Dieses Buch ist, so heißt es auf dem Umschlag, "die Geschichte dreier Generationen einer rheinischen Architektenfamilie". Aber es ist mehr als das. Es ist ein früher Versuch der Bewältigung der deutschen Vergangenheit, zu einem Zeitpunkt, als das noch nicht opportun war. Es erschien noch ein Jahr vor "Der Blechtrommel" von Günther Grass, an das es in mancher Hinsicht erinnert.Die Geschichte ist nicht chronologisch erzählt. Sie spielt an einem einzigen Tag, den 6. September 1958, dem 80. Geburtstag des Architekten Heinrich Fähmel. Er kam 1907 vom Lande in die Stadt, die nicht näher benannt wird, aber unverkennbare Merkmale von Bölls Geburtsstadt Köln trägt. Damals gewann er einen Wettbewerb gegen namhafte Konkurrenz und erhielt seinen ersten großen Bauauftrag. Er sollte die Abtei St. Anton im nahe gelegenen Kissatal bauen. Mit seinem Entwurf habe er "rücksichtslos ... romanische Kathedralen nachgebildet" (S. 113).Was er sich vor langer Zeit für seinen 80. Geburtstag erträumt hat, tritt nicht ein. Die Feier findet nicht mit 7x7 Enkeln, sondern "nur" mit 2x1 Enkel statt. Aber der "Ruf des Blutes" (die Abstammung) ist ihm nach den Erfahrungen seines Lebens nicht mehr wichtig.Auch der Sohn, Dr. Robert Fähmel, Jahrgang 1915, ist Architekt geworden, aber er bekennt auf Seite 76: "Du weißt, dass ich Architekt bin und eigentlich Häuser bauen sollte, aber ich hab nie welche gebaut, immer nur welche gesprengt". Drei Tage vor Kriegsschluss 1945 hat er die ganze Abtei St. Anton gesprengt. Sein Vater, dem er davon nichts sagen will, hat es schon geahnt - und hat nicht wirklich was dagegen. Roberts Sohn Joseph wiederum wird 1956 mit dem Wiederaufbau der Abtei beauftragt.Warum hat der Vater nichts gegen Roberts Tat? Weil er erfahren musste, dass sich der Abt der Abtei mit dem "Sakrament des Büffels" gemein gemacht hat. Diese Bezeichnung ist einerseits ein Synonym für den Nationalsozialismus und verweist andererseits auf christliches Vokabular. Heinrich Böll war, wie in diesem Buch nicht zu überlesen ist, überzeugter Katholik und steht auf Seiten der Lämmer, nicht des Büffels. Die Lämmer wurden in dieser Zeit reihenweise verfolgt, ermordet oder sind anderweitig ums Leben gekommen ("eine falsche Handbewegung genügte"). In Roberts Klasse gab es 1935 solche Lämmer, die vom Sportlehrer Ben Wacker und dem Mitschüler Nettlinger tyrannisiert wurden. Die beiden spielten Hilfspolizei auf der Jagd nach Bettlern. Die Bezeichnungen erweisen sich beim Lesen aber auch als so etwas wie ein klandestiner Code, denn die Jugendlichen planten heimlich einen Anschlag auf Ben Wackers. Man erfährt, was daraufhin mit ihnen geschah und dass sich Robert mit Müh und Not und fremder Unterstützung nach Holland retten konnte.Strella, der 1958 zurück kommt, kann sich nicht mehr vorstellen, in der Stadt zu leben. Von seinen Freunden leben nicht mehr viele -- und wer weiß, wie die Heutigen sich verhalten würden. Nach seiner Beobachtung sind 1958 "die Menschen ... anständig, anständig und keine Spur von Trauer im Gesicht" (S.293).Die Geburtstagsfeier nimmt einen unvorhergesehenen Verlauf. Ein alter Kämpfer, jetzt Minister, wird angeschossen. Von wem und warum, möchte ich hier nicht verraten. Auch nicht, was es mit Billard um halb zehn auf sich hat.Wie liest sich das Buch? Es beginnt zwar realistisch, aber dann wird die Lektüre schwieriger, weil die Erzählperspektiven wechseln und Böll