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Gabriele Steininger
25.05.2024
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Seit wir 2015 von einer Flüchtlingswelle überrollt wurden, bekamen wir schon viele Geschichten von und über Geflohene aus dem arabischen Raum zu lesen. Mich hat dieser Roman von Layla AlAmmar tief beeindruckt, weil er eine völlig andere Perspektive einnimmt.Eine junge Frau erzählt, wie sie versucht, in einer Kleinstadt in England Fuß zu fassen, nachdem sie aus Syrien geflüchtet ist. Da sie unterwegs ihre Stimme verloren hat, hat sie kaum Kontakt zur Nachbarschaft. Statt dessen beobachtet sie sehr genau, was hinter fremden Fenstern vor sich geht. Immer wieder kommen ihr die Erinnerungen an früher, an ihre Eltern und Geschwister. Sie stammt aus einer angesehenen Familie, musste aber kämpfen, um als Frau ein Studium aufzunehmen.Die englische Linguistik hat es ihr ermöglicht, in einer Zeitschrift Artikel zu veröffentlichen, die sie als „Die Sprachlose“ zeichnet. Die Redakteurin ist von den angestellten Vergleichen begeistert, möchte allerdings, dass sie mehr Gefühle transportiert. Gefühle, die sie sich verbietet, weil sie sie nicht erträgt. Auch in der neuen Heimat begegnet ihr Gewalt, vor der sie doch eigentlich geflohen ist. Die Sicherheit, die sie sich erhofft hatte, ist gefährdet. Denn bei einem Fest in der Moschee, bei dem alle Religionen zum gegenseitigen Kennenlernen eingeladen waren, kommt es zur Eskalation. Und als später sogar ein Toter zu beklagen ist, predigt der Imam über Allahs Liebe zu den Menschen und seiner Bereitschaft zur Vergebung.Nach einem sehr authentischer Fluchtbericht antwortet ihre Redakteurin, die sie nur übers Internet und unter ihrem Pseudonym kennt: „Liebe Sprachlose, das ist großartig! Es ist eine Sache, seine Meinung über die Themen das Tages zu sagen oder zu schreiben, aber noch einmal eine ganz andere, eine Erzählung zu konstruieren, die so dicht und bewegend ist, wie „Süßer Tau“. Ich habe das Gefühl, Literatur ist ein befreiendes Medium für dich.“Dieses Zitat fand ich sehr passend für das ganze Buch, das ich mir 9 Stunden und 20 Minuten lang von Katja Danowski vorlesen ließ. Die Geschichte hat mich sehr berührt und nachdenklich gestimmt. Vieles war mir nicht so deutlich vor Augen, obwohl es sich tagtäglich vor unseren Haustüren abspielt. Aus diesem Grund empfehle ich dieses Buch jedem, der bereit ist, sich mit den Schicksalen vieler Menschen zu beschäftigen, die aus politischen Gründen und Angst um Leib und Leben ihr Heimatland verlassen haben.Die Autorin wuchs in Kuwait auf und studierte Kreatives Schreiben an der Universität Edinburgh. Layla AlAmmar hat in diversen Magazinen veröffentlicht und wurde im Aesthetica Magazine Finalistin des Creative Writing Awards 2014. „Das Schweigen in mir“ ist insgesamt ihr zweiter Roman; der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Ihr Debütroman „The Pact We Made“ stand auf der Longlist des Best First Novel Awards 2020. Derzeit lebt AlAmmar in Großbritannien und promoviert an der Lancaster University über arabische Frauenliteratur.
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Sandra von Siebenthal
25.05.2024
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«Niemand ist wirklich sprachlos, flüsterte er, entweder wird man zum Schweigen gebracht, oder man bringt sich selbst zum Schweigen.»Tag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen. «Wenn man aufhört zu sprechen, wird man sehr gut im Zuhören.»Dadurch, dass sie nicht mehr sprechen kann (will?) denken viele, sie höre auch nichts. Sie hört auf diese Weise all das, was eigentlich nicht für Ohren bestimmt war. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen? Und was, wenn sie plötzlich gefordert ist, aus ihrer gewählten Isolation raus und real in Beziehung zu treten?Gedanken zum Buch «Es ist gar nicht so schwer herauszufinden, was Menschen wollen. Im Prinzip wollen wir alle dasselbe: Freiheit, Glück, Sicherheit.»Ein tiefes Buch, ein aufwühlendes Buch darüber, was es heisst, alles zu verlieren und nirgends mehr zu Hause zu sein, nirgends mehr sicher zu sein, nirgends dazuzugehören. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es mit sich bringt, in einer Gesellschaft zu leben: Wie sehr kann ich mich aus ihr herausnehmen? Wo ist es meine Pflicht, mich einzubringen? Wofür trägt der Einzelne Verantwortung, wo lädt er Schuld auf sich? «Kann man sich denn überhaupt erholen? Wenn das Leben nichts anderes ist als sich anhäufendes, wiederholtes Trauma – durstig, hungrig, kalt, arm, schwach, heiß, krank, geschlagen, verletzt, gebrochene Knochen, Blut, Blut, Blut –, kann man sich davon jemals erholen?»Layla AlAmmar beschreibt aus der Ich-Perspektive das Leben, Denken und Fühlen einer vom Krieg und der Flucht traumatisierten Frau, die keinen anderen Weg sieht, als sich ins Schweigen, in die Isolation zu gehen, weil sie das Vertrauen in das Leben und die Menschen verloren hat. Wo gibt es noch Sicherheit, wenn Menschen einander so grausame Dinge antun können, wie sie sie erleben musste? Was ist Heimat noch, wenn man aus der eigenen fliehen musste, weil es da kein mögliches Weiterleben mehr gab? «Ich will von diesem Land keine Almosen. Geflüchtete kommen nicht, um sich zu nehmen, was euch gehört. Wir wollen arbeiten, wir wollen zur Schule gehen, wir wollen vollständige und aktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir sind keine Blutsauger oder Parasiten oder Ungeziefer. Wir brauchen nur ein wenig Hilfe. Das ist alles.»«Das Schweigen in mir» ist ein Buch, das zeigt, was es heisst, Flüchtling zu sein, was es heisst, mit den Vorurteilen und Verurteilungen von den Menschen am Zufluchtsort umgehen zu müssen. Es ruft auf für mehr Verständnis, für mehr Mitgefühl, plädiert aber vor allem auch für eine andere Haltung von Menschen anderen Menschen gegenüber. «Wichtig wäre, die Hintergründe kennen zu wollen, verstehen zu wollen, was im anderen vorgeht.»Im Wissen, dass wir alle Menschen unter Menschen sind, in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit der wir aber umgehen müssen als gleichwertige Mitglieder derselben, hilft es, die eigene Perspektive auch mal zu verlassen und sich mit Interesse anderen Standpunkten und Lebenshintergründen zu öffnen. Nur so ist in ein friedliches Miteinander möglich, ist es möglich, die Welt zu einem Zuhause für alle zu machen.FazitEin tiefes, bewegendes und zum Nachdenken anregendes Buch über das Leben als Flüchtling, das zu mehr Verständnis füreinander und Miteinander aufruft. Sehr empfehlenswert.