Ich habe einmal den Satz gelesen: „Wer langsam geht kommt auch ans Ziel!“, mit diesem Satz könnte man auch das Vorgehen des Therapeuten und Autors Klein charakterisieren.Zunächst einmal finde ich es erstaunlich, dass er nicht die Trockenheit und den absoluten Verzicht, als erstes und einziges Ziel favorisiert, sondern dass er sich auch mit weniger zufrieden gibt.Noch eine Veränderung des Blickwinkels, es geht immer in erster Linie darum, was will eigentlich der Patient. Wohin möchte er gelangen, wie will er sein Leben gestalten. Wo möchte er in 5 Jahren stehen. Wie stellt er sich vor, seinen desolaten gesundheitlichen Zustand zu verbessern?Es werden auch existenzielle Fragen berührt. Leben und Tod, will der Klient sich weiter zu Tode richten, oder möchte er eigentlich gern zufrieden leben. Der Patient wird systematisch geschult sein Verhalten zu beobachten. Wann wird getrunken, wieviel, gibt es Schwankungen und Auszeiten. Gibt es berufliche, oder andere Auslöser.Ich stelle mir vor, die Arbeit mit abhängigen Menschen ist nicht gerade leicht. Sie erfordert eine hohe Toleranz gegenüber anderen, als „gutbürgerlichen“ Lebensentwürfen.Aber, sonst würde Herr Dr. Klein, diese Arbeit ja nicht über so viele Jahre machen, er scheint mit seinem behutsamen und achtsamen, den Patienten in seiner Eigenart respektierenden Art und Weise, auch beachtliche Erfolge zu haben, sonst würde er das nicht machen und nicht das zweite Buch über die Veränderung süchtigen Verhaltens geschrieben haben.Er geht optimistisch davon aus, dass es in dem Klienten immer schon zwei Seiten gibt, die eine, die das Trinkverhalten beibehalten möchte und die andere, die dieses Verhalten gern ändern möchte. Hier wird in den Gesprächen herausgearbeitet, was dafür spricht, sich für die eine oder die andere Seite zu entscheiden.Es wird kein hundertprozentiger Erfolg erwartet. Es gibt die Möglichkeit, dass der Patient die Vereinbarung, oder Zielvorstellung, die er mit sich selbst abgeschlossen hat nicht einhalten kann. Diese Möglichkeit wird von vornherein mit ins Kalkül aufgenommen.Das macht dieses Buch für mich so wertvoll, dass es so realistisch und lebensnah geschrieben ist.Da steht nicht einer auf einem Sockel und doziert über die Theorie der Sucht. Hier werden konkrete Fallbeispiele dargelegt. Ein Handwerker, der unter dem Druck steht, die Wünsche seiner Kunden zu erfüllen und das auch, wenn die Wetterlage nicht mitspielt und das Material nicht pünktlich geliefert wird. Da ist die Geschichte der Hausfrau, die schon mehrere Entziehungsbehandlungen hinter sich hat.Sucht ist vielschichtig. Aber Süchtige sind eines auf keinen Fall, willensschwach! Sie verfügen oft über eine hohe Intelligenz und schaffen es häufig Jahrzehnte, ihr Trinkverhalten zumindest am Arbeitsplatz zu verbergen.Dies Buch macht uns auf erfreuliche Weise klar, dass es Therapeuten gibt, die sich abhängigen Patienten an die Seite stellen. Die Geduld haben und mit kleinen Fortschritten auch zufrieden sind. Es ist ein Buch, das einen großen Respekt vor dem Patienten und seinem Lebensentwurf erkennen läßt. Es ist ein Buch das Hoffnung macht und das hoffentlich viele Therapeuten lesen um ihre Strategien zu verfeinern.Für Betroffene kann dieses Buch hilfreich sein, einen veränderten Blick auf sich selbst und ihr Leben zu werfen. Vielleicht nicht mehr zu sagen: „Ab morgen höre ich ganz bestimmt auf!“, sondern sich zu überlegen, welche Vorteile könnte es haben aufzuhören und welches ist der erste Schritt, den ich heute auf dieses Ziel hin machen kann.
