★★★★★
k.A.
12.06.2026
ean-shopping.de
Ein sehr atmosphärisches Buch, das einen tiefen Einblick in die Stimmung Prags um 1600 bietet, allerdings finde ich einige Details etwas zu dicht.
Im Prag des beginnenden sechzehnten Jahrhundert sieht Kaiser Rudolf II. die schöne Jüdin Esther und verfällt ihr. Rabbi Loew, der die Juden Prags vor der Verfolgung bewahren will, spricht einen Zauber und fortan träumt der Kaiser, dass Esther jede Nacht in sein Schlafgemach kommt.Aber aus dem Zauber folgt nichts Gutes: Die Pest sucht Prag heim und Rabbi Loew sieht sich gezwungen ...Doch das müssen Sie schon selbst lesen ;-).Nein, Perutz ist nicht Zeitgeist, weder Pop-Literatur nochneudeutsche Weinerlichkeit und auch nicht bombastisches Historiengemälde, das dem Leser bestätigt, was er längst über die Vergangenheit zu wissen glaubt. Im Gegenteil, das ist magischer Realismus pur, wie ihn angeblich nur die Südamerikaner beherrschen, aber Perutz war ein deutscher Jude Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts.Er verquickt solide historische Tatsachen auf höchst eigene Art mit Sagen aus Prag, aus der Stadt der drei Nationen (Tschechen, Deutsche und Juden) und webt daraus einen Erzählteppich, der den Leser fesselt und am Ende sich fragen lässt: Was davon ist nun wirklich geschehen? Er zeichnet lebendige Personen, sein Stil ist unaufdringlich und er weiß seine Handlung aufzubauen.Perutz war in den Zwanziger Jahren bekannt und beliebt, musste vor Hitler fliehen und starb in den Fünfziger Jahren weitgehend vergessen in Tel Aviv. Ein Beispiel mehr, was die deutsche Literatur durch Hitler und die Nazis verloren hat, welche Erzähltalente vertrieben wurden und - viel schlimmer! - erst nach Jahrzehnte versuchte man, sie zurückzuholen.Und immer noch stimmt, was Alfred Polgar 1926 über Leo Perutz sagte:"Ich überschätze die Bücher des Leo Perutz nicht. Es sind spannende Erzählungen mit einem leuchtenden Kern, in denen Einbildungskraft und Ökonomie des Ausdrucks gepaart erscheinen. Sie vermitteln dem Leser kein neues Bild des Seins, reden kein Loch in den Bauch der Welt, helfen nicht über Tod, Dalles, glückliche und unglückliche Liebe. Sie versprechen dir nicht die Ewigkeit, aber sie erfüllen redlich die Stunde, in der du sie liest."
Perutz ist für mich persönlich eine der Entdeckungen des Jahres. Das ist große Sprachkunst im kleinen Format. Keine Ahnung warum ich vorher nichts von ihm wusste.Die Geschichte dieses Buchs ist zur Zeit des Kaisers Rudolf II in Prag angesiedelt, gegen Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Frühzeit des Dreißigjährigen Krieges, nach Rudolfs Tod. Viele Episoden spielen im Judenviertel oder auf dem Hradschin. Jedes Kapitel für sich ist eine wunderbare, meist humorvolle und fast eigenständige Kurzgeschichte. Besonders gefiel mir die Geschichte von Wallensteins erfolgreicher und wohlhabender Heirat infolge eines Irrtums. Dass sich das Ganze zu einem Roman fügt, ist mir eher nebensächlich, aber das Kompositionsgeschick sollte auch gelobt werden.