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Dr. P. Günter Strauss
07.06.2023
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Es kann kein Zufall sein, dass Horst Bredekamp auf der Webseite der Max-Planck-Gesellschaft mit einer Lupe abgebildet wurde, wie weiland Sherlock Holmes (aber ohne Pfeife; wahrscheinlich, weil das Rauchen in Bibliotheken heute nicht mehr als Statussymbol gilt). Der mit dem Aby M. Warburg-Preis und dem Max-Planck-Forschungspreis ausgezeichnete Bildwissenschaftler ist ein Paradebeispiel für interdisziplinäres Schaffen. Nicht Kunst noch Technik, nicht Naturwissenschaften, Philosophie oder Politik sind sicher vor seiner detektivischen Suche nach Beweisen für sein Credo: "Bilder illustrieren nie ... sondern sie geben das, was sie darstellen, eigentätig wieder".Wir kennen alle die spontanen Gesten, die uns entschlüpfen, noch bevor wir unsere Gedanken aussprechen. Davon ausgehend, dass sich das Denken in der Motorik früher manifestiert als in der Sprache, untersuchte Horst Bredekamp kleinste Details in Darwins Skizzen. Und er fand Spuren. Der Fall Darwin ist gelöst.Wäre Charles Darwin doch nur bei seiner "Koralle des Lebens" geblieben.Darwin hat in seinem berühmten Buch über die Entstehung der Arten das Symbol des "Lebensbaumes" aufgegriffen. Deshalb überraschte, dass seine ersten Skizzen eher die Struktur von Korallen hatten. Worin liegt der entscheidende Unterschied? Darwin war zur Erkenntnis gekommen, dass sich die Arten im Verlauf der Erdgeschichte ständig weiterentwickelt haben und es auch immer noch tun. Diese Entwicklung verläuft aber nicht auf ein höheres Ziel zu, wie vielfach angenommen wurde. Es werden lediglich diejenigen Individuen ausselektiert, die unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr fortpflanzungsfähig sind. Und so ändern sich die Arten nach allen Richtungen, aber nicht notwendigerweise nach Höherem. Der Baum dagegen war mit seinen Ästen und Zweigen eine weit verbreitete Metapher für ein gerichtetes Wachsen mit einer Entwicklung zum Höheren.Auch Darwin hatte zunächst das Modell eines sich in Ästen und Zweigen spreizenden Baumes aufgegriffen, um gegen die damalige Vorstellung zu argumentieren, gewisse Gattungen wären grundlegend vorgegeben und würden sich parallel zueinander weiterentwickeln. Er wurde sich aber offenbar der Schwächen des Baummodells bewusst, als er die ersten Skizzen anfertigte. Diese ähnelten Korallen und entwickelten sich nach allen Richtungen. Tatsächlich notierte Darwin dazu: "Der Baum des Lebens sollte vielleicht die Koralle des Lebens genannt werden". Die Skizzen, so Bredekamp, sind somit nicht Illustrationen, die vom Denkprozess oder Text abgeleitet wurden, sondern die eigentlichen Träger des Denkprozesses.Seinem Werk "Die Entstehung der Arten" hat Darwin ein Bild beigefügt, das die Charakteristika der in alle Richtungen wachsenden Korallen trägt. Andererseits hat er aber im Text den Begriff "Lebensbaum" benützt und von Verzweigungen gesprochen. Dies führte letztlich dazu, dass seine Aussagen dahingehend missverstanden wurden, dass die Evolution zielgerichtet zu Höherem voranschreite (zur "Krone" des Baumes).Was Horst Bredekamp hier in Kleinarbeit aufgespürt hat, ist das zähe Bemühen Darwins um eine geeignete Beschreibung der Entwicklung des Lebens; eine Knochenarbeit, sozusagen. Darwins widersprüchliche Aussagen in Bild und Sprache interpretiert Horst Bredekamp dahingehend, dass "der Mensch durch Bilder lebt, die andere Sphären repräsentieren als die Sprache erreicht".Ein Kleinod.Der Essay ist einerseits eine ikonologische Analyse wissenschaftlicher Skizzen; brillant und akkurat beschrieben, exakt beobachtet. Gleichzeitig erinnert das ästhetisch aufgemachte Büchlein an ein Kunstbuch. Die Farbtafeln mit Notizblättern voll von ungelenken Strichen eines genialen Biologen haben etwas Intimes, Bewegendes. Man sollte sich "Darwins Korallen" dazuschenken lassen, wenn man beispielsweise Ernst Mayr "Das ist Evolution" liest, um Evolution verstehen zu lernen. Mit diesem Hintergrundwissen wird das Ringen um die richtige Metapher, um Darwins Leistung, erst wirklich verständlich. Horst Bredekamps Essay ist ein Kleinod, ein Pfauenauge unter den oft eher grauen Wissenschaftsbüchern, die um - nicht nur weibliche - Leser buhlen.