Das Buch „Lob des Zauderns“ ist ein absolut hilfreiches, lesenswertes, tolles Buch für alle, die in der Beratungsarbeit tätig sind, besonders natürlich für den Suchtbereich.Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben, die der beständige Wandel des Lebens uns allen abverlangt, erfordert neben der Auseinandersetzung mit Ängsten, mit Abschieden und Verlusten, den Mut zum Risiko, das Eingehen von Wagnissen und die Integration von Neuem, aber auch von Scheitern und (scheinbaren) Misserfolgen. Jeder Mensch erlebt krisenhafte und schwierige Zeiten und Umbrüche. Besondere Lebensereignisse aber, die die Sozialisation von Menschen besonders erschweren wie traumatische Erfahrungen, aber auch emotionale Vernachlässigung, vielfältige Gefährdungen des Basissystems Herkunftsfamilie usw., erfordern besondere Strategien, völlig wertfrei betrachtet, kann Sucht genau so eine Strategie sein, die ihren Zweck erfüllt, zunächst erfüllt oder auch nur zu erfüllen scheint.Rudolf Klein zeigt auf, dass die Beratung / Therapie von Menschen mit Sucht demnach eine respektierende und akzeptierende Haltung verlangt und die Bereitschaft, nicht mehr aber auch nicht weniger zu sein als ein Begleiter (eine moderne Art von Schamane), der dem Klienten in der Schwellenphase zur Seite steht und als Ideenlieferant und Reflexionshilfe zur Verfügung steht, der den Klienten einlädt, die Perspektive zu verändern, einen anderen Blick zu wagen, vielleicht sogar einen anderen Weg, wohl wissend, dass ausschließlich der Klient in der Expertenrolle steckt für seinen ganz individuellen Lebensverlauf.Suchtarbeit ist intensiv und braucht Zeit und häufig immer wieder Umwege wie im Labyrinth, einem der ältesten Ursymbole der Menschheit.Es wäre so sehr zu wünschen, dass unser Gesundheitssystem aus dem Wissen etwa eines Rudolf Klein endlich mal was lernen würde und hilfreiche Konsequenzen ziehen würde, zum Beispiel, dass ambulante Therapien für Menschen mit Suchterkrankung nicht erst dann möglich sind, wenn sie die Sucht überwunden haben, eine wirklich irre Regelung bei uns.Ich jedenfalls habe schon begonnen, die Ideen über das „Zaudern“ mit meinen Klienten zu teilen – hilfreich und erfolgreich.Dennie Benscheidt 04.03.2015
Ein Buch, über das ich mich sehr gefreut habe! Der Autor möchte süchtig trinkenden Menschen Anstöße für die Reflexion des eigenen Trinkverhaltens geben. Hierdurch soll ihnen die Entscheidung für oder gegen eine Veränderung erleichtert werden. Er möchte des Weiteren Menschen Mut machen, den Weg in professionelle Therapie einzuschlagen ohne festzulegen, dass nur eine lebenslange Abstinenz der „einzig wahre Weg“ ist.Ebenso will er Kollegen neugierig machen auf die Arbeit mit süchtig Trinkenden Menschen. Dieser Punkt gefällt mir besonders, da die Suchthilfe unter den Kollegen in der Sozialen Arbeit doch eher als Stiefkind angesehen wird und erschreckend viele Vorurteile und Abneigungen gegen Abhängige besteht.Klein plädiert dafür, das Tempo und die Ziele der süchtig Trinkenden stärker zu berücksichtigen und auch andere Wege neben einer lebenslangen Abstinenz zu denken und einzuschlagen, z.B. kontrolliertes Trinken oder weniger Trinken.Dies verdeutlicht Klein anhand therapeutischer Verläufe von Klienten aus seiner Praxis. Obwohl die Geschichten der Klienten sehr unterschiedlich sind, ordnet Klein sie in ein übergeordnetes Konzept ein. Dann zeigt er auf, wie dieses übergeordnete Konzept im jeweiligen therapeutischen Verlauf individualisiert wird.Ein sehr gut zu lesendes Buch! Die komplexen Gedanken werden ausführlich und verständlich erklärt. Wahrscheinlich ist mir beim ersten Lesen jedoch noch vieles verborgen geblieben. Immer wieder greife ich in meiner Arbeit in der Suchthilfe auf dieses Werk zurück, um meine Haltung, meine Sichtweisen in einem therapeutischen Prozess zu reflektieren.