Wenn ich bei einem Taschenbuch für € 39,00 auf den „Kaufen“-Button drücke, befällt mich ein gewisser Zweifel, ob ich nicht etwa einen Fehler gemacht habe. Angesichts der Fülle von populärwissenschaftlichen Büchern, die das Reich Gottes betont präsentisch-diesseitig beschreiben, war ich auf der Suche nach einem Buch, das den neutestamentlichen Befund gründlicher untersucht.Genau das tut Volker Gäckle in dem vorliegenden Buch. Systematisch werden Forschungsgeschichte, Altes Testament und frühjüdische Schriften untersucht. In den Kapiteln 4-8 geht Gäckle dem Begriff in den neutestamentlichen Schriftengruppen mit ihren Differenzierungen und Unterschieden nach. Abschließend wird die Wirkungsgeschichte in den nachkanonischen Schriften aufgezeigt.Gäckles Exegese ist minutiös und in ständiger Diskussion mit anderen Veröffentlichungen. Dabei macht er keinen Bogen um Schriftstellen, die in Spannung zu seiner These stehen. Er zeigt aber sehr deutlich, dass die überwiegende Verwendung des Begriffs „Reich Gottes“ im Neuen Testament einen zukünftigen Heilsraum (Worte vom „Hineingehen“) und eine Heilsgabe (Worte vom „Empfangen“) bezeichnet. Dieser Befund wird auch dadurch bestätigt, dass im johanneischen und paulinischen Sprachgebrauch vom „ewigen Leben“ synonym zum Reich Gottes gesprochen werden kann. Es kommt ohne das Zutun von Menschen. Jünger Jesu sollen um das Kommen des Reiches Gottes bitten, ihr Auftrag wird aber nicht als eine Arbeit oder Mitwirkung am Reich Gottes beschrieben.Erhellend ist die Analyse der frühjüdischen Schriften. Die Behauptung, ein dynamisches Verständnis vom Reich Gottes sei durch die frühjüdischen Schriften zwingend vorgegeben, widerlegt Gäckle überzeugend.Sehr spannend finde ich auch die Beobachtung, dass die Schriftstellen, die vom Reich oder der Vollmacht Christi sprechen, nicht das Gleiche meinen, wie das Reich Gottes. Es hätte wohl den Rahmen der vorliegenden Arbeit gesprengt, darauf weiter einzugehen.Bedauerlich finde ich auch, dass die Forschungsgeschichte nur die letzten 200 Jahre umfasst. Mich hätte sehr interessiert, was die Reformatoren und die Exegeten der protestantischen Orthodoxie zum Thema geschrieben haben. Ich kann aber verstehen, dass ein Autor, der eine biblisch-theologische Studie verfasst, irgendwo eine Grenze ziehen muss.Das Buch hat einen angenehmen, flüssigen und uneitlen Stil. Trotzdem ist es eine wissenschaftliche Arbeit, die ohne theologische Vorbildung wohl nur schwer zu verstehen wäre. Ich habe den hohen Preis für dieses Fachbuch keinen Moment bereut. Es ist ein großartiges Buch.Um diesen wichtigen Beitrag einem größeren Publikum zugänglich zu machen, fände ich es wünschenswert, wenn der Autor eine allgemeinverständliche Version schreiben würde.