individuellen Gedankenströmen Raum gibt. Die Zeitebenen gehen mit voller Absicht durcheinander und es gibt Überschneidungen der Personen (z.B. von Großmutter und Enkelin). Dazu kommt, dass die Akteure nicht alles gleich von sich preisgeben. Robert "schweigt", auch der Alte zieht zunächst Schweigen vor, statt den Enkeln zu erklären. Das ist wie im richtigen Leben. Manche Sachen sind veraltet, so der üppige und heute gänzlich ungewohnte Gebrauch des Semikolons oder das Rauchen von 4-Mark-Zigarren als Statussymbol.Ich kann nur empfehlen, das Buch selbst zu lesen. Die Lektüre ist nicht immer einfach, aber man wird von den Ereignissen auch heute noch ergriffen und möchte das Buch erst weglegen, wenn man durch ist. Ich bewerte es mit 4 Sternen.
Tiere sind in der Bibel stets Metaphern für Menschen mit ganz bestimmten Eigenschaften und Stellungen innerhalb der Gesellschaft. Während das Lamm als schwach und machtlos auch gerne als klassisches Opfertier für Gott verstanden wird, hat der Büffel den Charakter eines wegen seiner Kraft überlegenen Tieres. Die Kraft speist sich bei diesem Tier allerdings nicht aus Intelligenz und Taktik, sondern aus reiner Körpermasse und der Möglichkeit, durch stumpfe Gewaltanwendung bis zu einem bestimmten Grad seine Ziele durchsetzen zu können.Die Bibel wurde geschrieben – das steht fest – um interpretiert zu werden. Dies kann in direkter Weise geschehen, in dem man sich in klerikalem Kontext mit Auslegungen der Heiligen Schrift befasst, oder indirekt, indem eigene Geschichten geschrieben werden, die sich der Metaphern bedienen und sie in den Kontext rücken, in dem sie sie verstanden sehen wollen. Der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll (1917-1985) hat genau das in seinem Roman Billard um halbzehn, 1959 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, gemacht. Die Antagonisten Büffel und Lamm sind bei ihm Symbole für die Täter und Opfer des Nationalsozialismus: auf der einen Seite die personifizierte rohe Gewalt, auf der anderen die wehrlosen Opfer, die letztlich im Gegensatz zum Büffel dennoch überleben werden, weil dieser dank mangelnder Intelligenz an seine eigenen Grenzen gestoßen ist. Wer gerade den Heinrich Böll der 1950er Jahre gelesen hat, seine frühen Romane und Erzählungen kennt, der weiß, dass dieser Autor wie kaum ein anderer seiner Generation einen Blick entwickelt hat für die menschlichen Entwicklungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit, für bestimmte Situationen, an denen sich das Leben spiegelt, und für Details, an denen große Dimensionen erkennbar gemacht werden können. Metaphern wie die aus der Bibel dienen nicht der Verschleierung, sondern der Projizierung von zeitgenössischen Wahrnehmungen auf eine höhere Ebene. Seine Werke speisen sich hierbei meist aus einer eigenen Erfahrung, so z.B. der der Teilnahme als Soldat am Zweiten Weltkrieg oder dem Erleben einer kriegszerstörten Stadt wie Köln, in der Böll aufgewachsen ist. Seine Figuren sind fast immer solche, die vom Leid des 20. Jahrhunderts geprägt und zerstört worden waren, die mit den Verhältnissen kämpfen, ohne sie wirklich bewältigen zu können und dennoch nach nichts mehr zu trachten scheinen als nach der Hoffnung auf ein besseres Leben auf dieser Welt.Bestimmende Themen sind neben dem zeithistorischen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der jungen Bundesrepublik auch immer die der Liebe und