★★★★★
k.A.
06.06.2026
ean-shopping.de
Ein absolut faszinierendes Buch, das mich sofort in die spannende Welt von Heinrich Heine und seiner Zeit entführt; die Harzreise ist eine großartige Lektüre.
Das Büchlein "Die Harzreise 1924" zu lesen, bedeutet auch die Entdeckung einer eigenständigen Naturkraft, die in der Anschauung des Herzens keinem irdischen Gesetz unterworfen ist. Damit ragt sie hin zum Göttlichen und beschreibt die Weltanschauung berühmter Pantheisten wie Goethe und Einstein...Heinrich Heine hat einst Schöhneit mit seelischem Empfinden vereint und so ein ewiges Zeitzeugnis geschaffen:[...]Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten Moosarten, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und Fasern bespült. Wenn man sich nach diesem Treiben hinabbeugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da lässt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Vögel singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Bäume flüstern wie mit tausend Mädchenzungen, wie mit tausend Mädchenaugen schauen uns an die seltsamen Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam breiten, drollig gezackten Blätter, spielend flimmern hin und her die lustigen Sonnenstrahlen, die sinnigen Kräutlein erzählen sich grüne Märchen, es ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint – ach, dass sie so schnell wieder verschwindet![...]oder:[...] Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und fröhlich stieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich, in jeder Hinsicht, Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen nicht so ganz leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken übersäet, und die meisten Bäume mussten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen und mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schöpfen können. Hier und da liegen die Steine, gleichsam ein Tor bildend, übereinander, und oben darauf stehen die Bäume, die nackten Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend und erst am Fuße derselben den Boden erfassend, so dass sie in der freien Luft zu wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Höhe emporgeschwungen, und mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen, stehen sie fester als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen Landes. So stehen auch im Leben jene großen Männer, die durch das Überwinden früher Hemmungen und Hindernisse sich erst recht gestärkt und befestigt haben. Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen, und unter denselben spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergnügen daran finden, es zu hetzen und zu töten. Solch ein Tier war barmherziger als die Menschen und säugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen Genoveva.[...]Nun, es gibt Zustände, in denen auf einer Scheidelinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit die Wahrnehmung der Welt verschwimmt. - Im Alleinsein mit der Natur ergeben sich oft solche Zustände - das lehrt uns die Erfahrung; jenes Alleinsein beinhaltet größte Verbundenheit mit dem Leisen - dem stillen Hauch sich wiegender Pflanzen, der gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit für den Duft der Blumen, den unzähligen Farb- und Schattenspielen und den leisen Bewegungen sich kräuselnden Wassers. - Die Beschreibung solcher berückenden Augenblicke finden wir in zahlreichen Passagen von Heinrich Heines "Harzreise".Ich wünsche viel Freude beim Lesen,Holger Jürges