★★★★★
Karlheinz Schmiedel - Buchliebhaber
10.09.2023
amazon.de
Bei diesem interessanten Buch ist einiges ungewöhnlich. Zunächst Autor und Autorin. Die Berlinerin Yvonne Groß, Jahrgang 1969, ausgebildet zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste mit mehrjähriger Tätigkeit im Deutschen Musikarchiv, scheint auf Anhieb nicht prädestiniert dazu, eine Veröffentlichung über einen Bildenden Künstler herauszugeben. Doch schon 2014 war sie mit einer Publikation über den Galeristen Florian Karsch erfolgreich. Der wiederum hatte sich völlig dem Expressionismus hingegeben und besonders Otto Dix herausgestellt.Der Schweizer Ingenieur Ludwig Scheidegger, Jahrgang 1941, war in der Industrie tätig und hatte danach die Stiftung der Familie von Siemens geleitet. 2009 war er Koautor einer Publikation über „Die Geschichte von Gostilitzy“, einem Schloss nahe St. Petersburg im Besitz von Carl von Siemens. Das erklärt wohl die Verbindung zu Heinrich Füssli, dem „Helden“ unseres Buches: seine Tochter Nora heiratete gleich zweimal in die Familie von Siemens hinein.Ungewöhnlich ist auch dieses Buch: Es huldigt einem Künstler, der – streng genommen- gar nicht in der Zeit steht. Er ist durch und durch Porträtist, es gibt keine Stillleben und keine Landschaften in seinem Werk, lediglich einige Reiseskizzen. Auch Akte sind sehr selten. Der Künstler lebte von 1830 bis 1916 in Zürich, Venedig, Paris, München, Rom, Florenz, Karlsruhe, war also, wie wir heute sagen, Kosmopolit.Umso verwunderlicher ist seine Beschränkung auf das Porträt. Schon 1837 war Daguerre mit Porträtfotografien an die Öffentlichkeit getreten, 1863 hatte Manet mit seinem „Frühstück im Grünen“ Aufsehen erregt und der oben angesprochene Expressionismus fand weltweit Anerkennung. Auch wenn man die zu gleicher Zeit entstandenen Gemälde Gustav Klimts von Damen der Wiener Gesellschaft betrachtet, scheint Füssli aus der Zeit gefallen zu sein.Dennoch war er ein gefeierter und vielfach geforderter Porträtist, und das, obwohl er seine Modelle meist mit sehr langen Sitzungen quälte. Der Künstler hatte in Italien Tizian und Raffael studiert. Autorin und Autor unseres Katalogs sehen in ihm eine Künstlerpersönlichkeit, die dem Feinen, dem Eleganten und Aufrichtigen verschrieben war.Dies schlägt sich auch nieder in der Art, wie sie uns die Gemälde Füsslis darbieten: Die frappierend naturnahen Porträts werden meist in ihren prächtig geschnitzten und reich vergoldeten Barockrahmen abgebildet. Das macht sie sehr authentisch. Das Werkverzeichnis ist klar gegliedert, jedes Werk wird ausführlich beschrieben und gibt dem Leser wichtige Hinweise auf Entstehung, Ausstellungen und Verbleib. So bleibt trotz anfänglicher Skepsis ein großes Lob für diese ungewöhnliche Ausarbeitung.Karlheinz Schmiedel