Papst Franziskus wird von allen gelobt. Seit seiner Wahl zum Papst weht ein frischer Wind in den alten Mauern des Vatikans. Von Aufbruch ist die Rede, ja sogar von Revolution. Franziskus wendet sich den Armen zu, propagiert eine „arme Kirche für die Armen“. Seine Kritik am Kapitalismus ist ebenso schneidend wie die am vatikanischen Kardinalskollegium. Freimütig bekennt er, dass auch er ein Sünder sei. Er sendet Signale der Toleranz und des Verstehens an Menschen seiner Umgebung aus, die nicht (mehr) der kirchlich-katholischen Norm entsprechen. In vielen katholischen Kirchengemeinden spürt man ein Aufatmen und Hoffen. Geschiedene fühlen sich nicht mehr ausgestoßen. Frauen schöpfen Zuversicht bezüglich der Gleichberechtigung. Homosexuelle sehen einen Hoffnungsschimmer. Angehörige verschiedener Kulturen und Religionen, anderer Konfessionen und Ausrichtungen warten auf weitere, positive Signale.Die Umwelt-Enzyklika „Laudato si‘“ wird als ein wachrüttelnder Paukenschlag empfunden.Sind die Hoffnungen berechtigt, die der Mann geweckt hat mit seiner Bescheidenheit, seiner Güte und Herzenswärme, aber auch mit seinem Reformgeist? In vielen Kreisen gilt er schon fast als neuer Reformator.Hubertus Mynarek sagt dazu klipp und klar: Nein!Er lässt sich nicht blenden vom Auftreten des Franziskus, von seiner populären Ausstrahlungskraft, von seinen frommen und mahnenden Worten. Im ersten Augenblick mag man erschrecken, welch kühne Bezeichnungen Mynarek für den Papst gebraucht: Schauspieler, Propagandist, Scharlatan, Rattenfänger von Hameln – und es folgen noch deftigere verbale Vergleiche.Der ehemalige Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien macht es sich mit seiner Kritik keineswegs einfach. Er nimmt den Papst beim Wort – sowohl bei seinem geschriebenen als auch bei seinem gesprochenen – und vergleicht sorgfältig sezierend das Gesagte mit der Realität. Sein Ergebnis: Hohle, leere, sich widersprechende, manchmal allzu leichtsinnig hingeworfene, populistische Worte, Effekthascherei – Franziskus, ein Blender und Sprücheklopfer.Wenn Bergoglio wohl in Anlehnung an Ambrosius (Bischof von Mailand, 339-397) im Gespräch locker und unreflektiert von der Kirche, als „keusche Hure“ spricht, dann steht das im Widerspruch zu seinen Lobeshymnen auf die Kirche und wirft letztlich ein schiefes Licht auf deren „Bräutigam Christus“.Wenn er – um weltoffen und liberal zu erscheinen – sagt, dass Gott „nicht katholisch“ sei, dann relativiert er damit den Monopolanspruch der katholischen Kirche, den er aber gleichzeitig eisern aufrechterhält – gerade auch dann, wenn er pantheistische Vorstellungen geißelt.Frauen, die sich in ihrer Forderung nach Gleichbehandlung in der Kirche auf ihren Menschenverstand berufen und selbst – mangels männlicher Priester – eine Eucharistieveranstaltung organisierten oder gar sich zu Priesterinnen weihen ließen, hält er für „von der Vernunft irregeleitet“. Die Exkommunizierten holt er nicht zurück; zeigt sogar „Eiseskälte“. Nichts ist also an der von ihm propagierten Toleranz – die Frau bleibt vom Priesteramt ausgeschlossen – sie ist nicht dem Manne gleich. Homosexuelle brauchen auch keine Hoffnung zu schöpfen. Sie sind in besonderem Maße Sünder und haben nur dann eine gewisse Chance vom katechismustreuen Franziskus nicht verurteilt zu werden, wenn sie in ihrer „Verirrung“ wenigstens Gott suchen.Obwohl der Papst eine „arme Kirche für die Armen“ fordert, werden hier nicht im Geringsten Ansätze für einen Strukturwandel innerhalb der katholischen Kirche unternommen. Sein Besuch bei den Ärmsten der Armen bleibt frei von finanziellen Zuwendungen. Der ideelle Wert seines (medienwirksamen) Erscheinens ist von weitaus höherem Wert als es materielle Geschenke sein können.Bei seiner beißenden Kritik an Lehre und Auftreten des Franziskus beruft sich Mynarek auf dessen jesuitisch-indoktrinierende und manipulierende