Ein hochinteressantes, auch spannend zu lesendes Buch für Leserinnen und Leser, die verstehen möchten, wie sich unsere Welt aus sich selbst heraus entwickelt hat und welche Konsequenzen sich aus dieser Erkenntnis ergeben. Gäbe es die Möglichkeit, den Inhalt nach verschiedenen Kriterien, wie Umfassung des Themas, Tiefgründigkeit und Klarheit der Darstellung sowie Verständlichkeit der Ausführungen zu beurteilen, müsste er in nahezu allen Bereichen Bestnoten erhalten. Dem Anspruch, das Naturgeschehen der Welt durchgängig, überschaubar und gut verständlich - dabei auch anschaulich mit vielen interessanten Beispielen - darzustellen, konnte der promovierte Physiker Günter Dedié wohl auch deshalb in so hohem Maße gerecht werden, da er mehrere Jahre als Physiklehrer und "Jugend forscht" - Betreuer tätig war.Der Untertitel des Buches "Emergenz und kollektive Fähigkeiten durch spontane Selbstorganisation, von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft" verdeutlicht das Hauptziel der Ausführungen, wobei man die emergente Entwicklung der Welt durch Selbstorganisation kurzgefasst wie folgt beschreiben kann:Mehrere, viele, oder sehr viele, elementare Bausteine (Elemente) verbinden sich auf der Basis ihrer Wechselwirkungen, die meist nur zwischen den nächsten Nachbarn wirken, spontan zu Systemen mit neuen Strukturen und Eigenschaften. Aus einfachen Elementen mit einfachen Wechselwirkungen untereinander entstehen Systeme mit sehr komplexen kollektiven Strukturen, Eigenschaften und Fähigkeiten, die aus den Strukturen und Eigenschaften der einzelnen Elemente nicht erklärt oder vorhersagt werden können.Die Vielfalt emergenter Prozesse in der belebten und unbelebten Natur ist nahezu unüberschaubar groß und findet in unterschiedlichen Bezeichnungen (Emergenz, Selbstorganisation, Komplexitätstheorie, Synergetik, Holismus, Evolution, Symbiose, Autopoiesis etc.) ihren Ausdruck. Die diesen Prozessen zugrundeliegenden Spezialgebiete wissenschaftlicher Forschung können jedoch - unter dem Aspekt der Selbstorganisation - zu einem Gesamtbild der Emergenz, die als durchgängiges Prinzip auch eine Brücke zwischen der unbelebten und der belebten Natur sowie zwischen der materiellen Welt und der Welt des Geistes bildet, zusammengefügt werden.In 17 Kapiteln - mit einer jeweils vorangestellten Kurzzusammenfassung der wesentlichsten Aussagen - beschreibt der Autor das Prinzip der Selbstorganisation und Emergenz; von den Grundlagen der Physik, Chemie, Biologie bis zum Menschen in den natürlichen und sozialen Bedingtheiten seiner Existenz, spannt sich der Bogen des 255 Seiten umfassenden Textes (beginnend beim Urknall und der Entstehung der Welt, über fundamentale Teilchen und Kräfte sowie Prinzipien und Theorien der Physik, weiter auch über Quantenphänomene und chaotische Prozesse bis zu chemischen Prozessen; von Molekülen bis zur Entwicklung des Lebens von Vorstufen bis zu höheren Lebewesen).Dem Gehirn des Menschen (u.a. Aufbau, Gedächtnis, "Wirklichkeit", Arbeitsweise, Lernen, Inspiration) als Paradebeispiel eines emergenten Systems und der menschlichen Gesellschaft - in Wechselwirkung ihrer geistigen und kulturellen Fähigkeiten - sind zwei ausführliche Kapitel gewidmet, wobei u.a. auch die Themen "Ethische und moralische Grundlagen" (inklusive kritischer Beleuchtung der Rolle von Religionen) sowie "Sozialordnung und Staat" unter dem Aspekt der Emergenz und Selbstorganisation tiefgründig