„Ihr Menschen aller Weltteile, die ihr seit Äonen dahin gingt: Ihr hättet also nicht gelebt und etwa nur mit eurer Asche die Erde gedüngt, damit am Ende der Zeit eure Nachkommen durch europäische Kultur glücklich würden?Was fehlet einem stolzen Gedanken dieser Art, dass dies nicht Beleidung der Natur heiße“.Diese Frage stellte der Humanist Johann Gottfried Herder 1780 in seiner „Philosophie zur Geschichte der Menschheit“. Anders als viele seiner Zeitgenossen stellte er sich gegen die Unterteilung der Menschheit in Rassen und die Selbstüberschätzung der Europäer. Stattdessen warb er für Toleranz und für eine Wertschätzung anderer Kulturen als Bereicherung.Wenn heute Kulturen aufeinanderprallen, stellt sich die Frage: „Wie wollen wir, aber auch, wie können wir miteinander leben“. Dabei ist es hilfreich, „den Anderen zu verstehen“, was nicht heißen muss, alles gut zu finden. Sicher ist, dass „unsere europäische“ Art zu leben, nicht die einzig mögliche ist. Wahrscheinlich ist sie auch nicht allein geeignet, um die Anforderungen der Zukunft zu meistern. In diesem Sinne ist Ingolds „Manifest einer Anthropologie“ ein Angebot, auch von den Erfahrungen anderer zu lernen. Weise zu sein heißt für Ingold in diesem Sinne, sich in die Welt zu wagen und sich dem auszusetzen, was dort vor sich geht. Weise zu sein heiße auch, aufmerksam zu sein, den Mantel der Allwissenheit abzulegen, den anderen ernst zu nehmen, und zu prüfen, ob von ihm vielleicht sogar etwas zu lernen oder gar anzunehmen sei.Menschliches Leben hat sich immer an dem orientieren und anpassen müssen, was die natürlichen Bedingungen ermöglichten. Von daher haben die Europäer das Glück, dass der Golfstrom lange für ein beständiges Klima gesorgt hat, bis wir global über unsere Verhältnisse hinausgegangen sind. Ingold beschreibt zum Vergleich Völker, die noch in einer Weise leben, die die natürlichen Bedingungen ihrer Existenz nicht zerstört. Solche Beispiele geben eine Vorstellung davon, wie Anthropologie existierende Muster in Frage stellen und den Raum des Denkens erweitern könnte. Ingolds Buch präsentiert am Ende kein ausgearbeitetes Programm, aber immerhin eine Skizze, wie es weitergehen könnte. So darf man seinen Entwurf als einen vorläufigen, aber wichtigen Denkanstoß auch für eine Anthropologie sehen, die jenseits ihrer akademischen Spezialisierung wieder gesellschaftliche Relevanz zurückgewinnen könnte.