Sehr bewegendes Buch. Da ist man gleich viel dankbarer für den eigenen Job, der ein gutes Einkommen abwirft. Wirklich augenöffnend, was in der Gesellschaft falsch läuft. Gute Arbeit muss auch gut entlohnt werden!
Dieses Buch beschreibt anhand mehrerer Leute, wie es sich anfühlt, wenig Geld für eine enorm wichtige Leistung zu bekommen. Es ist so interessant geschrieben, daß man es öffter weglegen muß, weil es so berührt, weil es einen innerlich so trifft, daß man während de Lesens überlegt, wie man Menschen, die man oft sieht, die jeden Tag um einen herum arbeiten und ihren wichtigen Dienst tun, helfen kann, um aus so einer demütigenden Spirale herauszukommen.
Wer arbeitet, ist bekanntlich der Dumme. Ganz besonders in Deutschland. Ich habe Freunde aus der Schweiz und aus Norwegen, die lachen sich kaputt, wenn ich ihnen von meinem Gehaltszettel erzähle und berichte, wie sich die Beiträge für Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankenkasse, Rentenbeitrag und so weiter berechnen. Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, verstehe ich ihren Spott wesentlich besser.Das Buch erklärt ganz konkret die Ergebnisse einer Politik und gesellschaftlichen Bewegung, die zwar "Vorfahrt für Arbeit" gibt, aber sich dabei nicht um Stundenlöhne oder unbezahlte Mehrarbeit schert. Die zwar in der Pandemie um Beifall für die "systemrelevanten" Berufe bittet, aber immer noch nicht beschlossen hat, wie viele Brutto-Euro eine Pflegekraft mindestens verdienen soll. Die zwar private Altersvorsorge fordert, aber gleichzeitig den Durchschnittsverdienern jeden finanziellen Spielraum für Rücklagen mit Hilfe exorbitanter Sozialabgaben raubt.Das Buch enthält zahllose gute Referenzen auf weitere Literatur (teils ökonomische Fachliteratur). Schon allein deswegen lohnt sich die Anschaffung. Das Buch pendelt geschickt zwischen zwei Bedeutungsebenen, die für das kapitalistische Individuum untrennbar sind: Die ökonomische Ebene, bestehend aus Stundenlöhnen, Brutto und Netto, Überstundenrechnung, Einnahmen, Ausgaben, Steuern, Lohnfortzahlung. Und gleichzeitig die emotional-gesellschaftliche Ebene, die dem Gehaltszettel einen Sinn und Zweck verleiht. Gemeint ist damit die gesellschaftliche Teilhabe, das emotional-soziale Erleben von Lohn-Wohlstand, der sich beispielsweise in Autos, Urlaubsfahrten, einem heißen Bad am Abend und einer Nachhilfe für die Kinder niederschlägt. Die Autorin schafft es zu vermitteln, dass diese beiden Ebenen wirklich zusammengehören und nicht isoliert betrachtet werden sollten. Denn jedes Einkommen fragt nach dem "Wozu".So gehören also die lächerlich niedrigen Erwerbseinkommen, die eine gesellschaftliche Teilhabe nicht mehr hinreichend ermöglichen, zu den wohl größten Gefahren für unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.Die dokumentierten Gespräche mit der arbeitenden Bevölkerung sind so eindringlich und mitreißend, dass man ständig mit den Interviewten selbst ins Gespräch kommen möchte, um sie beispielsweise zu fragen: "Warum tust du dir das an? Geh doch schwarz arbeiten wie jeder andere vernünftige Mensch, anstatt auch noch Abgaben auf deine lächerlichen 10,80 Euro Stundenlohn zu zahlen."