Es ist eine eigenartige Geschichte, die die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev im Vorwort zu ihrem Roman Nicht Ich, der in einer Übersetzung aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer im Berlin Verlag erscheint, über dessen Entstehung zu erzählen hat. Damals, im Jahr 1992, als der Roman Nicht Ich entstand, der dann 1993 in Israel erschien und erst im Jahr 2024 auch für das deutsche Publikum zugänglich wurde, arbeitete Zeruya Shalev als Lektorin in einem Verlag. Sie wartete in einem Café auf den Autor, dessen Buch sie lektorierte, doch er kam zu spät – weit über eine Stunde. Weil es damals noch keine Handys gab, mithilfe derer eine schnelle Nachricht hätte gesendet werden können, nutzte Shalev die Zeit und schrieb die leeren Rückseiten des Manuskripts:„Ich nahm an, es würde ein Gedicht, denn ich schrieb damals hauptsächlich Lyrik, doch zu meiner Überraschung zogen sich die Zeilen immer mehr in die Länge.“Aus den sich in die Länge ziehenden Zeilen wurde ein Roman mit einer eigenwilligen Protagonistin und einem sehr eigenwilligen Ton. In Israel wurde der Roman nach seinem Erscheinen verrissen, nur in eine weitere Sprache übersetzt. Der Start der heute international als eine der wichtigsten Autorinnen der israelischen Gegenwartautorin gefeierten Zeruya Shalev: Ein Fehlstart. Nach Nicht Ich schrieb Shalev den Roman Liebesleben, der 2000 in Deutschland erschien und seinerzeit von Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett gerühmt wurde. Shalev gehört seitdem zu den meistgelesenen Autorinnen der internationalen Gegenwartsliteratur in Deutschland, der Hype um ihre Romane, die stets um die Frage der Ewigkeit der Liebe, der Ehe und der Familie kreisen und dabei in den neueren Publikationen auch stets tagesaktuelle Geschichte mit einflechten, hält seit gut 20 Jahren an. Dass neben den sechs Romanen, die Shalev seit Liebesleben verfasste, ihr allererster bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt war, hing auch damit zusammen, dass sich die Autorin ihrer Protagonistin von damals, ihrem eigenen Buch, über lange Zeit nicht annähern wollte. Die kritische Rezeption von damals, aber auch die aggressive, schreiende Heldin im Roman jagten ihr gewissermaßen Angst ein.„Ab und zu“, schreibt Shalev in ihrem Vorwort zur nun vorliegenden deutschen Übersetzung, „sah ich es (das Buch) im Regal, warf einen kurzen Blick hinein und kalppte es schnell wieder zu. Es war eine schlechte Erinnerung. Erst, nachdem ich Schicksal, meinen siebten Roman, abgeschlossen hatte, wagte ich es, meinen Erstling noch einmal zu lesen. (…) Plötzlich spürte ich in mir die Bereitschaft, ihn als Teil von mir anzunehmen, auch wenn er ‚nicht ich‘ ist. Zum ersten Mal konnte ich meine wilde und gebeutelte Heldin in der Zerrissenheit zwischen ihrem Mädchen und dem Mädchen in sich ins Herz schließen und Mitgefühl für sie empfinden, ja sie sogar für ihren Mut bewundern.