Von der Tabuisierung des Todes bis zur Unsterblichkeitsfrage spannt der Pfarrer und Theologieprofessor Werner Thiede den weiten Bogen über eine Frage, die wohl jeden nachdenklichen Menschen umtreibt. Ob unter soziologischem Aspekt, anhand der biblischen Verkündigung oder unter dem neuen Axiom der Unsterblichkeit durch technischen Fortschritt und Digitalisierung betrachtet Thiede, ob und wie das Leben nach dem Tod weitergeht. Hier zeigt sich, dass der Autor nicht allein in der Theologie, sondern zugleich in der Breite und Tiefe unseres heutigen Daseins zu Hause ist, wie dies auch andere seiner Schriften belegen.Zur Gänze werden die hohen Erwartungen an Interdisziplinarität erfüllt, wenn Thiede im zweiten Hauptteil parapsychologische Zugänge und Erkenntnisse der Nahtod-Forschung entfaltet, um im dritten Hauptteil „geheimwissenschaftliche“ Zugänge in Spiritismus und Esoterik zu erkunden, wo Seelenunsterblichkeit oft mit Seelenwanderung verknüpft wird. Namentlich die Auseinandersetzung mit der Reinkarnationslehre Rudolf Steiners fordert den Autor zu einer kritischen Betrachtung heraus, indem er die teilweise Selbsterlösung im dortigen Verständnis als Bemühen um einen stufenweisen Aufstieg im Laufe von Wiederverkörperungen als eher reduzierte Erlösung durch Christus sieht - und anmahnt, dass Christen doch zu einer zukünftigen Gemeinschaft mit Christus berufen seien, die bereits begonnen hat.Die bunte Vielfalt zu diesem Thema, die Thiede sehr detail- und kenntnisreich anhand einer Fülle von Belegen entfaltet, erstaunt. Und es zeigt sich die sichere Auseinandersetzung damit. So keimt beim Leser immer mehr die Frage auf, wie das alles nun mit der Heiligen Schrift zusammengeht, denn dort sollten die zentralen Erkenntnisse doch angelegt sein. Genau dies ergibt sich aus der klaren Struktur des Buches, wenn im vierten Hauptteil die theologischen Facetten ausgebreitet werden. Dort erfährt man betroffen, dass in der protestantischen Theologie das Postulat der Unsterblichkeit sogar bestritten wurde und wird. Aber dank der zuvor geführten intensiven Auseinandersetzung mit dem ganzheitlichen Denkansatz Luthers wird solches Erschrecken abgemildert. Denn der universale Lehrmeister Luther gibt hilfreiche Interpretationen an die Hand, was auch schwer zu fassende Fragen der Raum- und Zeitbetrachtung einschließt. Aus dem verkündeten neuen Himmel und der neuen Erde folgt eine ganzheitliche Neuwerdung und Umgestaltung zu einem ewigen Reich universaler Gemeinschaft, wie es auch den Schlusssätzen der Offenbarung an Johannes entspricht. Der lutherische Bezug erlaubt schließlich die „Abrechnung“ mit allerlei vorher behandelten Spekulationen mannigfacher Autoren.Thiede scheut sich nicht, die Bedeutung der menschlichen Entscheidung zu betonen, dass es in der Hand eines jeden Einzelnen liegt, ob er sich der Schuld und Verlorenheit hingibt oder sich der Zusage Jesu anschließt, der in seiner bedingungslosen Gnade die Ewigkeitsdimension öffnet. Auch die kaum zu klärende Frage wird angesprochen, ob am Ende sogar die „Allversöhnung“ steht? Im festen Vertrauen auf den auferstandenen Versöhner mit der schon jetzt greifenden Befreiung aus dem Gericht wird dem Leser ein Buch in die Hand gegeben, das ihn sicher durch die vielfältigen Fragen führt.Wilfried Kühling
Dass das Thema dieses Buches zeitlos relevant ist, zeigt schon das einleitende Zitat des Mathematikers Blaise Pascal: „Es ist doch für das ganze Leben wichtig zu wissen, ob die Seele sterblich ist oder unsterblich.“ Wieder liegt damit eine sehr gehaltvolle Schrift von Werner Thiede vor, seines Zeichens außerplanmäßiger Universitätsprofessor für Systematische Theologie und Publizist. Eine zentrale Frage unseres Menschseins wird hier von verschiedenen Seiten aus gründlich beleuchtet – Theologie (evangelisch und katholisch), Parapsychologie und Nahtodforschung bilden die Schwerpunkte. Man merkt, dass sich der Autor jahrelang intensiv mit den angesprochenen Themen befasst hat. Dieses Buch hilft inmitten unserer säkularen Zeit weiter, deshalb wünsche ich ihm große Verbreitung!
