Virginia Woolfs populärstes Werk “Orlando. Eine Biographie” stellt ein verschlüsseltes Porträt ihrer adeligen Geliebten und Schriftstellerin Vita Sackville-West dar. Ihre fiktive Romanbiographie ist laut Vitas Sohn Nigel Nicolson der “längste und bezauberndste Liebesbrief der Weltliteratur”. Das ist er auch, aber gleichzeitig enthält der geistreiche und farbenprächtige, mit Geschlechtermetamorphosen und Märchenmotiven spielende Roman eine Abrechnung mit der exzentrischen und bisexuellen Freundin Vita. Der unverwechselbare und virtuose Roman, eigentlich ein modernes, durch eine lange Zeitspanne (vom 16. Jahrhundert der Ära Elisabeths bis in die Gegenwart Virginia Woolfs) sich hinziehendes Epos mit satirischen Elementen enthält zahllose verschlüsselte Seitenhiebe gegen die treulose Geliebte und gegen die Berufskollegin, deren dichterische Bemühungen Virginia Woolf mit einiger Bosheit traktiert. Gleich der erste Satz verweist auf die für das Gesamtwerk Virginia Woolfs bedeutsame Problematik der Geschlechteridentität und der Geschlechterrollen: “Er - denn es konnte keinen Zweifel an seinem Geschlecht geben, wenn auch die Mode der Zeit einiges tat, um es zu verhüllen - war soeben dabei, auf den Kopf eines M... einzusäbeln, der von den Dachbalken baumelte.” Zu Beginn ist die Titelfigur also noch männlichen Geschlechts, auch wenn die Mode im 16. Jahrhundert das kaschiert oder nicht deutlich hervorhebt. Auf halbem Wege erlebt der Romanheld Orlando eine Geschlechtsumwandlung. Als Botschafter König Jakobs II. in Konstantinopel sinkt der inzwischen dreißigjährige Gesandte des Königs in einen tiefen Schlaf und erwacht nach sieben Tagen Schlaf als Frau wieder. Der Biograph würde über diese ungeheure und “widernatürliche” Metamorphose am liebsten den Mantel des Schweigens ausbreiten, diese Vexierspiel übergehen und “an dieser Stelle die Feder nehmen und FINIS unter unser Werk schreiben! Wie wir uns wünschten, wir könnten dem Leser das Kommende ersparen und kurz und bündig sagen, Orlando sei gestorben und begraben worden. Aber ach, hier jedoch rufen die Wahrheit, die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, diese herben Gottheiten, die am Tintenfaß des Biographen Wache halten, Nein!” Der Geschlechtswechsel wird von Orlando ohne jeden Protest und ohne jede Erregung hingenommen, an ihrem Aussehen, ihren Gesichtszügen und ihrer Identität (denn “der Konvention zuliebe” muss der Biograph “ihre” statt “seine und “sie” statt “er” sagen) hat sich mit der Annahme des biologisch anderen Geschlechts nichts geändert aber wie Virginia Woolf vorausblickend feststellt wird sich ihre Zukunft ändern, da diese mit anderen rigiden gesellschaftlichen Erwartungen an die Frauen verbunden ist.Das überraschende Verwandlungswunder hat Orlando zur Frau gemacht, ob nun die drei majestätischen Schwestern (Unser Liebe Frau der Reinheit, unsere Liebe Frau der Keuschheit, Unsere Liebe Frau der Sittsamkeit) Anstalten machen, als wollten sie Orlando im türkischen Schlafgemach mit ihren Gewändern zudecken, um diese Ungeheuerlichkeit und diese Unmöglichkeit zu verhüllen, ändert an diesem Geschlechtswechsel gar nichts. Nachdem Orlando einige Zeit in ihren türkischen Hosen mit Zigeunern umherzieht, wo sich die Geschlechter bis auf die eine oder andere kleine Wichtigkeit kaum voneinander unterscheiden, kehrt sie vom Heimweh gepackt nach England des frühen 18. Jahrhunderts zurück und wird sich am Deck der Enamoured Lady ihres neues Geschlechts zum ersten mal so richtig bewusst und der damit einhergehenden Vor- und Nachteile. Da wäre als allererstes die Kleidung jener Zeit, es stellt schon eine Plage dar, “diese Röcke um die Hacken zu haben. Dabei ist der Stoff” der