“Es ist eine hoch empathische Geschichte, die Shalev ihrem Roman voranstellt, und vor dem Hintergrund, dass Nicht Ich von der zeitgenössischen Rezeption verrissen wurde, macht eine Neulektüre vor diesem Hintergrund umso spannender. Denn, so kann man ebenfalls in ihren einleitenden Zeilen lesen, wurde sie nach ihren darauffolgenden Romanen noch einige Male auf ihr Debüt angesprochen und Kritiker meinten es nun, nachdem Liebesleben und Mann und Frau (2001) erschienen waren, doch loben zu können. Die Hoffnung besteht, dass es sich bei dieser für Deutschland späten Entdeckung des Debüts der 1959 im Kibbuz Kinneret am See Genezareth geborenen Autorin um einen Juwel der israelischen Literatur handelt, der eine Vorausahnung auf das bietet, was mit den nachfolgenden Romanen zurecht als große Weltliteratur gefeiert wurde.Die Themen Zeruya Shalevs waren bereits in ihrem ersten Roman diejenigen, die sie auch in ihren späteren begleiten sollten. Die Ich-Erzählerin ist eine Frau, Mutter einer Tochter, verheiratet und an einem Scheidepunkt in ihrem Leben. Mit der Ehe, die sie geschlossen hat, ist sie unzufrieden, obwohl sie keinen Hass und keine Abneigung gegen ihren Mann verspürt. Das Leben im Alltag, das Leben in der Routine und das Familiendasein eignen sich schlichtweg nicht für sie; sie sucht nach einem Ausbruch und nimmt sich einen Geliebten. Was mit diesem vielversprechend beginnt, endet auch hier in der Enttäuschung. Der Geliebte ist alles andere als die erhoffte Abwechslung, das spannende Abenteuer, sondern ein Langweiler, der viel älter sein möchte, als er eigentlich ist. Hinzu kommt noch ein ehemaliger Liebhaber, der der Erzählerin vor allem für seine Männlichkeit und Potenz in Erinnerung ist und der aber nicht mehr lange zu leben hat. Dies ist, so könnte man sagen, das Gerüst des Romans, das, was man auf einen Klappentext schreiben kann und was vom Verlag auch prompt – mit einigen Zitaten der Autorin aus dem Vorwort – auf den Klappentext geschrieben wurde. Was die Inhaltszusammenfassung verschweigt: Diese Geschichte, die ein bisschen banal daherkommt, mit der Sprachgewalt einer Zeruya Shalev aber durchaus das Potenzial bietet, große Literatur zu werden, ist nicht im Geringsten das, was den Roman Nicht Ich im Kern ausmacht.Denn eigentlich sind die hier zusammengefassten Stationen, die man im weitesten Sinne als „Handlung“ des Romans bezeichnen kann, nichts als Attrappen, nichts als Schlaglichter für einen Roman, der in eine ganz andere Richtung driftet. Zeruya Shalev ging es in ihrem Debütroman nicht um eine Frau, die keine Mutter und keine Ehefrau sein möchte und deshalb ausbricht, sondern um das Spiel mit der Wahrnehmung, das Spiel mit den Grenzen der Realität und der Fiktion und das Erkunden der Möglichkeiten, die ein Prosaroman bietet. Was Shalev geschrieben hat ist kein chronologisch erzählter Roman über das Ringen einer Frau mit ihrer Existenz, sondern ein einziges Wirrwarr aus unterschiedlichsten erzählerischen Elementen, die zu definieren schwerfällt.Zu Beginn des Romans befinden sich die Ich Erzählerin und ihr Gatte bei einem Heiler, der in seiner Praxis der Erzählerin die Gebärmutter entnimmt und sie dem Mann einsetzt, damit dieser nun schwanger werden kann. Was wie ein absurder Traum einer Frau wirkt, die mit einem Mann zusammenlebt, der das Elternsein und das Kinderbekommen toller findet als diejenige, die den Säugling austragen muss, wird in Nicht Ich zur ungebrochenen Realität. Die schreckliche Vorstellung vom schwangeren Ehemann wird nicht nach ein paar Seiten unterbrochen, die Heldin wacht nicht auf. Vielmehr gleitet sie immer tiefer hinein in den absurden Alptraum, in die Mischung aus Parabel, Märchen, Fantasy- und Kognitionsroman, dem seine wesentlichen, greifbaren Elemente vollkommen entgleiten. Shalevs Heldin kann über alles mögliche