Ehe und die des Glaubens; kein Roman von Böll wäre denkbar ohne die tief katholische Prägung, aus der der Autor heraus jedes seiner Bücher – mal religionsverehrend, mal religionskritisch – konzipiert. Dass es nur wenige Einzelwerke von Heinrich Böll gibt, die aus seinem umfangreichen erzählerischen Oeuvre herausgestochen sind, und man oftmals auf die Lektüreerfahrung mehrerer einzelner, kleiner Romane zurückgreift, wenn man von diesem Autor spricht, mag damit zu tun haben, dass viele seiner Bücher vom Ansatz und Thema her ähnlich sind. Fast immer sind es eine männliche und eine weibliche Hauptfigur, die im Zentrum des Romans stehen und mit den bereits geschilderten Themen in der Welt klarkommen müssen. Paradebeispiele hierfür sind sein zweiter Roman Und sagte kein einziges Wort (1953) und Ansichten eines Clowns (1963). Spricht man von Stil und Thema Bölls, so kommt man unweigerlich auf diese Romane zu sprechen. Der spätere Nobelpreisträger hatte in den späten 1950er Jahren aber auch einen anderen Roman geschrieben, in den er zwar auch seine Standardthemen Krieg, Nachkrieg, Bundesrepublik und Religion verarbeitet hat, allerdings von der charakteristischen Zwei-Hauptfiguren-Ordnung abgewichen ist. Billard um halbzehn, nach Haus ohne Hüter (1954) Bölls vierter Roman, ist ein klassischer Mehrgenerationenroman, den man in dieser Form bei Böll nicht wiederholt findet und der somit als Einzelwerk deutlich aus der Reihe der anderen, bekannten Werke herausstach. Dass der Autor seinen gewohnten Weg verlassen hat, sollte ihm in diesem Fall nicht zum Nachteil gereichen – der Roman wurde ein großer Erfolg und gehört heute zur Top Drei jener längeren Erzählungen, die man von Böll gelesen haben sollte.Die Geschichte der rheinischen Architektenfamilie Fähmel, die die Handlung des Romans dominiert, ist in Köln angesiedelt – neben den vielen Standardthemen von Böll auch der klassische Ort seiner Geschichten; hier kennt sich der Autor nicht nur aus, sondern hat auch eine emotionale Bindung zu den Gebäuden, Straßen und Gassen jener Stadt, die vom Krieg besonders intensiv gezeichnet war und von der in der Nachkriegszeit fast nichts mehr so war wie davor. Der Roman dreht sich um den achtzigsten Geburtstag des Familienoberhaupts Heinrich Fähmel im Jahr 1958, der seinen Ehrentag im Kreise seiner Liebsten begehen möchte, und spielt auch nur an diesem einen Tag. Gefeiert wird im Café Kroner, wo auf die Familienmitglieder ein Empfang wartet. Neben dem alten Heinrich Fähmel sind weitere zentrale Figuren sein Sohn Robert und wiederum dessen Sohn Joseph. Die Handlung greift von jenem Geburtstag im September 1958 auf zentrale Stationen der Familiengeschichte zurück, die zwar alle dargestellt, allerdings nur teilweise wirklich aufgelöst werden.Am Geburtstagskuchen, der die Form einer Abteikirche trägt, ist bereits erkennbar, was das familienverbindende Thema dieser Architekten-Dynastie ist und den Gesprächsverlauf bestimmt: der Bau einer Abtei im Kissatal, den Heinrich Fähmel 1907 begonnen hatte und der daraufhin immer wieder eine Rolle in der Familie spielen wird. Heinrich wurde durch den Bau der Abtei materiell erfolgreich und stieg sicher in die oberen Kreise der Stadt auf. Obwohl man meinen könnte, dass gerade eine derart erfolgreiche Familie den trügerischen Parolen der Nazis verfallen wären, handelt es sich bei der Familie Fähmel beinahe durchgehend um Nicht-Sympathisanten