★★★★★
Winfried Brinkmeier
16.07.2023
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Rezension des Buches „Vom Leben und Sterben - Ein Ehepaar diskutiert über Sterbehilfe, Tod und Ewigkeit - Im Gespräch mit Wolfgang Thielmann" von Anne und Nikolaus Schneider, erschienen und © 2019 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-VluynISBN 978-3-7615-6533-9 PrintIn 5 Kapiteln geht es in diesem Buch um umstrittene Fragen des Sterbens. Darf ich selber bestimmen, wann ich sterbe? Was bedeutet Würde am Ende des Lebens? Sollte Sterbehilfe erlaubt werden? Die Autoren, beide Theologen, streiten in einem Gespräch mit dem Journalisten und Theologen Wolfgang Thielmann auf hohem ethtischen Niveau.Anne Schneider war Religionslehrerin an einer Realschule. Tod, Sterben und Sterbehilfe war Teil ihres Unterrichts in den Klassen 9 und 10. Schon seit ihrem gemeinsamen Theologiestudium streitet sie mit ihrem Mann über diese Fragen. Vor 14 Jahren starb ihre jüngste Tochter Meike an Leukämie. Vor mehr als 4 Jahren bekam sie die Diagnose "Brustkrebs". Dies machte ihre langjährigen Diskussionen noch persönlicher. Sie stritten auch darüber, ob für sie ein assistierter Suizid - etwa in der Schweiz - denkbar wäre. Für sie war das der Fall, für ihren Mann nicht. In dieser Kontroverse hatte er ihr allerdings zugesagt, sie in einer solchen Ausnahmesituation zu begleiten und ihre Hand zu halten; er würde aber ihr Sterben nicht aktiv herbeiführen. Sie will dem Leben nicht um jeden Preis hinterher laufen. Sie sieht dies als Konsequenz von der "Freiheit selbstbewusster Christenmenschen".Nikolaus Schneider war von 2003 bis 2013 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Für ihn waren Beerdigungen eine Hauptaufgabe seiner Zeit als Gemeindepfarrer. Die Beerdigungsfeiern waren im Grunde eine Anleitung zur Sprach- und Denkfähigkeit und damit auch zur Handlungsfähigkeit von Menschen im Umgang mit Tod und Sterben, um "gut" leben zu können. Im Umgang mit Sterbenden sollten vor allem die Bedürfnisse und Wünsche der Sterbenden maßgebend sein. Am intensivsten betroffen war er bei der Begleitung seiner Tochter Meike während ihrer Leukämieerkrankung und ebenso, als seine Frau an Krebs erkrankte und sie in absehbarer Zeit mit ihrem Tod rechnen mussten. Beide Erfahrungen haben ihn "zutiefst durchgerüttelt".Aus der Bibel heraus nimmt Nikolaus Schneider seine Auffassung, dass wir dem Herrn leben und dem Herrn sterben (Römer 14,8). Dewegen meint er, wir Menschen sollten das Geschenk des Lebens nicht eigenmächtig durch einen Suizid an Gott zurückgeben. Darin unterscheidet er sich von seiner Frau. Für manche Menschen - auch für seine Frau Anne - ist es theologisch und ethisch ein denkbarer Schritt, nicht nur "passiv" auf eine Therapie zu verzichten oder sie abzubrechen, sondern "aktiv" ein Medikament zu nehmen, das den Tod herbeiführt. Darin liegt für Nikolaus Schneider eine Tabugrenze. Deswegen kann er eine aktive Beendigung seines Lebens bzw. eine aktive Suizidassistenz mit seinen Werten und Normen nicht vereinbaren, sagte seiner Frau aber im Enstfall die ensprechende Begleitung zu. All dies begründet er in dem Buch ebenso wie seine Frau ihre konträre Position auf gesichertem theologischen Fundament. Darauf legt sie Wert. Nikolaus Schneider lehnt die kommerzielle und organisierte Sterbehilfe ab, well nach seiner Einschätzung dadurch die Würde eines Menschen beschädigt wird. Die EKD wollte im Jahre 2014, als es um eine in ihren Augen angemessene Gesetzesvorlage zur Regelung der Sterbehilfe ging, ihre Vorstellungen einbringen, die mit ihren theologischen und kirchlichen Menschenbildern, Gottesverstellungen und Normen kompatibel ist. Die Verantwortlichen wollten auch im Auge behalten, dass mit einer weitestgehenden Freigabe von Einschränkungen zum Suizid ein psychischer Druck erzeugt werden kann, sich gegen ein Weiterleben und für einen schnellen Tod zu entscheiden. Anne und Nikolauis Schneider gehen die Sterbehilferegelungen in Holland und Belgien zu weit.Der Leiter der Diskussion wirft ein, dass