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Favourite trash - favourite treasure
13.07.2023
amazon.de
Ich möchte zunächst beschreiben, was das Buch NICHT ist, denn möglicherweise wecken Titel und Klappentext irreführende Erwartungen. Was den literaturgeschichtlichen Teil angeht, habe ich z.B. etwas anderes erwartet, wurde aber sogar noch positiv überrascht. Im Buch selbst steht, dass es sich als „literaturgeschichtliche Einführung, nicht aber als eigentliche Literaturgeschichte“ (S. 77) versteht. Das bedeutet: Es wird weniger Wert gelegt auf ganz grundlegende Definitionen von Literaturepochen, Gattungen und Strömungen, wie es z.B. die „Skandinavische Literaturgeschichte“ von Jürg Glauser (2016) tut. Diese deckt allerdings auch den gesamten Zeitraum der Literatur aller skandinavischen Länder ab, im Buch von Astrid und Jan van Nahl geht es aber um das altnordische Mittelalter, im Kern also um die Literatur aus Island und Norwegen. Ihr Buch ist deutlich anspruchsvoller und geht über deskriptive Literaturgeschichte hinaus - darin liegt für mich sein besonderer Wert.Zunächst ganz allgemein:Das Inhaltsverzeichnis sowie der Beginn der beiden großen Kapitel werden von einem Ausschnitt aus einem Manuskript geschmückt – ein hübsches Detail. Die Schrift finde ich fast überdurchschnittlich groß, sodass es für alle angenehm zu lesen sein sollte. Der Rand ist vergleichsweise klein (nur als Info für Barbaren, die gerne umfassende Notizen in ihren Büchern machen). Es gibt ein Glossar, auf das zu Beginn auch hingewiesen wird. Die darin erklärten Wörter werden im Text markiert. Leider betrifft das aber nur den sprachwissenschaftlichen Teil. Zum literaturwissenschaftlichen Teil wäre ein Glossar ebenfalls wünschenswert, hier gibt es aber nur ein Stichwortregister. Wertvoll ist auch die gemeinsame, umfassende Bibliografie, insbesondere die Hinweise zu den für Sagas, Eddas etc. empfohlenen Textausgaben.1. SprachgeschichteDie ersten knapp 70 Seiten des Buches sind der Sprachgeschichte gewidmet. Beginnend mit den indogermanischen Sprachen wird Kapitel für Kapitel der Fokus immer weiter verengt und die jeweiligen Wandel beschrieben, die auf der Ebene von Laut, Wort und Satz wirkten und aus den indogermanischen Sprachen die germanischen, daraus wiederum das Urnordische und schließlich das Alt(west)nordische machte - die Sprache, in der die Texte geschrieben sind, um die es im zweiten und deutlich längeren literaturwissenschaftlichen Teil des Buches geht. Hier findet man sehr dichte Informationen auf ganz engem Raum, die aber verständlich und mit vielen Beispielen erklärt werden. Einfach runterlesen kann man das nicht, das ist bedingt durch den Stoff auch gar nicht möglich. Wenn man aber ein Kapitel einmal ordentlich durchgearbeitet hat, wird man die Wandel nicht mehr vergessen und kann sie sich auch beim Sprachenlernen zu Nutzen machen, z.B. kann man sich im Fall des alten wie auch modernen Isländischen Eigenheiten von Flexionsklassen viel besser merken, wenn man die grundlegenden Lautwandelprozesse dahinter kennt.In diesem Teil hat sich bei der Übersicht der indogermanischen Sprachen leider ein Fehler eingeschlichen, der das Festlandkeltische betrifft (S. 9). Da die Übersicht aus einem anderen Werk (Ernst Kausen „Die indogermanischen Sprachen“, 2012) entnommen ist, muss ich davon ausgehen, dass es sich um einen unglücklichen Irrtum handelt, vielleicht verursacht durch Copy+Paste oder andere technische Tücken. Die festlandkeltischen Sprachen sind jedenfalls neben dem Keltiberischen im Wesentlichen das Gallische (nicht wie angegeben das Gälische) und, je nachdem, ob man sie für eigenständige Sprachen oder Dialekte des Gallischen hält, noch das Lepontische