★★★★★
k.A.
03.06.2026
ean-shopping.de
Das Hörbuch bietet eine interessante und atmosphärische Darstellung der Figur Billy Cop, aber der Inhalt ist nicht durchweg fesselnd. Die Atmosphäre der späten Nacht im New Yorker Polizeidienst kommt gut rüber, allerdings gibt es einige Schwachstellen in der Erzählweise.
Die Cop-Romane des amerikanischen Schriftstellers Richard Price sprengen die Grenzen des Genres. Price schreibt Großstadtreportagen, er ist ein Chronist der Gegenwart. Es sind nicht „nur“ Thriller, sondern Studien einer Metropole und ihrer Bewohner, wobei der Fokus immer auf zwei Bevölkerungsgruppen liegt: denjenigen, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen und denjenigen, die das Gesetz vertreten. Aus diesem Spannungsverhältnis speisen sich seine Romane.So auch in seinem neuesten Werk „Die Unantastbaren“, im Original unter dem Titel „The Whites“ erschienen. Damit sind nicht „die Weißen“ gemeint, sondern Moby Dick, der weiße Wal, der allen Harpunen ausweichen kann. Jeder Cop in New York hat seinen Unantastbaren, einen Kriminellen, dessen Schuld zweifelsfrei feststeht, den er aber nicht festnageln kann. So auch die ehemaligen „Wildgänse“, eine Gruppe von noch aktiven und ehemaligen Polizisten, die in der New Yorker Unterwelt ob ihrer brutalen Vorgehensweise gefürchtet waren und sind. Zu ihnen gehört auch Detective Billy Graves, der Nacht für Nacht in den Straßen der Stadt unterwegs ist, ausgelaugt von zu vielen Nachtschichten, zu viel Kaffee und zu vielen Zigaretten. Und von der Gewissheit, dass sein Job dem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Des Weiteren frustriert ihn aber auch der Umstand, dass er des nachts zwar die Verbrechen aufnimmt, aber die Aufklärung derselben dann in die Hände der Kollegen der Tagschicht übergeben muss und an der Aufklärung in den meisten Fällen kaum noch beteiligt ist. Nacht für Nacht in diese Abgründe schauen zu müssen, immer mit der Gewissheit, dass nur ein Bruchteil der Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden wird, hat ihn im Laufe seiner Dienstzeit zermürbt. Doch dann wird einer dieser Unantastbaren an der Penn Station niedergestochen, und das soll nicht der einzige bleiben. Haben seine ehemaligen Kollegen auf der Suche nach Gerechtigkeit das Gesetz selbst in die Hand genommen? Alle Spuren weisen darauf hin, und Billys persönliche Moral gerät auf den Prüfstand.„Die Unantastbaren“ geht unter die Haut, besticht durch die präzise, harte Sprache, die die Handlung gnadenlos vorantreibt – ganz so, wie sich die Personen durch die nächtlichen Straßen New Yorks bewegen. Emotionalität im Sinne von rührselig sucht man vergebens, hier wird nicht nach Sympathien gefischt, sondern die knallharte Realität abgebildet. Und dennoch geht es um die großen Themen, um Schuld und Unschuld, um Rache und Gerechtigkeit, um Loyalität und Verrat. Um die Frage nach persönlicher Moral und dem Wunsch nach Vergeltung.Richard Price, geboren und aufgewachsen in der Bronx, Drehbuchautor hochkarätiger Hollywoodfilme und der vielfach ausgezeichneten TV-Serie „The Wire“, zeigt in ungeschönten Bildern, was ein Berufsleben mit Menschen macht, die jeden Tag bzw. jede Nacht dazu gezwungen sind, in den Abgrund zu schauen. Wie bereits Friedrich Nietzsche in seinem Werk „Jenseits von Gut und Böse“ schrieb: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."
★★★★★
Dr. Hans Wilhelm Wieczorrek
02.05.2024
amazon.de
Nach Cash, Clockers nun die Unantastbaren, es ist der dritte Roman von Richard Price, den ich gelesen habe. Alle sind sich irgendwie ähnlich, aber spannend sind sie allemal.Wie die Rezensentin Marie C. treffend bemerkt handelt es sich nicht um einen Kriminalroman im klassischen Sinne, sondern meines Erachtens um ein Milieustudie. Price schildert einfach den Berufsalltag eines Cops in den Straßen New Yorks. In diesen Stadtteilen geht es etwas anders zu als den oft im Fernsehen gezeigten Edelstadtteilen mit ihren 100 Mio. Dollar Lofts.Der Polizist Billy Graves ist der Protagonist dieses Romans. Jede Nacht, denn er arbeitet in der Nachtschicht, versucht er das Chaos etwas zu ordnen und dabei ein geordnetes Familienleben zu führen.Plötzlich wird Billys Familie bedroht und Billy bemüht sich verzweifelt, den oder die Bedroher zu finden. Logisch und sachlich geht Billy bei der Suche kaum vor, kein Wunder er liebt seine Familie und ist verzweifelt.Als zweiten Haupthandlungsstrang gibt es noch die Suche oder besser Jagd nach den sogenannten "Unantastbaren". Das sind Verbrecher der übelsten Art, die bisher immer davongekommen sind. Jeder Polizist hat davon einige in seinem "Portfolio". Da ist es doch verlockend, diese Probleme sozusagen "auf dem kleinen Dienstweg" zu lösen. Und das geschieht auch.Fast jede Person aus Billys Bekanntenkreis hat Probleme, manche mehr manche weniger.Bei den Dialogen merkt man, dass Price im Grunde ein Drehbuchautor ist. Sie sind knapp, oft rüde und manchmal monoton.Sprachliche Brillianz kann man nicht erwarten. Aber Price ist ein excellenter Chronist des Chaos, das dort auf den Straßen herrscht.
Dies ist der erste Roman von Richard Price, den ich gelesen habe. Mein Interesse an diesem Buch wurde durch eine Rezension Anfang des Jahres in der Lokalpresse (Westfälische Rundschau) geweckt, in der es sehr gut bewertet wurde, als schonungslose Darstellung der knallharten Realität der Nachtschicht des NYPD.Der Roman ist auch in der Tat spannend, wenngleich nicht entspannend zu lesen. Aufgrund einer Vielzahl von Namen sowie des episodenartigen Erzählstils - mal wird über den Protagonisten Billy Gravis berichtet, im nächsten Kapitel aber steht dann ein gewisser Milton Ramos im Mittelpunkt, und beide scheinen zunächst keine Berührungspunkte zu haben - sollte man den Roman zügig lesen, um nicht den Überblick bzw. den Anschluss zu verlieren. Die Zusammenführung der vermeintlich voneinander unabhängigen Handlungsstränge gelingt elegant und überzeugend, so dass man das Buch auf den letzten 80 Seiten auch gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Dennoch ist es zumindest mir nicht gelungen, mich mit einem der Charaktere zu identifizieren oder auch besondere Sympathie zu empfinden. Ich hatte immer das Gefühl, als Betrachter sozusagen "von außerhalb" auf die Handlung zu blicken. Man verfolgt das Geschehen aus einer gewissen Distanz.Auch an Schreibstil bei direkter Rede muss man sich erst einmal gewöhnen, sprich: sich einlesen.Ein insgesamt solider Roman mit ordentlichen Spannungselementen und Lokalkolorit, wenngleich New York- Kenner und -Liebhaber doch nicht ganz auf ihre Kosten kommen.