Die Geschichte beginnt mit einem Detail, das Japankenner sofort stutzig macht: Cees Noteboom besteigt die Linie 8 am Kyotoer Hauptbahnhof und bezahlt seinen Fahrschein zum Kozan-Ji, in den nordwestlichen Bergen. Klingt erst einmal nicht ungewöhnlich, aber in Japan bezahlt man seinen Fahrschein erst beim Aussteigen. Dennoch erscheint diese offensichtliche Zeitumkehrung in der Rückschau fast schon prophetisch, denn Cees Noteboom erlebt bei seinem Besuch in diesem einsam gelegenen, von Touristenströmen völlig unberührten Tempel eine wahrhaftige Zeitreise in die Vergangenheit. Zwischen uralten Bäumen hindurch und über moosbewachsene Wege führt der Pfad den Berg hinauf bis zu den Tempelgebäuden, die nahezu menschenleer wirken. Im Inneren der schlichten Architektur unter dem grünen Blätterdach wird eine der berühmtesten Bildrollen Japans verwahrt, die chōjū jinbutsu giga oder „Bildrollen der Lustigen Tiere“. Viel weiß man nicht über sie, außer dass sie wahrscheinlich in der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden. Wer sie zeichnete, was genau sie darstellen, darüber wird trefflich gestritten, aber das sind letztlich alles Spiegelfechtereien. Kein Zweifel besteht daran, dass es sich um die außergewöhnliche Darstellung von Tieren in menschlichen Funktionen und Tätigkeiten handelt, die in ihrer Lebendigkeit, ja Ausgelassenheit an moderne Comics erinnern. Da springen Kaninchen übermütig zum Baden in den Fluss, Füchse gehen auf Pilgerfahrt, Frösche üben sich im Bogenschießen oder beten vor einer Buddhaskulptur, die ebenfalls von einem Frosch repräsentiert wird. Mit viel Witz (der auch heute noch verständlich ist) und meisterhaftem Pinselstrich kann man auf 11 Metern eine Welt betrachten, die von uns 900 Jahre getrennt und doch so nah ist. Man halte sich einmal vor Augen, was in dieser Zeit in Europa künstlerisch darstellbar war, dann fällt es nicht schwer, sich den Künstlern des Kozan-Ji näher zu fühlen als unseren eigenen Vorfahren.Cees Noteboom war ungezählte Male in Japan und dieses Land hat ihn, was ich nur zu gut nachvollziehen kann, in seinen Bann geschlagen. Corona verhinderte, dass eine geplante Reise im Jahr 2020 stattfand und so hat der Schriftsteller Material aus 2005 hervorgeholt und den kleinen Band über den Kozan-Ji verfasst, den er in Gedanken retrospektiv erwandert und erschließt. Aus der zeitlichen Distanz verschwimmen vielleicht die Details (wie ein Fahrkartenkauf), aber dafür treten die damaligen Empfindungen umso klarer hervor. Noteboom verbindet so das Heute mit dem Gestern und dem Vorgestern. Der Kozan-Tempel existiert seit über 1000 Jahren, die Bildrollen sind kaum jünger, und doch sprechen beide zu uns im Jetzt und schlagen eine Brücke, über die man nur bereit sein muss, zu gehen. Es ist letztlich der gleiche Weg, den auch die Lektüre der „Geschichte des Prinzen Genji“ weist, über die Noteboom schon viel geschrieben hat und die auch diesmal wieder thematisch einfließt. Genji spielt in genau der Zeit, in der auch die Bildrollen entstanden und die als Höhepunkt der japanischen Kultur gilt. Noteboom lässt diese Zeit literarisch lebendig werden und nutzt seine Erkenntnisse, um sich dem gegenwärtigen Japan anzunähern. Wie immer sind seine Gedanken klar strukturiert und die Fakten ausgezeichnet recherchiert, so dass Leser mit unterschiedlichstem Kenntnisstand abgeholt werden und Neues entdecken können. Die atmosphärischen Fotos von Simone Sassen fangen die geheimnisvolle Stimmung des Kozan-Ji wunderbar ein, so dass das Buch tatsächlich zu einem Ersatz-Erlebnis wird, als das es der Schriftsteller ja auch (zwangsweise) geplant hat.Die letzten 40 Seiten füllt ein Faksimile der Bildrolle No. 1, deren Original heute im Tokioter Nationalmuseum verwahrt und von der im Kozan-Ji eine Kopie gezeigt wird. Wer angesichts dieser originellen Bildfindungen nicht in Erstaunen versetzt wird, der muss nur noch einmal Notebooms kurzen Essay lesen. Und nicht vergessen: Bezahlt wird erst am Ende.(Dieses Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auf meine Rezension wurde kein Einfluss genommen, der Inhalt stellt meine persönliche Meinung dar.)