Auch Thomas Metzinger (neues Buch Bewusstseins-Kultur) zeigt sich sehr pessimistisch, was die Zukunftsaussichten unserer Spezies betrifft. Und wie Gesang setzt Metzinger auf ein ethisches Bewusstsein (wenn auch nicht auf Basis des Utilitarismus). Gesang lässt nichts aus: Radikaler Klimaschutz dickes "Ja" (inklusive Windräder trotz Probleme mit dem Naturschutz), Impfen ja, Migrationszuwanderung kann noch lange so weitergehen (von Überforderung kann jetzt noch keine Rede sein, Änderung des Wirtschaftssystems (ohne konkreten Vorschläge wie das geht), Änderung der Demokratie (Zukunftsräte gehören natürlich dazu).Gesang argumentiert dabei auf Basis des Utilitarismus, den er im ersten Teil des Buches auch erläutert. Gesang scheut sich nicht, sich weit aus dem Fenster zu lehnen (die Autoren des neu erschienenen "Handbuch angewandte Ethik" bleiben sehr bedeckt wenn es konkret und politisch wird).Die Argumentation ist nachvollziehbar. Gesang schreibt manchmal etwas flapsig, was aber die Lesbarkeit fördert. Immerhin, gegendert wird hier nicht. Wer mit Gesang nicht einverstanden ist, muss seine Argumente erst mal vernünftig überwinden.Ich argumentiere ad hominem: Philosophieprofessoren leben vergleichsweise gut abgesichert und priviligiert, sie spüren die Inflation ganz sicher nicht. Sie spüren zwar, dass ihre Studenten mit Defiziten an die Uni kommen, aber dafür können sie ja nichts, sie ziehen ihre Vorlesungen durch, wer nicht mitkommt, scheidet eben aus. Daher möchte ich auch Unis und Professoren in die Plicht genommen sehen: Wandeln wir Räume der Uni doch in Flüchtlingsunterkünfte um. Studenten müssen eben zusammenrücken, das ist zumutbar. Professoren halten auch Integrations- und Sprachkurse ab, etwas Zeit dürften sie ja noch übrig haben. Und senken wir im Winter die Raumtemperatur, warum sollen Lehrkräfte und Studenten nicht im Pullover und Jacke im Hörsaal sitzen können. Ich möchte, dass alle Teile der Gesellschaft in die Pflicht genommen werden. Nicht nur akademisch argumentieren, sondern handeln, und zwar ganz konrekt, nicht nur 10% des üppigen Einkommens spenden oder so.Beispiel aus dem Buch: Nehmen wir an, in Deutschland sterben jährlich 1000 Menschen nach terroristischen Anschlägen. Müssen wir das hinnehmen? Nach Gesang ja, falls andernfalls 1 Million Menschen massive Not leiden müssten. Das also ist Utilitarismus. Ob diese Menschen tatsächlich Not leiden wird schon nicht mehr hinterfragt, wie wird das geprüft, was ist "massive Not", und so weiter, um solche Kleinigkeiten kümmert sich der Philosoph nicht.Es geht weiter: Kommen zu uns Islamisten, müssen wir sie überzeugen, dass unsere Lebens- und Denkweise die bessere ist. Zum Beispiel beim gemeinsamen Grillen von Gemüse. Naiver geht es ja wohl nicht. Und wieder ad hominem: Ich habe als Laie einige male Fragen an Philosophen gestellt. Nie leider erlebt, dass die Damen und Herren Philosophen sich "herablassen", ihre kostbare Zeit mit mir zu teilen und mit mir zu diskutieren, da bin ihnen ich nicht gut genug. Und Professor Gesang grillt tatsächlich regelmäßig mit islamischen Migranten? Denn nur einmalige Aktionen genügen nicht, der Zustrom hält ja stetig an. Beeindruckend wenn es so wäre. Oder ist Professor Gesang auch jemand, der sagt: "Wir müssen dies und das...." und dabei nur an andere denkt? Im Buch steht davon nichts.
Was Bernward Gesang hier in einer aktualisierten und erweiterten Auflage vorlegt, ist die Schwarzwälder Kirschtorte unter all den zahllosen Schnittchen, Kuchen und Datschis der populär verfassten Moralphilosophien. Sie ist äußerst schmackhaft, weil argumentativ stringent, dicht und anschaulich sein Konzept eines modernen Präferenzutilitarismus erläutert und gegen alternative Moraltheorien verteidigt wird; sie ist sehr nahrhaft, weil sie an zahlreichen lebensweltlichen Fragen – von Artenschutz und Sterbehilfe, über Flüchtlings- und Klimapolitik bis zu Windrädern und Pandemiebekämpfung – die Geländegängigkeit des Utilitarismus auf der verzweigten Piste der angewandten Ethik überprüft und überzeugend belegt; sie ist herzhaft, weil sie dabei subtil und human argumentiert und in vielen Einzeleinschätzungen belegt, dass ein utilitaristisches Nutzenkalkül durchaus „nicht nur eine kalte Kopfgeburt“ (S. 25) sein muss, vielmehr ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und moralischer Standfestigkeit voraussetzt.Und nicht zuletzt ist sie sehr gut bekömmlich: Gesang hat die Sahne sehr flockig geschlagen, was angesichts der eigentlich hochgradig kalorienhaltigen Materie, die stets in der Gefahr ist, moralinsauer zu werden, sehr wohltuend wirkt.Das Verständnis wird auch erleichtert durch zahlreiche eingefügte Info-Kästen, in denen zentrale Begriffe definiert und erläutert werden. Unbedingt lesenswert - guten Appetit!