analysiert werden. Das Interesse der Menschen an geistigen Dingen (Spiritualität) wird als Folge emergenter Fähigkeiten des Gehirns beschrieben, das daraus resultierende gesellschaftliche Konzept führt zu spontaner Sozialordnung. Der Autor verdeutlicht auch die seiner Ansicht nach stark zunehmenden Gefahren "extraktiver" Systeme (Konzentration von Macht, Reichtum und Wissen auf eine kleine, selbsternannte Elite) und spart dabei nicht an - für den Rezensenten nur teilweise nachvollziehbarer - Kritik an EU, Euro, Banken und Medien.Das letzte Kapitel "Rück- und Ausblick" betont kurzgefasst die Rolle von Emergenz als "Thema mit Variationen" für kooperative Prozesse der Selbstorganisation wie Symbiosen, Ko-Evolutionen und soziale Kooperationen mit Empathie und eusozialem (analog zu staatenbildenden Insekten) Verhalten. Synergetische Zusammenarbeit, nicht "Kampf ums Dasein", bildet den Erfolgsfaktor der Evolution (einschließlich der sozialen Entwicklung des Menschen), wobei die Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auch Geisteswissenschaften beeinflusst und Defizite in Ethik und Moral vermindert. Der Appell "Es ist höchste Zeit dafür!" beschließt das Buch.Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch vor allem für natur-, aber auch geistes- und sozialwissenschaftlich interessierte Laien (mit etwas Vorwissen), Fortgeschrittene und Experten!
Aufgrund der durchwegs positiven Rezensionen hab ich mir das Buch von Günter Dedie zugelegt und muss sagen: "Naja!".Die mir durchaus sympathische naturalistische Weltauffassung erzählt der Autor im Schnelldurchlauf vom Urknall und den Quantenphänomenen über die Entstehung des Lebens und der Lebewesen bis hin zur Finanzkrise. Da darf man wohl nicht allzu viel erwarten. Natürlich kommen eine Menge interessanter Fakten vor, auch die immer wieder eingestreuten Beispielen sind erhellend. Trotzdem bleibt ein etwas ratloses Gefühl zurück. An vielen Stellen möchte man man einfach mehr und Genaueres wissen.Das Buch ist zwar leicht zu lesen, was aber nicht bedeutet, dass darin beispielsweise die schwierigen Bereiche der modernen Physik (Kosmologie, Quantenphysik) verständlicher werden. Dazu bleibt es einfach zu sehr an der Oberfläche.Am meisten enttäuscht allerdings, dass der Autor seinem Anspruch, die Emergenz als Erklärungsprinzip für komplexe Systeme aufzuweisen, nirgends wirklich nachkommt. Bei jedem Übergang auf eine komplexere Systemebene von den Quarks bis hin zur modernen Gesellschaft wird zwar der Emergenzbegriff in schöner Regelmäßigkeit bedient, aber als Erklärungsprinzip nie genauer ausgeführt. Letztendlich wird er als eine Metapher gebraucht mehr oder weniger synonym zu "Phasenübergang", "Selbstorganisation" oder zum holistischen Gedanken "das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile".Wenn der Begriff der Emergenz wirklich einen heuristischen Wert haben soll, sollte damit an konkreten Systemübergängen ( Atome - Moleküle, Moleküle - genetische Information usw.) gezeigt werden können, wie diese Selbstorganisation "funktioniert". Wenn dies nicht erreicht wird, besteht die Gefahr, dass Emergenz zu einem Lückenbegriff für letztlich Unverstandenes wird. Dann ist der Weg zu einem (naturalistischen) Modewort nicht weit, das (beinahe) alles und nichts erklärt.Das Emergenzprinzip mit Inhalt zu füllen und ihr einen konkreten Forschungs- und Erklärungswert zuzuweisen, bleibt wohl eine noch zu leistende Aufgabe.