herrlichste und exquisiteste der Welt, unterstreicht ihre Figur, bringt ihre Haut so vorteilhaft zur Geltung wie nie zuvor, behindert sie aber gleichzeitig in ihrer Bewegungsfreiheit, denn “wie könnte ich in Kleidern wie diesen über Bord springen und schwimmen? Nein! Deshalb müßte ich auf den Schutz einer Blaujacke vertrauen. Hätte ich dagegen etwas einzuwenden? Hätte ich das?” fragt sie sich, “an dieser Stelle auf den ersten Knoten im glatten Gewebe ihrer Argumentation stoßend.” Die Kleider machen Leute, aber sie machen auch das Geschlecht, das Thema des Geschlechtswechsels geben Virginia Woolf die Gelegenheit dazu, sich auf humorvolle und selbstironische mit gesellschaftlichen Vorurteilen und Geschlechterkonventionen auseinanderzusetzen. Der Wechsel der Kleider bewirkt bei Orlando einen “Gender Trouble”, eine veränderte Wahrnehmung auf sich und die Welt. Trotz ihrer “eitlen Nebensächlichkeiten” haben Kleider “wichtigere Aufgaben als nur die, uns warmzuhalten. Sie verändern unser Bild der Welt und das Bild der Welt von uns.” Bei Orlando liegt die Sachlage etwas anders, wie uns die Autorin schnell versichert. Kleider sind nur Symbole für etwas, das tief darunter verborgen ist. Die Geschlechtgrenzen bei Orlando bewegen sich in einem Fluidum. Es sind nicht die gesellschaftlichen Geschlechterrollen, “die ihr die Wahl eines Frauenkleides und eines Frauengeschlechts diktierte(n)”, sondern sie sind ein Ausdruck ihrer Androgynität und Bisexualität, “denn es war diese Mischung in ihr von Mann und Frau, wobei einmal das eine die Oberhand hatte und dann das andere, die ihrem Verhalten oft eine unerwartete Wendung gab.”Großartig wie Virginia Woolf die gleitenden Übergänge einer Epoche in ein anderes Jahrhundert an prägnanten Merkmalen und Details wiedergibt und dabei eine skizzenhafte und ironische Sozial- und Literaturgeschichte Englands vom 16. bis ins 20. Jahrhundert zeichnet. Die Ära Königin Victorias ist dadurch gekennzeichnet, dass die Geschlechter sich immer weiter voneinander entfernen. Die Frauenrollen werden stärker akzentuiert und erschöpfen sich in der Mutterrolle, “das Leben einer durchschnittlichen einer durchschnittlichen Frau bestand aus einer Folge von Geburten. Sie heiratete mit neunzehn und hatte, bevor sie dreißig war, fünfzehn oder achtzehn Kinder”. Die wahllose Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit ist in der Epoche des British Empire nicht mehr aufzuhalten und kriecht auch ins Tintenfaß und “so schwollen die Sätze, vermehrten sich Adjektive, verwandelte Lyrik sich in Epik, und kleine Nichtigkeiten, die ursprünglich Essays von vielleicht einer Spalte Länge gewesen waren, wurden jetzt zu Enzyklopädien in zehn oder zwanzig Bänden.” Orlando stellt noch eine weitere auffällige Veränderung zu der Zeit, als Königin Victoria auf dem Thron sitzt, fest: “Es schien ihr jetzt, als sei die ganze Welt mit Gold beringt. Sie ging zum Dinner. Es wimmelte von Eheringen. Sie ging zur Kirche. Überall waren Eheringe. …Konnte es also Königin Victoria gewesen sei, oder Lord Melborune? Waren sie es, von denen die große Entdeckung der Ehe ausging?” Bei diesen Überlegungen verspürt Orlando ein eigenartiges Kribbeln und Prickeln am eigenen Ringfinger, sie kauft sich einer dieser hässlichen Reifen, steckt ihn sich von Scham überwältigt an den linken Finger, doch es hilft nichts, “das Kribbeln hielt an, heftiger und entrüsteter denn je.” Folglich zieht sie das verzweifelteste aller Mittel in Erwägung, “nämlich sich vollständig und ergeben dem Geist der Zeit zu unterwerfen und sich einen Gemahl zu nehmen.” Ihre Wahl fällt auf den Forschungsreisenden Marmaduke Bonthrop Shelmerdine und an dieser Konstellation spielt Virginia Woolf