★★★★★
k.A.
21.08.2026
ean-shopping.de
Dieses Projekt ist wirklich spektakulär und visionär und fasziniert mich sehr. Die Art und Weise, wie Erinnerungen hier gesammelt und bewahrt werden, ist beeindruckend.
Es ist verständlich, dass sich die Rezeption und Diskussion zum „Echolot“ hauptsächlich um den Inhalt drehte, also darum, was Menschen während des Zweiten Weltkriegs erlebt und erlitten haben. Darüber kann man nur schwer eine Würdigung im Sinne kritischer Literaturanalyse schreiben. Kritische Äußerungen zur Form würden, zwar zu Unrecht, aber dennoch so ausgelegt, als kritisiere man die Erlebnisse der Menschen in der Nazizeit. Geht also gar nicht.Beim „Plankton“ verhält sich das anders. Hier nützt es gar nichts, wenn man einzelne Zitate brächte, um dieses oder jenes zu belegen oder zu widerlegen. Denn die Einlassungen all der Menschen unterschiedlichsten Alters, unterschiedlichster Herkunft, mit all den daraus sich ergebenden Implikationen, in einzelnen Zitaten zu verdeutlichen, wird dem Ganzen nicht gerecht. Auch wenn man die extremsten Äußerungen auf die Fragen Kempowskis auflistete, man hätte immer noch nicht das, was dieses Buch ausmacht. Nämlich gerade die Vielfalt und die scheinbare Beliebigkeit.Es fängt an mit: „Studentin, * 1970 – Prominenz I Costa Cordalis habe ich gesehen. Da war ich aber noch jünger, sieben oder acht. Das war entsetzlich.“ Und endet so: „Student, * 1981 – Schlager I >> Aicha, Aicha, écoute-moi …<< Dann geht’s arabisch weiter.“ Nach dem Geburtsdatum findet man das jeweilige Stichwort zur Frage.Und damit muss man über die Konzeption dieses Projekts sprechen. Kempowski hat verschiedenen Menschen verschiedene Fragen gestellt und die Antworten werden auf über 800 Seiten aufgelistet. Damit sind wir auch bei der Frage der Autoren- also Urheberschaft. Und bei einem Kunstkonzept eines Warhol, jeder ein Star für fünf Minuten, oder Beuys, jeder ist ein Künstler. Und damit sind wir bei der Kernfrage von Kunst und Künstler. Literatur und Literat. Wo hört Fremdes auf und wo fängt Eigenes an? Einen verschlüsselten Hinweis geben womöglich die Fotos. Zumeist ältere Aufnahmen von Gruppenansammlungen vor baulicher Kulisse. Der Kopf einer Person ist eingekreist und als Vergrößerung noch einmal eingeblendet. In der Masse wirkt das Gesicht einigermaßen scharf, in der Vergrößerung wird es undeutlich. Kempowski selbst ordnet seine drei zusammenhängenden Werke so ein: „Plankton = Schneekristalle – Echolot = verschneite Landschaft – Chronik = Schneemänner.“Ich will die Frage „ist das Literatur?“ nicht beantworten. Sie ist ohnehin müßig. Aber das Buch ist eine sehr gute Gelegenheit, sich dieser Frage zu stellen. Lohnt sich die Lektüre? Ich denke schon. Es ist eine andere Art Zapping (als „Bloomsday 97“), über einen sehr langen Zeitraum und gelenkt durch die Fragen und die ordnende Hand eines Autors. Und da die Zeit außerhalb des Buches nicht stillsteht, wird das „Plankton“ zu einem Dokument sich ständig wandelnder Bedeutung. Konsequent nur, dass die Möglichkeit besteht, eigenes Plankton online dazu zufügen und sich so eine individuelle Print-on-Demand Version ausdrucken zu können.Kempowski: „Es ist so, als ob mit / und schließlich mit die Literatur an eine Grenze gerät, von der aus oder an der sie umkehrt, zurückkehrt zum Geraune der Menschen am Feuer.“ Menschliche Gespräche vor allem in Gruppen entwickeln sich häufig assoziativ, so dass man sich hinterher fragt, wie sind wir eigentlich von dem Thema auf dieses gekommen und von jenem ausgerechnet darauf? Diesen assoziativen Faden im Plankton zu finden, ist die Herausforderung an jeden Leser.