und Galatische. Da es in dem Buch aber gar nicht um die keltischen Sprachen geht, würde ich dem Fehler kein großes Gewicht beimessen.2. LiteraturgeschichteDieser Buchteil behandelt die Gattungen „Sagas“ (mit ihren diversen Unterarten wie „Isländersagas“ und „Vorzeitsagas“), „Eddas“, „Skaldik“ und „Gelehrtenliteratur“, zu der u.a. Rechtstexte zählen. Jedes Kapitel umreißt grob Inhalt und wichtige Motive der wichtigsten Texte. Dann folgen je nach Genre kurze Kapitel zu spezifischen Themen, z.B. zu der Bedeutung von Isländersagas als Nationalliteratur oder zur Historizität von bestimmten Texten. Gerade letzteres ist ein wichtiger Punkt und nimmt zum Glück im Buch auch einen großen Teil ein. Wo teilweise 500 Jahre zwischen Ereignis und Niederschrift liegen, kann einfach keine Rede mehr von harten historischen Fakten sein und auch der Mythos, dass Island eine „Rettungsinsel germanischer Dichtkunst“ (S. 86) sei, der sich beharrlich hält, wird angemessen aufs Korn genommen. Jedes Kapitel schließt mit den aktuellen Fragestellungen, die gerade jetzt die Forschung beschäftigen. Eine Kleinigkeit, die mir besonders gefallen hat: Wann immer ein Name auftaucht, werden die Lebensdaten mit angegeben. Das geschieht nicht nur beim ersten Erwähnen, sondern jedes Mal. Ein bis zwei Jahreszahlen nehmen nicht viel Platz weg, helfen aber, die jeweilige Person sofort in einen Forschungskontext einzuordnen und ermöglichen das Lesen einzelner Kapitel je nach Interesse, sodass man sich nicht unbedingt an die Reihenfolge des Buches halten muss.Als Zielgruppe gibt das Buch Studieninteressierte sowie Studenten in den ersten Semestern an. Besonders der literaturwissenschaftliche Teil ist aber in Ausdruck und Inhalt schon eher anspruchsvoll und könnte absolute Studienanfänger überfordern, da er den Leser nicht an die Hand nimmt und von einer Definition zur nächsten voranschreitet. Begriffe wie „Formalismus“ und „Strukturalismus“ werden z.B. nur ganz kurz erklärt - allerdings betrifft diese Knappheit jeweils Begriffe, die man leicht nachschlagen kann, was ich auch zumutbar finde. Dafür bietet das Buch wirklich wertvolle literaturwissenschaftliche (und eben nicht nur literaturgeschichtliche) Einblicke. Es wird z.B. auch auf Theorien der Kulturwissenschaften eingegangen, geisteswissenschaftliche Größen wie Jan und Aleida Assmann oder Victor Turner, die relevant sind, unabhängig davon, welches Fach man nun exakt studiert, bleiben nicht unerwähnt. Ein wenig anfängerfreundlicher wäre es gewesen auch die literaturwissenschaftlichen Begriffe ins Glossar aufzunehmen, was man vielleicht für eine zweite Auflage überlegen könnte. Vielleicht könnte man zumindest einige wichtige Schlagwörter fett drucken oder anderweitig markieren, um die Kapitel noch ein wenig zu strukturieren.Man fühlt sich wohl in jeder Disziplin zunächst ein wenig verloren, wenn man einen Haufen Dinge lernt, die man nicht in bestimmte Forschungstraditionen einordnen und daher nur schwer selbst bewerten kann. Dieses Buch ist dabei eine riesige Hilfe und gerade deswegen trotz des hohen Niveaus auch für Anfänger zu empfehlen. Allgemein ist es natürlich – wie jedes Lehrbuch oder Nachschlagewerk – kein Buch, das man in einem Rutsch liest und sich dann alles gemerkt hat. Ich empfehle es explizit auch Menschen, die nicht Skandinavistik studieren oder studiert haben, denn besonders der literaturwissenschaftliche Teil ist eine Art von Einführung, die man sonst nicht aus Büchern bekommt. Diese können wunderbar Definitionen, Geschichte und Jahreszahlen vermitteln, aber was man in diesem Buch lernt, eignet man sich sonst tendenziell eher im Kontakt mit Dozenten bzw. gemeinsam im Kurs an. Ein wirklich nützliches Werk!