Ausbildung, die einerseits einer Gehirnwäsche gleichkommt, andererseits aber zur Schauspielerei entartet. Entsprechend zitiert Mynarek aus Reden und Werk des Ignatius von Loyola. Wohl habe Franziskus, als er sich – zum Entsetzen seiner jesuitischen Mitbrüder – zum Papst wählen ließ, gegen die Ordensregel, sich dem Papst absolut zu unterwerfen und ihm nur zu dienen, verstoßen. – Wohl ein Zeichen für die Geltungssucht und das Bestreben, immer im Mittelpunkt stehen zu wollen – was bereits von seiner Mutter beklagt worden war. Da hilft es auch nicht, seine Faszination für die jesuitische Forderung nach Arbeit, Gehorsam und Disziplin zu beteuern.Bergoglio kann gar nicht – bei seiner langjährigen Jesuitenausbildung – der Rat des Ignatius von Loyola entgangen sein, sich den Herrschenden gegenüber „geschmeidig anzupassen“ und „die Heiterkeit des Antlitzes und die größte Freundlichkeit der Rede“ einzuhalten.Ein treffendes Beispiel ist das äußerst zweifelhafte, lavierende Verhältnis des Erzbischofs Bergoglio zur argentinischen Militärdiktatur und zur Kirchner-Dynastie. Fragwürdig und höchst problematisch scheint auch seine (nur frühere?) negative Einstellung gegenüber der Befreiungstheologie und deren Vertretern zu sein. Selbst nachträglich, jetzt als Papst, ist noch keine Kehrtwende in seinem Denken sichtbar geworden. Begangenes Unrecht wird von Franziskus nicht thematisiert und auch nicht konkretisiert. Mit der Allgemeinformulierung „Ich bin ein Sünder“ kehrt er vielmehr sehr schnell eine mehr als peinliche Vergangenheit – von Mynarek breit dargelegt – unter den Teppich.Franziskus kann gar nicht – so mutmaßt Mynarek weiter – aus einer jahrelangen jesuitischen Dressur und Zwangsjacke ausgebrochen sein, auch wenn er in seiner freundlichen und bescheidenen Art natürlich und nicht verbogen wirkt. Zahlreich angeführte Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart gewähren Einblick in Franziskus‘ „Schauspielerei“. Seine alte „Adamskultur“ wird immer wieder hervorbrechen – nicht nur bei seinen wieder einmal so unreflektiert dahingesprochenen Prügel- und Faustschlagbemerkungen.Mynarek belegt glaubwürdig, dass Franziskus nicht Theoretiker und schon gar nicht ein fundierter Theologe, sondern mehr ein „Praktiker“, „Politiker“ und „Religionsmanager“ ist. In seiner naiv-tumben Theologie finden Erkenntnisse auch der katholischen historisch-kritischen Bibelforschung keine Berücksichtigung. Teufel und Hölle sind für ihn Person und Realität. An den Dogmen der Kirche lässt er trotz vieler relativierender Äußerungen nicht rütteln. Die theologisch fragwürdige männliche Trinität Gottes stockt er, wie der polnische Papst, mit Maria noch zur „Quaternität“ auf.Hier unterscheidet er sich auch nicht von seinem Benedikt-Vorgänger, der in seiner Vergeistigung wohl mehr ein Papst für die Intellektuellen war. Franziskus fühlt sich mehr für die „geistig Armen“ zuständig, die mehr Freude an „Ritualen, Ikonen, Prozession¬en, Wallfahrten, Bekreuzigung, Besprengung mit Weih¬wasser, Besprayung mit Weihrauchschwaden und Rosenkränzen“ haben, als an redlichen, vernünftigen Überlegungen und Erklärungen. Die Massen sollen ja nicht aufgeklärt, sondern geführt werden und gleichsam im Huckepack mit der ausgestrahlten Freundlichkeit und Güte die gesamte fragwürdige katholische Dogmatik zwingend und unreflektiert mitgeliefert bekommen und schlucken. Damit ist auch Franziskus‘ Verhältnis zu Benedikt und allen Dogmatikern im Vatikan geklärt: „Getrennt kämpfen – vereint schlagen.