Werner Thiede beginnt sein Buch mit „soziologischen Beobachtungen“. Wie ist es heute um den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele bestellt? Statistiken zeigen, dass daran nur noch relativ wenige Menschen glauben. Mit dem Tod wird keine Hoffnung mehr verbunden. Er wird verdrängt. Die Unsterblichkeitshoffnung wird durch einen säkularen Fortschrittsglauben ersetzt, der sich bis in die Vorstellung versteigt, den Tod durch Digitalisierung und High-Tech überwinden zu können. Thiede sieht andererseits Indizien dafür, dass das Tabu des Todes hier und da ein Stück weit aufgebrochen wird. Das geschehe nicht zufällig vor allem dort, wo der Tod auf Grund alter oder neuer Unsterblichkeitshoffnungen seinen Schrecken verliert. Die Nahtodforschung nennt Thiede als Beispiel.Ich fand die Lektüre des Buches anregend und spannend. Dazu hat besonders auch Thiedes „kämpferische“ Haltung beigetragen. Sie wird immer dann sichtbar, wenn er den christlichen Glauben gegen Ansichten verteidigt, die er als Bedrohung ansieht. Dazu zählt er insbesondere die Reinkarnationslehre und die Ganztod-Theologie. Zahlen, die er nennt, legen nahe, dass der Glaube an die Reinkarnation mittlerweile den Glauben an die Auferstehung überholt hat. Von den kaum noch 40 % der Menschen, die in Deutschland an ein Fortleben nach dem Tod glauben, glauben 20 % an die Reinkarnation. Demnach dürfte „der eigentlich östliche Gedanke an Wiederverkörperung und Karma das führende Modell ... der Hoffnungen über den Tod hinaus“ darstellen. (113)Das Vordringen des Reinkarnationsglaubens wird nach Thiedes Meinung durch die Ganztod-Theologie begünstigt. Nach dieser Theologie ist die Seele so sterblich wie der Leib. Nichts vom Menschen überlebt den Tod. Erst am Jüngsten Tag wird der Mensch von Gott wieder ganzheitlich auferweckt. Thiede meint, diese Theologie habe ein „spirituelles Vakuum“ geschaffen, das mit der Reinkarnationslehre gefüllt werde.In einem eigenen Kapitel behandelt er die Nahtodforschung. Seine Besprechung zeugt von einer großen Vertrautheit mit der Geschichte der Nahtodforschung. Allerdings bleibt Manches auf Grund der summarischen Auflistung vieler mehr oder weniger bekannter Autoren an der Oberfläche. Erst am Schluss des Kapitels wurde mir deutlich, weshalb er sich mit diesem Thema beschäftigt. Hier gesteht er trotz aller zuvor geübten Kritik zu, dass die Forschung auf diesem Gebiet „manch Beeindruckendes“ vorzuweisen habe. Er erwähnt die Bücher von Pim van Lommel, Eben Alexander und Jeffrey Long.Besonders haben ihn Schilderungen von Menschen beeindruckt, die reanimiert wurden und über Begegnungen mit Verstorbenen berichtet haben, darunter Personen, von denen sie annahmen, dass sie noch lebten. Später stellte sich heraus, dass diese Personen zum Zeitpunkt der Nahtoderfahrung bereits verstorben waren. Christliches Hoffen über den Tod hinaus, bedürfe solcher „Beweise“ zwar nicht, meint Thiede. Aber er stimmt Alois Serwaty zu. Dieser habe zurecht betont, es gebe keine berichtbare Erfahrung, die näher an die Todesschwelle heranreiche als die Nahtoderfahrung. „Und dies soll nach Ansicht mancher Theologen keine Bedeutung haben? Eine solche Logik verschließt sich mir vollständig.“Ich finde das Buch von Werner Thiede empfehlenswert für alle, die sich für den Themenbereich „Tod – Unsterblichkeit – Auferstehung“ interessieren. Die Sprache ist klar. Auch komplexe Sachverhalte werden verständlich erklärt. Mir hat unter anderem das informative Kapitel über Luthers Einstellung zur Frage der Unsterblichkeit gut gefallen. Begeistert war ich vom Epilog „Wenn Verstorbene zu lächeln beginnen“. Das Phänomen wird meist auf eine Muskelentspannung zurückgeführt. Aber wie Thiede zeigt: Es könnte – ganz im Sinne der Nahtoderlebnisse - auch mehr bedeuten.Was mich beim Lesen gestört hat, ist der Umgang mit der Reinkarnationslehre. Sobald das Thema angesprochen wird, folgen fast schon reflexhaft Begriffe wie „Esoterik“ und „New Age“. Das sind Schubladen-Begriffe, die keinen Erkenntnisgewinn beinhalten. Die Reinkarnationslehre ist Gegenstand großer Weltreligionen. Im Zeitalter des interreligiösen Dialogs sollte man respektvoll über diese Glaubensüberzeugung, zu der sich viele Menschen weltweit bekennen, sprechen.