der hitlerschen Logik. Sowohl Heinrich als auch sein ältester Sohn Robert lehnen den Nationalsozialismus ab. Nur einer der weiteren Söhne Heinrich Fähmels, Otto, schließt sich den Faschisten an. Er fällt im Krieg.Robert wird bereits als Jugendlicher im NS-Deutschland ausgegrenzt, ist mit einigen wenigen anderen Regimefeinden befreundet, die ein Sprengstoffattentat unternehmen, und geht daraufhin – wie seine Wegbegleiter – in die Niederlande ins Exil. Noch während des Zweiten Weltkriegs kehrt er nach Deutschland zurück; die Gestapo hatte nichts gegen ihn aufzuweisen und man setzte ihn im Krieg als Sprengmeister ein. In den letzten Kriegstagen, wo das Schicksal der Deutschen Wehrmacht bereits besiegelt und das Kriegsende nahe war, lässt Robert aus kriegstaktischen Erwägungen heraus die Abtei seines Vaters im Kissatal sprengen. Was genau ihn dazu bewogen hat bzw. welchen Erfolg er sich davon versprach, wird beim Familienfest erneut aufgewärmt, allerdings nie abschließend geklärt. Robert ist auch ganz ohne ein Offenlegen der Frage, warum er dieses Kommando zur Zerstörung des Lebenswerks seines Vaters gegeben hat, innerlich vollkommen zerrüttet. Durch den Krieg hat er seine Frau verloren und ist trotz unternehmerischem Erfolg in Zeiten des Wirtschaftswunders kriegstraumatisiert. Zu einem festen Ritual entwickelt sich sein täglicher Besuch im „Hotel Prinz Heinrich“, das ein Billardzimmer hat, in dem er immer von halb zehn bis elf Billard spielt und sich mit dem dortigen Hotelboy unterhält.„Er spielte schon lange nicht mehr nach Regeln, wollte nicht Serien spielen, Points sammeln; er stieß eine Kugel an, manchmal sanft, manchmal hart, scheinbar sinnlos und zwecklos, sie hob, indem sie die beiden anderen berührte, für ihn jedesmal eine neue geometrische Figur aus dem grünen Nichts; Sternenhimmel, in dem nur wenige Punkte beweglich waren; Kometenbahnen, weiß über grün, rot über grün geschlagen; (…); zarte Geräusche deuteten den Rhythmus der gebildeten Figur an: fünfmal, sechsmal, wenn die angestoßene Kugel die Bande oder die anderen Kugeln berührte; nur wenige Töne hoben sich aus der Monotonie heraus, hell oder dunkel; die wirbelnden Linien waren alle an Winkel gebunden, unterlagen geometrischen Gesetzen und der Physik“Sofort wird deutlich, wenn man diese Beschreibung des traditionellen Billardspiels liest, dass Heinrich Böll sowohl ein scharfer Beobachter des Billardspiels ist, sondern auch die höhere Ebene im Auge hat, auf die er seinen Roman heben möchte. Das akribische Beschreiben des Spiels wird zur Metapher für die brüchige Lebenssituation, in der sich nicht nur die Figur des Robert Fähmel, sondern zahlreiche weitere Personen seiner Generation mit ihm befinden. Obwohl die Lasten der Vergangenheit und die Erfahrungen des Kriegs an ihnen hängen, sind sie getrieben vom tiefen Wille, im neuen Staat neu Fuß zu fassen und dabei das Zerstörte wieder aufstehen zu lassen. Deshalb verfolgt er auch gemeinsam mit seinem Sohn Joseph das Projekt, die gesprengte Abteikirche von Heinrich wieder aufzubauen.Doch nicht nur der Konflikt zwischen der Generation Heinrich –Robert (dem Sohn, der das Lebenswerk seines Vaters zerstörte), sondern auch der zwischen Robert und Joseph wird Einzug in den Roman erhalten. Denn bei den Wiederaufbauarbeiten an der Abteikirche entdeckt Joseph neue Spuren, die seinen Vater mit der Sprengung in Verbindung bringen, und möchte