sprechen, über die Tochter, über die eigenen Eltern, den Geliebten, den Ehemann, den Heiler: Alles in diesem Roman ist absurd, alles entbehrt jeder greifbaren Logik.Es sind einzelne Geschichten wie der Vater, der – seit die Kuckucksuhr kaputt ist – zu jeder vollen Stunde seinen grauen Kopf aus seinem Büro streckt und ein bestimmtes Wort der Anzahl der Stunden nach in den Raum schreit, die die Verwirrung bedingen. Die Elemente wie Eltern, Freunde, Familie, Geliebte sind real, doch ihr Verhalten ist in hohem Maße verstörend und surreal. Und weil man, gerade vor dem Hintergrund der Geschichte dieses Buches, seiner späten Veröffentlichung in Deutschland und der Krise, in der die negative zeitgenössische Rezeption die Autorin gestürzt hat, veranlasst ist, dieses Buch eigentlich gut finden zu wollen, könnte man erst einmal eine gewisse Faszination für diese Art von Skurrilität aufbringen.Schließlich liest man einfache, an der Realität orientierte Romane überall – warum nicht der Sprache die Chance geben, das Offensichtliche, das Reale, zu verklären, wie sie es doch eigentlich viel besser kann als dem Realen nachzueifern? Um dem Roman diese Qualitäten zugestehen zu können, bräuchte man allerdings etwas, an dem man sich festhalten kann, etwas Greifbares, das einem dabei hilft, das Suspekte und fast Fantastische, das im Plot geschieht, besser einordnen zu können. Wie die Welt in Zeruya Shalevs Nicht Ich funktioniert, was sie aus den Fugen gebracht hat und warum genau die Ich-Erzählerin alles so verquer wahrnimmt, bleibt aber leider ungeklärt.Somit steht auch das Ziel des Romans im Vagen, denn eine wirkliche Aussageabsicht kann man bei Zeruya Shalevs Erstling nicht erkennen. Der ein oder andere wird anmerken, dass das wohl abstrakte, moderne Kunst ist. Doch ist es wirklich Kunst, wenn man Szenen ohne Sinn und Zweck aneinanderreiht, skurrile Situationen schildert, ohne einen roten Faden für die 160 Seiten Roman zu geben? Es mag Menschen geben, die darin Kunst erkennen. Kennt man allerdings die Autorin Zeruya Shalev von ihren späteren Romanen, weiß man, was sie mit einer durchaus eigenwilligen, düsteren, sich manchmal auch ins Unklare flüchtenden Sprache an anderer Stelle für grandiose Romane zu schaffen bereit war.Dies wissend ist Nicht Ich einfach nur eine große Enttäuschung. Ungeachtet des erzählerischen Chaos, das sie über ihrer Heldin und ihrem Umfeld ausschüttet, sind große Teile des Romans auch in hohem Maße vulgär. Geht es einmal gerade nicht um die gestörten Muttergefühle der Protagonistin, geht es vor allem um Sexualdrang, Triebhaftigkeit und um die Geschlechtsteile der Männer, mit denen sie eine Affäre hatte. Dass sich gerade auch in diesen Bereichen die Absurditäten stapeln, die Ich-Erzählerin zu ihrem ehemaligen Geliebten reist um sich von dessen Glied zu verabschieden und von der Frau erzählt bekommt, ihr im Sterben liegender Mann vergnüge sich gerade noch mit einer französischen Prostituierten, trägt nicht dazu bei, dass man das Gefühl hat, hier besonders niveauvolle Prosa zu konsumieren.Was immer Zeruya Shalev angetrieben haben mag, als sie diesen Roman schrieb, was immer die Leute, die ihn heute auch im deutschsprachigen Feuilleton loben, veranlassen mag, dieses Buch gut zu finden: Kunst in der Literatur sieht eigentlich anders aus!Auch vorhandene Rezensionen:- Liebesleben- Mann und Frau- Späte Familie- Schicksal