wieder mit geschlechterverwirrenden Zeichen. Sich gegenseitig ihre Liebe gestehend, kommt den frisch Verlobten “ein schrecklicher Verdacht durch den Sinn”: “Du bist eine Frau!”, rief sie. “Du bist ein Mann, Orlando!”, rief er. “Seit Anbeginn der Welt”, schreibt die Biographin Virginia Woolf, “hatte es keine derartige Szene der Beteuerungen und Beweise gegeben, wie sie nun stattfand.” Wenn man stets im Hinterkopf hat, dass Virginia Woolf hier ihre Geliebte Vita Sackville-West fiktional porträtiert, erhält diese Szene mit ihrem Bräutigam eine doppelte Brisanz. Hinter der flüchtigen Figur von Shelmerdine, der auftaucht, Orlando heiratet und prompt wieder verschwindet um das Kap Hoorn zu umsegeln, steht nämlich der Ehemann von Vita, der Diplomat und Schriftsteller Harold Nicolson, der wie seine Frau homosexuelle Neigungen hatte und sie auch auslebte. Damit wird die Androgynität dieser Paarkonstellation angedeutet. Bevor sie jedoch in den Stand der Ehe eingehen können, muss Orlando, die seit ihrer Rückkehr nach England in unzählige kleine Rechtstreitigkeiten verwickelt ist (“Die Hauptanklagepunkt gegen sie lauteten, (1) dass sie tot sei und von daher kein wie auch immer geartetes Eigentum besitzen könne; (2) dass sie eine Frau sei, was ungefähr auf dasselbe hinausläuft; (3) dass sie ein englischer Herzog sei, der eine gewisse Rosina Pepita geehelicht habe, ein Tänzerin; und von ihr drei Söhne habe”, die aufgrund ihres angeblich verstorbenes Vaters Anspruch auf seinen gesamten Besitz erheben), auf offizielle Dokumente warten, die ihr unter anderem ihr neues Geschlecht juristisch bestätigen und beglaubigen sollen: “Geschlecht? Ah! Was ist mit dem Geschlechts? Mein Geschlecht”, las mit einiger Feierlichkeit vor, “wird unbestreitbar und über jeden Schatten eines Zweifels erhaben (was habe ich dir eben erst gesagt, Shel?) für weiblich erklärt.”Der Lebensstil von Orlando ist über die Jahrhunderte sehr pompös. Als er (zu diesem Zeitpunkt noch männlichen Geschlechts) auf seinem Anwesen (eine getreuliche Nachbildung des Stammschlosses Knole, dem Familiensitz aus dem hochadeligen stammenden alten Geschlecht der Sackvilles) eine Serie sehr glanzvoller Feste für den hohen und niederen Adel der Umgebung gibt, waren die 365 Schlafzimmer “einen Monat lang voll belegt.” Die Biographin gibt eine Liste der Ausgaben und Einkäufe aus den Rechnungsbücher Orlandos wieder, bis sie mit der Aufzählung an einer Stelle aufhört und -“es ist eine Wirkung, die Listen auf uns haben”- anfängt zu gähnen: “Aber wenn wir aufhören, so nur, weil der Katalog langweilig, nicht weil er zu Ende ist. Es gibt neunundneunzig weitere Seiten davon, und die gesamte aufgewendete Summe belief sich auf viele Tausende - das heißt Millionen in unserem Geld.” Zu Beginn der virtuosen Romanbiographie schildert Virginia Woolf in einem atemberaubenden Bildpanaroma die Zeit, als der Große Frost England im 16. Jahrhundert heimsuchte. Während das Landvolk unter dem Frost bitterste Not leidet, nutzt der kapriziöse König James die Gelegenheit um einen prächtigen Karneval auf dem zugefrorenen Fluss für seinen Hof zu veranstalten, versehen mit Lustgärten, Zechbuden und Pavillons. Es wird diniert, “Liebende tändelten auf Diwanen, ausgelegt mit Zobelpelzen”, “bunte Ballons schwebten reglos in der Luft. Hier und dort brannten riesige Freudenfeuer aus Zedern- und Eichenholz, “doch so heiß sie auch brannten, die Hitze war nicht groß genug, das Eis zu schmelzen”. Die Festivitäten dauern, bis der Regen einsetzt (Orlando wurde plötzlich “von einem Schlag ins Gesicht getroffen… Der trockene Frost hatte so lange gewährt, dass er eine Minute brauchte, um zu erkennen, dass dies fallende Regentropfen