Im Beratungskontext wird man kaum auf eine Kollegin oder einen Kollegen treffen, die oder der nicht systemisch arbeitet. Und doch fragt man genauer nach, ist nicht wenigen nicht bewusst, was sie eigentlich genau damit meinen. Fragt man nach Kybernetik, Chaostheorie oder Lösungen zweiter Ordnung müssen sie passen. Es ist sicherlich nicht übertrieben gesagt, dass der Ausdruck Systemisch inflationär für Beratung und Therapie genutzt wird.So ist es in hohem Maße sinnvoll, durch eine neue Praxisreihe – und hierbei handelt es sich um das erste Buch – das Gebiet der systemischen Therapie und Beratung aus der Praxis für die Praxis zu durchleuchten und so eine schulen- und disziplinübergreifende Entwicklung in Therapie und Beratung zu fördern und zu unterstützen. Die Autoren sind sich bei diesem Unterfangen bewusst, dass eine wissenschaftlich fundierte, aktiv forschende und disziplinübergreifende, transdisziplinäre Psychotherapie und Beratung erst im Entstehen begriffen ist. Aber sie sind damit angefangen, und das ist gut so!Aus der Beratung wissen wir, dass Heilung nicht machbar ist, aber wir sind in der Lage, Selbstheilungskräfte zu unterstützen, Bedingungen zu schaffen in welchem Klienten neue Erfahrungen machen können, die ihrem Cortex zur Verfügung stehen. Damit unterstützen wir dann deren Selbstorganisationsprozesse.Das soll am folgenden Beispiel deutlich werden: Ich erlebe zwar, dass meine Art Paartherapie zu machen wirksam ist (Sanders 2006), dass die Arbeit mit dem Körper, dem Embodiment (Hofmann 2010), wichtige Prozesse anstößt, dass gerade in einer Gruppentherapie mit Paaren sich immer wieder Situationen eröffnen, die Heilungsprozesse in Gang setzen (Kröger & Sanders 2005), aber die Erklärung, eine Metatheorie dafür, was sich vor meinen Augen abspielt, wird mir von den Autoren in diesem Band geliefert. So besteht Professionalität der therapeutischen Arbeit nach deren Auffassung darin, Interventionen und Behandlungstechniken nicht zuvörderst nach einem vorstrukturierten Programm ablaufen zu lassen, sondern Bedingungen für Selbstorganisationsprozesse der Klienten herzustellen. So gewinne ich Ratsuchenden zur Teilnahme des sexualtherapeutischen Seminars Kleines Genuss Training im Rahmen der Partnerschule damit, dass ich ihnen sagen, dass die Beraterinnen und Berater lediglich einen Rahmen zur Verfügung stellen. Wir sagen ihnen explizit nicht, wie genau sie ihre Sexualität miteinander gestalten sollen. Stattdessen gestalten wir in diesem Rahmen etwa durch eine Trance, in der es darum geht, die Trennung von Geist und Körper zu überwinden oder durch das Gespräch über konkrete Fragen zum Thema Sexualität in kleinen Gruppen mit fremden Partnern die Möglichkeit, dass sich in ihnen etwas Neues generieren kann. Und mit diesem Neuen werden sie dann mit ihrem Partner für sie stimmige und einmalige Wege finden, ihre Sexualität zu leben. In der prospektiven Evaluation, mithilfe des Fragebogens zur Lebenszufriedenheit (FLZ, Zerssen 1986), lassen sich diese dann in einer signifikanten Verbesserung abbilden (Kröger 2006).Die Absicht, mit einem Konzept eines synergetischen Prozessmanagements Psychotherapie und Beratung als Förderung von Selbstorganisationsprozessen in biologischen, psychischen und/oder sozialen Systemen auszugestalten und somit einen Entwurf einer integrativen und schulenübergreifenden Psychotherapie zu geben, halte ich für ausgesprochen realistisch und vielversprechend.Seit vielen Jahren bespreche ich nun Bücher für Beratung Aktuell. Selten hat mich eins so gepackt, fand ich es so spannend wie dieses.Dr. Rudolf SandersSanders, R. (2006): Beziehungsprobleme verstehen, Partnerschaft lernen. Partnerschule als Kompetenztraining in Ehe- und Familienberatung. Paderborn: Junfermann.Kröger, C. & Sanders, R. (2005): Paarberatung in und mit Gruppen - eine wirksame Intervention? Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 34, 47 – 53.Hofmann,H. (2010): Embodiment – Körpererfahrungen für Entwicklungsprozesse in der Paarberatung nutzen. Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis, 42, 919 -924.Kröger, C. (2006): Evaluation. In R. Sanders (Hrsg.), Beziehungsprobleme verstehen – Partnerschaft lernen. Partnerschule als Kompetenztraining in Ehe- und Familienberatung (S. 255-268). Paderborn: Junfermann.Zerssen D. (1986): Die Befindlichkeits-Skala. Weinheim: Beltz Test GmbH.Dr.Rudolf Sanders partnerschule.de