Die 2019 bei Buske erschienene Einführung „Skandinavistische Mediävistik“ von Jan Alexander und Astrid van Nahl bietet einen grundlegenden Überblick in die altwestnordische Sprach- und Literaturgeschichte. Anders als bereits gängige bis dato angebotene Einführungen in die skandinavistische Mediävistik, die Literatur- und Sprachgeschichte gesondert in verschiedenen Ausgaben behandeln, vereint diese in einem Buch sprachgeschichtliche wie literaturgeschichtliche Aspekte der Mediävistik. Gerade für Studienanfänger der Skandinavistik bietet sich ein umfänglicher Überblick über die Textgattungen, den Literaturbetrieb und den sprachlichen Hintergrund der skandinavischen Mediävistik, denn wie die Einführung bereits in ihrer Einleitung aufzeigt, sei Literatur und Kultur des skandinavistischen Mittelalters nur im Kontext der sprachlichen Entwicklungen des Altwestnordischen zu verstehen. Gerade die Sprachbarriere bzw. die geringe Kenntnis der altwestnordischen Sprache führt am Anfang des Studiums zu verschiedenen Hemmungen, sich mit der skandinavistischen Mediävistik auseinanderzusetzen. Die Einführung gibt einen pointierten sprachgeschichtlichen Überblick über die Entwicklung der nordischen Sprachen vom Indogermanischen über das Germanische, Urnordische und Altwestnordische; wobei der Schwerpunkt natürlich auf der Ausdifferenzierung des Altwestnordischen liegt - die Sprache, die für die Mediävistik und deren Literatur und Kultur bedeutend war und ist. Da es eine Einführung in die Thematik ist, wird und muss auf Ausführlichkeit der verschiedenen sprachlichen Phänomene verzichtet werden. Geradewohl werden aber alle wichtigen Lautänderungen sowie Um- und Ablautvariationen genannt und griffig erklärt. Ein Glossar mit den wichtigsten grammatischen Begriffen findet sich im Anhang – wirklich ideal für Studierende der ersten Semester.Aber auch für fortgeschrittene Bachelor wie auch für Masterstudierende des Fachs stellt diese Einführung ein geeignetes Medium zum Nachschlagen, Wiederauffrischen und extra-curricularem Schmökern der skandinavistischen Mediävistik.Neben der Sprachgeschichte bietet das Buch einen ausführlichen Überblick über die wichtigsten Aspekte, Theorien und Genre der altwestnordischen Literatur. Neben gängigen Themen und Theorien des Studiums wie die Buch- und Freiprosatheorie werden auch aktuelle Forschungstendenzen mit den dazugehörigen Literaturangaben zum weiteren Vertiefen zusammengefasst. Der literaturgeschichtliche Teil der Einführung stellt die drei großen Gattungen Saga, Edda und Skaldik vor und bietet in einzelnen Unterkapiteln u.a. jeweils Zusammenfassungen der einzelnen Saga-Genre vor, stellt überblicksartig einzelner Sagas der unterschiedlichen Genre vor und weist auf aktuelle Forschungsansätze und -fragen (einschließlich bis Mitte 2019) hin. Eine weitere Besonderheit stellt das Kapitel zur Gelehrten Literatur auf, in dem neben der Ìslendingabók, auch Rechtstexte, die Grammatischen Traktate sowie der Königsspiegel Erwähnung finden.Als studieninteressierter wie auch als fachfremder Leser erhält man während und nach der Lektüre einen umfangreichen ersten Überblick über die Literatur der skandinavistischen Mediävistik. Mithilfe der nach jedem Kapitel genannten Literaturhinweise wird sofort die Möglichkeit geboten, einzelne Interessen vertiefend zu verfolgen und seine eigenen Studienschwerpunkte zu setzen. Der klare Aufbau ermöglicht einen schnellen Zugriff auf die nötigen Informationen und bietet zudem durch einen ähnliche Argumentationsaufbau gerade in den Saga-Genrekapiteln die Möglichkeit als Leser bereits Vergleiche zwischen den verschiedenen Gattungen wie Saga-Genre aufzustellen. Für jeden Skandinavistik-Studierenden ein absolutes Must-Have im Bücherregal.