die Vertreter der römisch-katholische Kirche überzeugt davon sind, dass sie den Menschen sagen müssten, was gut ist. Dies ist laut Anne Schneider ein wesentlicher Unterschied zwischen dem katholischen und dem evangelischen Sendungsbewusstsein. Die einzelnen evangelischen Christen sind im Blick auf ihre Beziehung zu Gott und auf ihr Verständnis von Gottes Wort von der krichlichen Hierarchie befreit. Der Christ hat Zugang zu Gottes Wort und muss in eigener Verantwortung das Wort Gottes reflektieren und Entscheidungen treffen. Dies ist ein lesenswertes Buch. Gerade für ältere Menschen, denen die letzten Fragen von Leben und Sterben immer näher kommen. Da haben sich drei Menschen aus ihrem tiefen christlichen Glauben heraus fundamentale Gedanken gemacht über die letzten großen Fragen und darüber ausgetauscht. Diese Gedanken geben uns ein Bild davon, welche Tröstungen uns unser christlicher Glaube bereit hält. Aber es macht auch deutlich, dass dieser christliche Glaube kein Wissen ist , vielfach im Ungefähren stecken bleibt und sich letztendlich immer wieder der strengen vernunftmäßigen Durchdringung entzieht. Er ist halt Glaube. Gesegnet sind die, welche ihn haben. Weil er den schwierigen Weg durch Leben und Sterben erleichtert in der Hoffnung auf die Gnade durch IHN und ein Wiedersehen im Jenseits. Es bleibt die Hoffnung auf einen gütigen Gott. Denn Gott ist Liebe.Das Buch ist gut und nachvollziebar geschrieben. Am Ende der Lektüre hat der Leser das Gefühl, ein gutes Buch gelesen zu haben, dessen Lektüre ihn wieder ein wenig weitergebracht hat in der Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Sterben. Es zeigt auch, wie wichtig es ist, miteinander zu reden und ggf. zu streiten, um nach den richtigen Wegen zu suchen und zu tragfähigen Lösungen zu kommen in grundlegenden wichtigen Fragen, wie dies der Suizid Sterbenskranker ist. Und wie wichtig dabei der Liebe entsprungene Kompromissfähigkeit auf Augenhöhe sein kann. Dies Buch ist eine Bereicherung. Ich gebe ihm mit meiner Gesamtbeurteilung die Höchstnote von 5 Sternen.
★★★★★
Dr. Rudolf Sanders
16.07.2023
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Ein Buch, das berührt, weil jeder von uns immer wieder mit den Fragen nach dem guten Leben und nach einem guten Sterben konfrontiert wird. Sie Theologin und Realschullehrerin für Mathematik und evangelischer Religion und er von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der EKD. Über 50 Jahren verheiratet haben sie ihre Tochter Meike in ihrer Krebserkrankung bis zu ihrem Tod begleitet. Und als Anne Schneider 2014 an einer aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt, steht sie vor der Frage, ob sie gegebenenfalls in der Schweiz passive Sterbehilfe in Anspruch nehmen würde? Wie würde ihr Mann dazu stehen?Zwei Menschen, tief im christlichen Glauben verankert, diskutieren unter der Leitung von Wolfgang Thielmann, einem Autor der Wochenzeitung DIE ZEIT. In ihrem Gespräch benennen sie Fragen und Themen, die jeden Christen, der sich mit seiner Religion auseinandersetzt, betreffen. Wenn ich Gottes Ebenbild bin, darf ich dann mein Leben selbst beenden? Was macht die Fülle des Lebens aus? Gehört nicht vielleicht auch der Prozess des Sterbens gerade dazu? Kann dieser bewusst mit Angehörigen gestaltete und erlebte Prozess vielleicht nicht für alle Beteiligten zu einer Bereicherung werden? Aber was tun, wenn man des Lebens satt ist, vielleicht keine Angehörigen hat, die einen liebevoll begleiten, kann es dann nicht auch zur Würde gehören, dieses Leben selbstbestimmt zu beenden? Besteht andererseits dann aber nicht die Gefahr, wenn ein Mensch mit seiner ökonomischen Bilanz die Gesellschaft belastet, ein Druck entsteht, den Tod wählen zu müssen, weil ein lebensbejahendes Klima in der Gesellschaft der Profitmaximierung weicht?Die beiden konfrontieren und machen Mut, über richtiges Leben und richtiges Sterben nachzudenken und damit eigene Positionen zu suchen und immer mehr zu finden. Ein Prozess der vielleicht nie abgeschlossen ist.Dr. Rudolf Sanders