ihn zur Rede stellen. Das Sprengen wird hierbei Symbol für das Tätertum der teils überzeugten, teils stillschweigenden Unterstützer der Nazis, die von der Nachkriegsgeneration nicht verstanden und für ihre Vergangenheit verurteilt werden. Das Geburtstagsfest endet in einem Eklat, als – beim Erzählen und Aufarbeiten der alten Geschichten – dann auch noch die Politik in ihrer Ignoranz und Oberflächlichkeit eine Rolle spielt, und ein noch tieferer Familienkonflikt letztlich mit Gewalt an die Oberfläche drängt.»Ich habe bei Böll den Verdacht, daß er [...] als Romancier von formalen Ambitionen bewegt wird, deren Notwendigkeit er bei größeren Vorbildern nicht recht begriffen hat. [...] die Zusammenraffung eines halben Jahrhunderts deutscher Geschichte in einer Familie poetisch zu bewältigen – das ist seine Sache einfach nicht. Ich fürchte, dieser Roman wird sehr gelobt werden.«Der Literaturkritiker Paul Hühnerfeld hatte Recht, als er im Jahr 1959 nach dem Erscheinen von Bölls Roman diese kritischen Zeilen anmerkte, was die Lobpreisungen von Billard um halbzehn anging. Nicht zuletzt deswegen, weil der Autor gewohntes Terrain zwar nicht gänzlich verlässt, aber doch experimentell umgestaltet, hatte sich Heinrich Böll mit dem Generationenroman ein literarisches Feld erobert, auf dem man ihn zuvor nicht vermutet hatte und auf dem er sich dennoch – wie die anhaltende Resonanz dieses Buches zeigt – beweisen konnte. ganz abgesehen von allem Kritischen, das man gegenüber Billard um halbzehn anmerken kann, sei gesagt: das Buch ist auch heute noch ein gültiger Generationenroman über die Konflikte zwischen den drei Altersklassen, die in den späten 1950er Jahren beim achtzigsten Geburtstag eines Familienmitglieds zusammensitzen können: auf der einen Seite das Kind der wilhelminischen Kaiserzeit, in der Mitte ein Mann, der in der Diktatur herangewachsen und von ihr geprägt wurde, und auf der anderen Seite ein solcher, der nur die Demokratie kennt und eingeprägt bekommt, dass alles, was historisch vor dieser Demokratie gelaufen ist, schlecht war und abzulehnen ist. Brillant verwebt Böll die Thematik mit dem Leitmotiv der Abteikirche gleichermaßen wie mit dem Billard-Motiv, das immer wiederkehrt, sprachlich stets neu erfunden wird und dem Vorwurf vorbeugt, deutsche Romane seien nicht so vorstellbar und eingängig geschrieben wie z.B. amerikanische.Heinrich Böll schreibt vom Nationalsozialismus stets in der Metapher vom „Sakrament des Büffels“, von dem manche gekostet haben, manche nicht. Die Einen, so könnte man übersetzen, sind dem plumpen Stumpfsinn verfallen, andere konnten ihm widerstehen. Dass man seinen Roman also metaphorisch auslegen muss, fast ein bisschen wie ein Bibelgleichnis, liegt demnach schon in der Konzeption seines Textes begraben. An vielen Stellen tut die starke Allegorisierung der Situationen dem ästhetischen Gehalt des Romans keinen Abbruch, an anderen allerdings schon. Man merkt, bei weniger brillant geschriebenen Szenen wie der von Robert im Billardzimmer, dass es Böll darauf abgesehen hatte, seine scharfen Beobachtungen in ein deratiges sprachliches Kleid zu fassen, dass sich interpretatorische Verweisräume öffnen. Wäre dies nur sporadisch geschehen, hätte sich der Roman von seinem Daueranspruch, zweideutig zu sein, an der ein oder anderen Stelle getrennt, wäre er – was die Geschichte betrifft - authentischer gewesen.Authentizität ist