“Nichts wird sich wohl ändern an der katholischen Kirche, so das resignierende Resümee Mynareks. Auch flapsig dahingeworfene, populistische Äußerungen, die in (nicht bedachter) Konsequenz letztlich die Abschaffung von Kirchenhierarchie und Papsttum beinhalten, werden wohl kaum diesen Papst als Reformer oder gar Revolutionär erscheinen lassen – nicht zuletzt auch deshalb, weil von ihm strukturelle Veränderungen innerhalb der Kirche gemieden, lediglich verbal propagiert werden. Ob „Schlitzohr“ Franziskus mit seinem Popularitätsgehabe unbeabsichtigt ein Befreiungsfeuer in seiner Kirche entzündet, das er dann selbst nicht mehr löschen kann, sei dahingestellt.Zugegeben, mitunter kann Mynarek in seinem Urteil, v.a. über manche seiner Kirchen-Mitkritiker, ganz schön danebenliegen – nicht aber hier. Mit dieser gelungenen kritischen Abhandlung über Papst Franziskus jedoch trifft er ins Schwarze und scheint leider Recht zu haben. Die Zukunft wird es weisen.Ein wirklich lesenswertes Werk – nicht nur für eingefleischte Kirchenkritiker, sondern gerade auch für kritische Christen und verblendete Papstjubler. Siegfried Kratzer
★★★★★
Wolfgang Klosterhalfen
15.06.2023
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Dieses Buch hat mich in meinem Eindruck bestärkt, dass Jorge Mario Bergoglio ein erzkonservativer, theologisch, politisch und intellektuell unbedeutender Papst ist, der nach anfangs sympathischem Auftreten zum Schießen von Eigentoren übergegangen ist, und unter dessen weißer Soutane sich der eine oder andere Fleck befinden könnte.Dass ich das Werk nur in kleinen Happen lesen konnte, liegt nicht am kompetenten Autor, sondern an meiner Abneigung, mich mit all dem Unsinn, um den es hier geht, überhaupt noch zu beschäftigen. Es wird aber wohl so schnell keine bessere Biografie geben. Und der aktuell >größte Scheinheilige< (Mynarek) ist ja immerhin der Hirte von 1.2 Milliarden katholischen Schäfchen.Als Papst ist man zwangsläufig im Show-Business tätig, ob man das mag (wie Franziskus) oder nicht (wie Benedikt XVI.). Zur Show des Franziskus gehört es, locker, bescheiden und volksnah aufzutreten. Mynarek hält das nicht für echt, wobei sein zentraler Vorwurf im Grunde ist, Fr. sei Jesuit. Und Jesuiten seien von Haus aus berechnend. Das Verhalten von Fr. sei vor dem Hintergrund seiner jesuitischen Sozialisation zu verstehen. M. mag mit seinen Behauptungen Recht haben, aber Teil 1 liefert erst mal eine eher indirekte Kritik an Fr., z.B. wenn es um das Liebesleben der betagten Schriftstellerin Luise Rinser geht.Teil 2 widmet sich den religiösen Vorstellungen des neuen Papstes, die offensichtlich sehr schlicht sind.Am besten gefällt mir Teil 3, in dem nach dem konkreten Tun und Unterlassen von Fr. gefragt und eine Sammlung von wohl eher unüberlegten Aussprüchen präsentiert und bewertet wird.Zwei Problembereiche interessieren mich bei Fr. besonders: Sein Verhalten während der Militärdiktatur und in Hinblick auf sexuellen Missbrauch in Argentinien. Ersteres wird von M. angesprochen, aber es gibt einen wichtigen Punkt, den ich vermisst habe.Bergoglio hat sich gemeinsam mit dem Erzbischof von Buenos Aires erfolgreich für die Freilassung von General Videla und anderen Junta-Generälen eingesetzt. (Quelle: Andreas Englisch) Videla kam nach nur fünf Jahren Gefängnis vorübergehend frei. (Später soll Fr. in Rom für eine Delegation von Müttern von Verschwundenen (es gibt etwa 30.000 Vermisste) laut M. nur wenig Zeit gehabt haben.)Die katholische Kirche hat anscheinend in Argentinien noch weniger als in Deutschland zur Aufklärung von Missbrauch und Missbrauchvertuschung beigetragen. Kardinal Bergoglio hat Ende 2002 als Vizepräsident des Exekutivkomitees der argentinischen Bischofskonferenz im Zusammenhang mit dem Rücktritt des Erzbischofs (!) Storni und der Verhaftung des prominenten Priesters Julio Grassi erklärt, es gäbe eine Kampagne, um das Ansehen der Kirche zu schädigen. Inzwischen sind beide Priester wegen Missbrauchs zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. In dem Wikipedia-Artikel zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche werden im Abschnitt Argentinien nur diese zwei Fälle erwähnt. Von Bemühungen Erzbischof bzw. Kardinal Bergoglios um Aufklärung in seiner Heimat habe ich noch nichts gehört.