★★★★★
kommunikatives.lesen
02.05.2024
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Romane wie Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe“ oder Franz Kafkas „Das Schloss“ oder das lyrische Werk Emily Dickinsons, von deren 1775 Gedichte nur 7 in Journalen veröffentlicht wurden, geben einen kleinen Vorgeschmack auf die vielen sonderbaren, bemerkenswerten Texte, die vielleicht nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt, nie ihr Publikum gefunden haben. Werner Bräunigs „Rummelplatz“ hätte beinahe dazu gehört. Er wurde erst 31 Jahre nach Bräunigs Tod verlegt und hat doch nichts von seiner Intensität verloren:„Und sahen nun das Tal unten, mit den Schächten am Hang, den roten Lichtern am Schornstein der Papierfabrik und den weißen an den Halden, Frühjahr war, wieder ein Frühjahr, da wurde das Gebirge freundlich. Oben der Wind war behutsam und führte etwas Bitteres mit von den Rinden der Bäume, und das Dumpfe war Vorjahrslaub und Erde, war Fäulnis und Trächtigkeit, und war noch anderes, das von weit her kam, das man spüren mußte oder schmecken vielleicht, und wußte keiner, was es war.“Bräunigs Roman „Rummelplatz“ handelt von der Wismut-AG, vom Wiederaufbau, den Problemen der jungen DDR. Er ist als Entwicklungsroman konzipiert, einem Stil, einer Literatur, die durch alle Probleme hindurch, alle Widrigkeit hinweg, die Ängste durchschreitend, etwas Neues schaffen will. Differenziert, multiperspektivisch schlägt er alle Töne an und lässt alle Seiten zur Sprache kommen: Ost- wie Westdeutschland. Er klammert keine Träume aus, egal wie klein oder wie groß. Träume, Bewegung, Dynamik, Rhythmik zeichnen den Plot, die innere Motivation der Figuren aus:„Ja, dachte er, das muß man. Denn wir sind immer in Bewegung, also muß man da ein Antrieb sein, es muß eine Kraft wirken. Und wer nicht Antrieb ist, und wer nicht wirken will, und wer nicht wissen will, der bleibt immer Getriebener. Der bleibt immer ein Rädchen, und dreht sich, und dreht sich, und wird getrieben, und treibt irgend etwas, und kann nichts ändern.“Dort denkt und spricht Christian Kleinschmidt zu sich, der eigentlich studieren wollte, aber in Bermsthal, in der Wismut-AG Freunde und Liebe findet, eine Form des Lebens, die ihn erfüllt, optimistisch, tatendränglerisch, ja selbstbewusst werden lässt. Die Wucht des Romans sprengt alle politischen Grenzlinien. Die Sprache unterminiert jedwede Kleinkariertheit. Sie zielt auf die Zukunft, aufs Höchste, auf den Mensch, der zu sich selbst kommen möchte.„So wunderten sie sich denn über die Maßen, wenn jemand behauptete, da fingen die Probleme erst an, nämlich: was ist das, Notwendigkeit? Oder ist etwa alles, was so tut, als ob, ist das etwa alles wirklich notwendig? Ist es notwendig, daß der Meier regiert und nicht der Schulze? Ist es notwendig, daß man Krebs nicht heilen kann, und jede Woche verrecken Tausende? Ja dann, Freunde, ist von Freiheit freilich keine Rede. Dann ist man bloß ein ewiger Gefangener der Notwendigkeit.“Werner Bräunig schreibt seine Geschichte mit Vehemenz und Intensität auf. Er ähnelt auf seine Weise sehr Ayn Rand. Ihr Hauptwerk „Atlas Shrugged“ lässt sich als dunkler Bruder von „Rummelplatz“ verstehen. Beide kämpfen gegen einen Niedergang. Beide gegen Mutlosigkeit, gegen Schicksalsgläubigkeit, und zwar mit allen Mitteln einer lyrisch-pathetisch untermauerten Sprachverve.Werner Bräunig verbindet Joseph Conrads Dunkelheit mit Jack Londons Abenteuerlust und verknüpft dies zu einem Wilden Westen, der in Bremsthal verortet wird, mit einer epischen Breite, wie sie sonst nur bei Alfred Döblin, bspw. in „Berlin Alexanderplatz“, zu finden ist. Bräunigs Roman reiht sich ein in die wenigen, aufs Ganze gehenden Nachkriegsromane eines Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstandes“ und Uwe Johnsons „Jahrestage“ und Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“ und erfreut sich einer unverminderten Sprach- und Literaturfrische.
Werner Bräuning hat mit Sicherheit ein bewegtes Leben in einer bewegten Zeit geführt und seinem (posthum veröffentlichten) Roman merkt man an, dass der Autor weiß, wovon er schreibt: Im Wesentlichen geht es um die ersten Jahre Ostdeutschlands nach dem zweiten Weltkrieg und wird im wesentlichen aus Sicht der Arbeiter erzählt. Eine richtige Hauptperson gibt es dabei nicht, der Roman nimmt die verschiedensten Perspektiven ein, auch wenn ein kreis von ungewfähr vier Personen die Hauptlast trägt.Anfangs geht es um die Wismar, die Erzbergwerksgesellschaft der DDR in Sachsen und die Bergleute dort. Bald erweitert sich der Kreis aber zur Papierfabrik, und da immer mehr Personen dazukommen erfährt man auch viel aus anderen Kreisen - aber fast immer bleibt es auf der Ebene der Arbeiter: Wie erleben sie diese bewegte Zeit? Der Stil erinnert etwas an Sven Regener, allerdings weniger auf Lacher aus, auch wenn die Ironie erkennbar bleibt. Obwohl der Autor sichtbar pro-Arbeiterstaat ist, beschreibt er ehrlich und realistisch was die Personen so umtreibt - was wohl der Grund war, warum das Buch nicht in der DDR veröffentlicht wurde.Es muss klar sein, dass dies tatsächlich ein historischer Roman in dem Sinne ist, als dass er viel Alltagssorgen abbildet - hier gibt es keine große Action, dies ist kein Thriller oder Liebesroman. Nur normale Leute mit normalen Problemen, aber ausgesproichen interessant und die kleinen zusammenhängenden Geshcichten durchaus spannend, wenn man dafür empfänglich ist.Das Buch ist mit Sicherheit nicht perfekt - man merkt, dass dies ein bearbeitetes Manusskript ist, einige Trakttate sind zu lang geworden, oft werden Nebenpersonen erwähnt, die dann viel später identifiziert werden wollen ("Wer war das noch?"), insofern kann ich verstehen, dass dieses Buch nicht jedermanns Sache ist. Es ist auch weder hemmungslos pro- noch Kontra DDR, insofern eignet es sich für keine politische Seite wirklich als Argument für irgendetwas.Aber genau das ist eben Realität: Aus Sicht des "kleinen Mannes" passiert vieles, was eben nicht eindeutig weiß oder schwarz ist. Rummelplatz ist ein Zeitzeugenbericht, der ganz wunderbar geschrieben ist und der mich durchaus beschäftigt hat (owbohl ich weder aus der DDR stamme, noch in der beschriebenen Zeit gelebt habe).