„ Ich hatte das Gefühl, dass mich meine Leser hier brauchen!“, antwortete Christa Wolf einst auf die Frage, warum sie trotz der langjährigen Verfolgung durch die Stasi nicht aus der DDR ausgereist sei, wie zahlreiche Schriftstellerkolleginnen und –kollegen. In ihrer bekannten und viel diskutierten Erzählung Was bleibt, beendet 1989, veröffentlicht 1990, die eigentlich von ihrem reinen Text her keineswegs kontrovers sondern sehr geradlinig erscheint, wird eben diese Verfolgung einer Schriftstellerin durch die Staatssicherheit beschrieben.„ Sie standen wieder da. Es war neun Uhr früh. Seit drei Minuten standen sie wieder da, ich hatte es sofort gemerkt. Ich hatte einen Ruck gespürt, einen Ausschlag eines Zeigers in mir, der nachzitterte. Ein Blick, beinahe überflüssig, bestätigte es.“Die im Text namenlos bleibende Erzählerin ist Schriftstellerin und wird bereits seit geraumer Zeit von Vertretern des Stasi-Geheimdienstes vor ihrem Haus beschattet. Egal wohin sie geht – einkaufen oder einfach nur spazieren – stets fühlt sie sich verfolgt und beobachtet. Nicht selten bestätigt sich ihr Verdacht und dort sind wirklich die Männer, die in ihrem Auto sitzen und sie einfach nur beobachten. Dessen nicht genug muss sie auch bei privaten Telefonaten mit Freunden befürchten, gerade abgehört zu werden, oder beim Schreiben von Briefen mit der Sorge die Zeilen verfassen, sie könnten von jemand anderem als dem Empfänger vorher durchgelesen worden sein. Die Unmöglichkeit des Privatlebens und die der Äußerung einer eigenen Meinung sind Thema dieser schmalen Erzählung von nicht einmal 100 Seiten, die ein für Christa Wolf sehr relevantes Thema behandelt – die drastische Einschränkung der freien Meinungsäußerung durch Zensur und Angstmache.Es ist nebenbei nicht nur das Leben der Schriftstellerin, das hier ins Wanken gerät, sondern auch ihre gesamte private Existenz. Sie wird gemieden, andere Menschen fürchten sich, mit ihr in Verbindung gebracht zu werden, weil man weiß, dass sie im Fokus der Stasi ist. Die Verunsicherung der Bevölkerung, ihre eigene Unsicherheit aber auch die Gewöhnung mit der Zeit an diesen Ausnahmezustand, in dem es unmöglich scheint, nach den Prinzipien zu leben, die wir an unseren heutigen Alltag erheben, sind die bewegenden Elemente dieses Textes. Wie bereits angedeutet ist die Erzählung nicht unumstritten, und zwar nicht wegen ihrer Positionierung gegenüber dem DDR-Regime, sondern vielmehr wegen der Biografie Christa Wolfs. Maßgeblich war dabei die von ihr selbst bekanntgegebene Tätigkeit als IM-Agentin, in der sie insgesamt drei Berichte zu einer betreffenden Person verfasste. Diese waren allerdings an keiner Stelle diffamierend sondern vielmehr positiv gestimmt, sodass kein weiterer Verdacht auf die als politisch unliebsam angesehene Frau gelenkt werden konnte. Zudem gab es keine weiteren Aufträge, Wolf wurde von der DDR-Regierung als „doppelzüngig“ beschrieben und seitdem überwacht – ihr diese Vergangenheit vorzuwerfen ist also haltlos. Viel dringender im Zusammenhang mit der Erzählung Was bleibt sind allerdings die inhaltlichen Vorwürfe westdeutscher Literaturkritiker, Wolf würde erst jetzt offen Stellung beziehen zu dem Regime und hätte während der aktiven DDR Zeit geschwiegen.Wer sich mit dem Gesamtwerk Christa Wolfs auseinandersetzt, der wird merken, dass diese Beschuldigung nicht zutrifft. Auch wenn sie selbst nicht so polarisierend wie z.B. Wolf Biermann aufgetreten ist, so muss man immer auf die Zweideutigkeit ihrer Texte achten, die noch zu DDR Zeiten erschienen sind. Nehme man nur die Erzählung Kassandra als Beispiel für eine versteckte aber existierende Kritik an der Haltung der Sowjetunion im kalten Krieg. Einer Autorin vorzuwerfen, die – wie man nicht zuletzt in der Erzählung Was bleibt geschildert bekommt – in ihrem Land zensiert und bedroht worden ist, sie hätte sich nicht genug gegen das Regime gewehrt, ist in meinen persönlichen Augen eine ziemliche Frechheit. Natürlich liegt vor allem in den Händen der Intellektuellen stets die Verantwortung, mit Literatur oder anderen Mitteln der „schönen Künste“ gegen menschenverachtendes Verhalten anzuschreiben. Viele Schriftsteller konnten es wagen, sich gegen das Hitler-Regime zu äußern, aber vor allem, weil sie im Exil in Sicherheit gewesen sind. Christa Wolf nun dafür zu attackieren, dass sie sich (vor Ort ungeschützt) nicht direkt in die Haft derjenigen begeben hat, deren Verhalten sie in ihren Texten anprangert, ist nicht nur unverschämt sondern auch anmaßend. Unbetroffen urteilt man stets schnell darüber, wie man selbst wohl in derselben Situation gehandelt hätte.Ganz nebenbei gesagt fehlt der Erzählung Was bleibt in ihrer Direktheit natürlich jener literarischer Kniff, den man z.B. Kassandra oder dem ebenfalls auf eine mythologische Erzählung zurückgehenden Roman Medea. Stimmen zusagen mag – die versteckte Botschaft, die aufwendige Beschreibung einer scheinbar vollkommen unpolitischen Begebenheit mit dem doch kritischen Hintergedanken. Hier ist alles sehr offen dargestellt, alles so beschrieben, wie es war, und es tut gut, auch einmal so etwas zu lesen. Doch literarisch ist dieser Text bei weitem nicht so anspruchsvoll wie die anderen, eben beschriebenen Werke Christa Wolfs. Ihr also vorzuwerfen, dass sie nicht Zeit ihres Lebens auf diese Art und Weise geschrieben hat, ist nicht nur gesellschaftlich sondern eben auch literarisch vollkommener Blödsinn, weil uns – wäre sie dem Rat der westdeutschen Kritik gefolgt – sonst Texte wie Kassandra oder auch Kein Ort. Nirgends fehlen würden.Mich hat die Erzählung als eines der wenigen Stücke deutscher Literatur, die wirklich unverblümt die Verfolgung durch die Stasi beschreiben, für mich eingenommen. Man weiß heute viel über die Politik in der DDR und die Methoden, doch ist es bewundernswert, mit welcher Klarheit Christa Wolf bereits im Jahr des Mauerfalls die Ereignisse zu schildern wusste. Ein sehr schöner Kommentar der „Neuen Züricher Zeitung“, der auf dem Klappentext der Suhrkamp Taschenbuch Ausgabe abgedruckt ist, lautet. „ Was bleibt? … Die Welt, zu der die Welt der Literatur gehört, wäre ärmer ohne Christa Wolf; dies bleibt.“ Mit diesem Eindruck, der meine Meinung zu der Erzählung wunderbar zusammenfasst, sollte an dieser Stelle geschlossen werden, immer mit dem Hintergedanken: Christa Wolf hat sich auch vor diesem Werk deutlich geäußert – man muss nur intelligent und mutig genug sein, dies zu erkennen!