waren; die Schläge waren die Schläge des Regens.”), der die Eismassen zum schmelzen bringt. Auf die Themse schauend, bietet sich Orlando ein Anblick der ungewöhnlichsten und furchtbarsten Art dar: “Wo drei Monate und länger festes Eis von einer solchen Dicke gewesen war, dass es so dauerhaft wirkte wie Stein, und eine ganze fröhliche Stadt auf seinem Pflaster gestanden hatte, herrschte nun ein Wettlauf aufgewühlter gelber Wasser. Der Fluß hatte über Nacht seine Freiheit zurückgewinnen.” Die in der Nacht überraschten Menschen laufen auf ihren kreiselnden gefährlichen Inseln auf und ab und ob sie sich in die Fluten stürzen oder auf den Eisinseln bleiben, “ihre Untergang war gewiss.” Orlando sieht einen alten Mann, der aus einem heiligen Buch laut vorzulesen scheint, einen Edelmann, der Racheflüche auf irische Rebellen herab ruft, die diese Teufelei ausgeheckt haben. Während die einen sich mit ihren Gebeten an Gott wenden und Besserung versprechen, grölt und brüllt eine Besatzung junger Fahrmänner oder Postillione die übelsten Tavernenlieder und geht mit Gotteslästerungen auf den Lippen unter. Möbel, Kostbarkeiten und Habseligkeiten aller Art werden auf den Eisbergen davongetragen, “eine Tafel, die üppig für ein Mahl für zwanzig Personen gedeckt war; ein Paar im Bett”.In diesem Jahr wäre der 140. Geburtstag von Virginia Woolf gewesen. “Orlando” ist ein Ausdruck ihrer spielerischen und künstlerischen Experimentierfreudigkeit. Die über drei Jahrhunderte reichende Lebensgeschichte einer verschlüsselten “Märchenfigur” ist eine Mischung aus Scherz, Ironie, Parodie, historischem Gemälde und einem Nachdenken über Geschlechteridentitäten und Geschlechterrollen. Großartig!
★★★★★
Nathalie Verena Ulrich, AUT
30.03.2024
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Der Roman ist leider nicht so witzig und unterhaltsam wie erhofft und von der Autorin gedacht, er zieht sich leider trotz des spannenden Themas. Ich habe Orlando insgesamt nicht ungern gelesen - er/sie ist ein faszinierender Charakter -, aber der entscheidende Funke ist leider nicht übergesprungen, ich wurde nie warm mit Orlando und weiß nicht einmal den einen genauen Grund dafür. Vielleicht sind mir die Einschübe der Autorin, wenn sie die 4. Wand durchbricht, zu viel, auch wenn genau diese manchmal kurzweilig und informativ sind, etwas Background geben. Allerdings stören sie gleichzeitig etwas das Romanhafte, die Illusion. Vielleicht ist mir Orlando zu gekünstelt, zu artifiziell, etwas zu gewollt konstruiert und erinnert dabei gleichzeitig leider zu viel an klassische Goethe-Figuren.Vor kurzem war ich selbst in London und ich mag die Stadt sehr, hatte auch gleich meinen Reiseführer bei der Hand und für Geschichte interessiere ich mich sowieso sehr. London und seine Geschichte hat Woolf ausreichend umfangreich sowie einige andere Figuren hinreichend interessant geschildert. Und trotzdem wurde ich nicht heimisch in ihrer Welt, fühlte mich nicht so wohl. Das surreale Momentum blieb mir zu vage, zu unbestimmt, zu zufällig, nebensächlich - ja, zu märchenhaft. Und Märchen sind nicht meins.Stilistisch ist das Buch über weite Strecken ein Genuss, man merkt ihm aber die Zeit bzw. Epoche seines Entstehens an (die 1920er Jahre, wie Joyces Ulysses). Manchmal ist das etwas anstrengend und zäh, wenn es (auch hier) gekünstelt wird/wirkt - Woolfs hoher Anspruch an sich und die Leserin blitzt durch viele Zeilen.Lesenswert ist das Buch ganz klar aus feministischer Sicht: die Autorin analysiert sehr genau und unumwunden weibliche (und männliche) Zwänge, Normen und Verhaltensweisen über die Jahrhunderte hinweg.Im Endeffekt überwiegt das Positive die negativen Punkte und es gibt 4 Sterne von mir.