ohnehin das Stichwort, das man anführen muss, wenn man Kritisches zu Billard um halbzehn zu sagen hat. Böll ist ein Meister der „kleinen Leute“, ein unvergleichbarer Schilderer von Existenzängsten und materiellen Nöten. Keiner vermag es in der deutschen Nachkriegsliteratur so bildhaft, fast spürbar zu schildern, was es z.B. bedeutet, Hunger zu erleben oder Kälte zu erleiden. Bei der Architektenfamilie Fähmel hat Böll, wohl um seine eigenen Traditionen zu durchbrechen, keine Familie aus der unteren Schicht gewählt. Seit Heinrichs finanziellen Erfolgen mit dem Bau der Abteikirche ist die Familie was das Materielle angeht in trockenen Tüchern. Man logiert im Café für das Geburtstagsfest, hält sich täglich im Billardzimmer eines Hotels auf und hat allgemein außer der Erfahrung des Kriegs keine existentiellen Ängste vorzuweisen, was das Leben in der unmittelbaren Nachkriegszeit angeht. Böll schreibt, obwohl er die Zeit, in der sein Roman verankert ist, über ein Metier, das er quasi nicht zu kennen scheint. Die demonstrativen Schilderungen der Dekadenz, des guten Essens, des Lustwandelns und Schwelgens in hoher Gesellschaft passen nicht zu dem herben, teils auch etwas biederen Stil, von dem Heinrich Bölls Werk durchzogen ist. Für den versehrten Industriearbeiter, der von der Front zurückkommt und nichts hat als die paar Lumpen an seinem eigenen Leib, mag dieser Ton, der ihn zum Nobelpreis geführt hat, passen. Die Mischung aus elitärem Vokabular und dem immer wiederkehrenden, schroffen Böll-Sound lässt den Roman allerdings an manchen Stellen ein wenig wirkungslos erscheinen, weil er nicht wirklich abtauchen kann in jene Gesellschaftsschicht, die er darstellen möchte.Hühnerfeld hatte dahingehend Recht, dass auch das Medium des Generationenromans für Böll nicht geeignet ist. Der Autor ist stark bei der Schilderung von zwei sich gegenüberstehenden Figuren; drei scheinen ihm bereits zu entgleiten. Von den drei Männern scheinen letztlich nur Heinrich und Robert wirklich interessant zu sein. Eine wirklich tragische, ergreifende Geschichte hat nur Robert. Ihm fühlt man sich nicht nur am meisten verbunden – er ist auch derjenige, an dem alle Leitmotive des Buches zusammenlaufen und der letztlich das Geheimnis des Textes in sich verbirgt. Möchte ein Roman gleichwertig den Lauf der Zeit an drei Figuren darstellen, vermag es allerdings nur bei einem, der zufälligerweise ähnliche Lebenserfahrungen wie sein Autor teilt, Empathie zu erzeugen, hat der Generationenroman seine Ziele weitgehend verfehlt. Böll mag eine gute Konstruktion des Romans vorgelegt haben – in der Umsetzung stehen ihm sein eigener Anspruch und die Stärken, die er literarisch hat, im Weg.Liest man den Roman Billard um halbzehn heute, kann man feststellen, dass man es mit einem klugen und scharf beobachtenden Autor zu tun hat. Das, worüber Böll schreibt, ist – entgegen vieler Unkenrufe, die ihm baldiges Vergessen vorausgesagt haben – hochaktuell und relevant. Doch man merkt deutlich, dass Böll ein Verarbeitender seiner eigenen Erfahrungen war. Ein Schriftsteller seiner Zeit. Möchte er zurück oder nach vorne, nach oben oder nach unten greifen, geht er das Wagnis ein, Authentizität dadurch zu verlieren, dass seine wirklichen Stärken immer erkennbar sein werden. So ist Billard um halbzehn ein risikoreicher und andersartiger Roman im Gesamtwerk des Nobelpreisträgers, aber sicher nicht sein bester.