Irren sich Historiker?Kershaws gründlich recherchiertes Buch über Schlüsselentscheidungen im 2. Weltkrieg führt den Leser zu wichtigen Erkenntnissen. Da beeindruckt zunächst einmal der Unterschied zwischen Demokratien und Diktaturen bei äußerst wichtigen Entscheidungen. Roosevelt handeln war eingeschränkt durch die Verfassung und die Gesetze der USA, er war absolut abhängig von der Zustimmung der Parlamente und musste letztlich auch darauf achten, seine Wiederwahl nicht zu gefährden.Mussolini und vor allem Hitler entschieden absolut allein, was zu geschehen hätte. Es ist für Menschen, die nie eine Diktatur erlebt haben, kaum zu fassen, dass Hitler sogar den USA den Krieg erklären konnte, ohne überhaupt mit einer anderen Person sich zu beraten und ohne durch vertragliche Bindungen zum Handeln gezwungen zu sein.Für uns Europäer ist der Entscheidungsprozess in Japan nicht leicht nachvollziehbar, weil schwer zu erkennen ist, welche Möglichkeiten Kaiser Hirohito hatte. Er stand zwar im Hintergrund, aber seine Stimme musste gehört werden.Historiker stützen ihre Aussagen auf Protokolle, Zeugenaussagen, Dokumente u.a. Dieses Verfahren muss gegenüber Diktatoren versagen, da diese ihr wirkliches Denken nicht verraten. Letztlich kennt man nur ihre Verlogenheit. Viele Entscheidungen werden erst auf tieferen Ebenen schriftlich fixiert. Wir brauchen nicht daran zu zweifeln, dass Verbrechen wie der Holocaust nur durch Weisung Hitlers erfolgen konnte, aber es gibt keinen Beleg, wann er hier die letzte Entscheidung getroffen hat.Aus seinem ‚Mein Kampf‘ kennen wir seinen Judenhass, wissen auch um sein Ziel, Lebensraum für Deutschland im Osten zu erobern. So gesehen war er geistig schon zurück geblieben, weil die Lebensfähigkeit eines Volkes nicht von der Menge der Quadratkilometer abhängig ist, sondern von der wissenschaftlich-technischen Leistungsfähigkeit.Von daher ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass er die englischen Truppen 1940 bewusst in Dünkirchen entkommen ließ, um England friedensbereit zu machen. Der Krieg mit England war für ihn absolut unerwartet gekommen und gefährdete nur seine Lebensraumpolitik Richtung Osten. Es erstaunt schon, dass Kershaw, obwohl er immer wieder durch ‚Was wäre, wenn-Fragen‘ von der üblichen Methode der Historiker abwich, sich nur auf belegbare Akten zu stützen, nicht erkannte, dass dieses Verfahren gegenüber Diktatoren nicht klappt.Was den Krieg gegen Russland anbetrifft, gilt gegenüber Stalin das Gleiche, was über Hitler zu sagen ist. Immer wieder schreibt Kershaw: „Stalin dachte… (z.B. S. 341 und S.362) Da irrt der Autor. Wir wissen natürlich nicht, was Stalin dachte. Wir wissen, dass dieser Paranoiker der Macht anlässlich der großen Säuberungen zwischen 1936-1938 Tausende von Menschen ermorden ließ. Kershaw erwähnt, dass 1937/38 annähernd 700 000 Menschen ermordet und mehr als 1,5 Millionen verhaftet wurden. Allein 34 301 Offiziere wurden verhafte, 22 705 waren in dieser Zeit erschossen worden. Es ist schon eine kühne, letztlich kaum glaubwürdige Behauptung Kershaws, dass diese Säuberungen Stalins Ansehen gehoben hätten.Das Gegenteil wäre richtiger. Nicht nur die Ukrainer verwünschten damals dieses Regime. Stalin musste den Ausbruch einer Revolution bei einem deutschen Angriff befürchten. Er musste um die durch Führungsschwäche bedingte stark reduzierte Leistungsfähigkeit wissen und auch deren Kampfunwilligkeit befürchten. Wäre Hitler als Befreier vom kommunistischen Joch aufgetreten, hätte die Geschichte vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Aber zum Segen für Stalin trat Hitler als Menschen verachtender Feind auf, der die Bevölkerung gefährdete und es Stalin ermöglichte, zum vaterländischen Krieg aufzurufen. Stalins einzige Chance, den überlegenen Gegner zu besiegen, bestand in der Weite des russischen Raumes und der Hoffnung auf den Winter. Deshalb ignorierte er wahrscheinlich jede Warnung vor einem deutschen Angriff, obwohl die Quellen, die den Angriff ankündigten, für ihn absolut zuverlässig sein mussten. Je weiter die Deutschen vordrangen, desto überdehnter musste deren Front werden, desto problematischer wurde auch die Nachschubfrage. Dass Millionen bei diesem Plan geopfert würden, ließ ihn genauso kalt, wie auch Hitler kein Menschenopfer scheute. Nur aussprechen durfte Stalin seine Absicht nicht. Er hatte Hitlers verbrecherische Gesinnung allen im Osten lebenden Menschen gegenüber erkannte, die für Hitler nur Untermenschen waren. So ließ er zwangsläufig die Deutschen tief nach Russland vorstoßen, weil er so und nur so letztlich siegen konnte. Merkwürdig nur, dass Kershaw so wenig in der Lage ist, sich in die Denkweise von Diktatoren zu versetzen. Von den zwei Einschränkungen-Dünkirchen und Krieg gegen die Sowjetunion- abgesehen, ist das Buch hervorragend.