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Dr. Stefan Bittner
05.04.2024
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Was tun, wenn man nicht mehr weiterkann?Kilian W. Mehls Buch „Warum tun wir nicht, was wir wissen?“. Schwabe Verlag Berlin 2023von Priv. Doz. Stefan Bittner (Philosophie, Geschichte, Allg. Erziehungswissenschaft)Der Autor Dr. med. Kilian W. Mehl, Gründer und langjähriger Leiter der Klinik Wollmarshöhe bei Ravensburg, erklärt, wie er allen denjenigen hilft, die mit ihrer Lebens- und Arbeitswelt nicht zurechtkommen. Die charmante Erstdiagnose macht auch sofort klar, dass nicht die einzelnen Menschen krank sind, sondern ihre sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen: Der Mensch hat sich mit seinem Verstand (ratio) ein artspezifisches Lebensumfeld (Biotop) geschaffen, das toxisch auf ihn zurückwirkt, weil seine Gefühle dessen rasanter Entwicklung nicht gewachsen sind. Abhilfe schafft nur eine Aktivierung seiner emotionalen Kräfte (Epigenetik), die ihm einen sinnstiftend-evolutionären Umgang mit der bedrohlich wirkenden Welt ermöglichen. Sofern er sich auf diesen Weg einlässt, ist er als anpassungsfähigster aller Primaten (Darwin) dazu hervorragend geeignet.Dann die Therapie: Ansonsten nur Folge persönlicher Betroffenheit können Gefühle auch durch gelebte Basiskompetenzen wie Zielstrebigkeit, Stress- und Ambiguitätstoleranz (das Ertragen von Widersprüchen), Empathie, Wertschätzungs-, Kommunikations- oder Konsensfähigkeit geweckt werden, um nur einige zu nennen. In lebenswirklicher Umsetzung dieser Fertigkeiten entdeckt der Mensch nicht nur ein neues Verhältnis zu sich selbst und seinem persönlichen Biotop, sondern wird auch zur Keimzelle einer neuen Gesellschaft, in der ratio und emotio sich interaktiv befruchten und kontrollieren. Ziel ist kreative Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung mitsamt der zugehörigen Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen; letztlich aber eine hohe Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegenüber nicht mehr händelbaren Beanspruchungen (Dysstress).Dabei sind Symptome wie Narrative (monokausal-einseitige, vordergründig sinnstiftende Welterklärungen, also etwa Ideologien und Verschwörungstheorien) ebenso wie Ängste, Schwarz-Weiß-Denken, Suchterscheinungen, Schuldzuweisungen oder die Katastrophisierung von Alltäglichkeiten, aber auch festgefahrene Verwaltungen oder überbordende Rechtsvorschriften außerordentlich hinderlich und deshalb zu überwinden. Der Weg zum basiskompetenten Handeln beginnt folglich immer bei einer multiperspektivischen Wahrnehmung, die auch gleichzeitig zurück zur eigentlichen, weil sozial gelebten Demokratie führt. Gerade in den Schulen müssten deswegen verstärkt Möglichkeiten zum Erfahrungshandeln und damit zum Erlernen von Basiskompetenzen angeboten werden, was sich bisher höchstens in reformpädagogischen Ansätzen findet. Aber auch das Arbeitsplatzmanagement vieler Firmen muss sich neu organisieren. Diese Grundgedanken vertieft der Autor mit vielen wissenschaftlichen Belegen und Beispielen.Flutkatastrophe, Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg sind schicksalhafte Warnschüsse: Diese Extremfälle zeigen am anfänglichen Kontrollverlust und blinden Aktionismus von Individuen, Gruppen und Staatsapparat, wie wenig die rationale Welt gegen Katastrophen gewappnet ist. Solange die Menschheit den – hiermit vorgelegten – Weg zur Anpassungsbereitschaft also nicht beschreitet, steuert sie in den nächsten (vorhersagbaren) Katastrophen ihrem selbstverschuldeten Untergang zu. Aber leider: Wer mag schon die üblen Prophezeiungen der Kassandra? „Warum tun wir nicht, was wir wissen?“ ist deshalb die zukunftsweisende Umkehr der resignativen letzten Worte „Denn sie wissen nicht, was sie tun!“Wirft der Autor nur ein weiteres Narrativ in den Heuhaufen von Weltrettungs-Theorien und Heilsangeboten oder geht es um mehr? Die Frage ist leicht beantwortet: Zum einen gründet er sich auf bedeutende (sozial)philosophische Traditionen (vgl. u.a. Platons Überlegungen zur menschlichen Natur, Kierkegaards Die Krankheit zum Tode und Der Begriff der Angst oder Kants Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit) und führt zum anderen wesentliche psychologische und medizinische Erkenntnisse gekonnt und sinnstiftend zusammen. Nicht zuletzt darf er als medizinischer und psychotherapeutischer Praktiker auf tausende Patientinnen und Patienten verweisen: Mit seinem Team konnte er unter Einsatz der ganzheitlich-systemischen Analyse sowie auf Basis der angeführten ‚Klinikphilosophie‘ mitsamt der daraus entwickelten Erfahrungstherapie (eine Vielzahl spannender, die herkömmliche ‚Erlebnispädagogik‘ weit übertreffender ‚Anwendungen‘ vom gemeinsamen Wandern und Essen über Malkurse, Steinarbeit, Bogenschießen, Schwertkampf, asiatische Meditationsübungen oder Hochseilklettern bis hin zum Floßbauen oder einem knallharten, einwöchigen Überlebenstraining im Wald) nachweislich in eine langfristig wirkende Resilienz entlassen. Insofern: Ein bedeutendes und lesenswertes Buch, das unter anderem durch leichte Verständlichkeit überzeugt.