik von Kuehnelt-Leddihn zu erblicken gedachte (Strahlungen).