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Johannes Heinrichs
09.11.2024
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Wie so oft, ist auch in diesem Fall der englische Untertitel genauer, was nicht etwa an einer Unzulänglichkeit der deutschen Sprache liegt (von der man in der sehr sachkundigen Übersetzung auch nichts merkt): Rainbow Body. A History of the Western Chakra System from Blavatsky to Brennan. Es handelt sich um eine großartige Geschichte des Chakra-Systems, wie es sich bis heute in einer östlich-westlichen Wechselwirkung herausgebildet hat. Der Autor, ein Gelehrter und Künstler, was seine Diktion seriös und locker zugleich macht, kämpft gegen die „Quellen-Amnesie“, also Herkunftsvergessenheit, die besonders in der esoterischen Szene herrscht. „So wird endlich nachvollziehbar, welches Wissen am Anfang stand und wie es über anderthalb Jahrhunderte hinweg weitergereicht wurde. Ein Werk, das Jahrzehnte an Arbeit und ein ungeheures Wissen erforderte! Eine meisterhafte Studie.“ Diese Sätze aus dem Klappentext des Verlegers sind keineswegs übertrieben. Im Gegenteil, da sich die „anderthalb Jahrhunderte“ nur auf die neuere westliche Rezeption und Weiterbildung des alten indischen Wissens beziehen. Der amerikanische Autor und Musiker (mit anscheinend deutschen Wurzeln) fasst seinen Gedankengang schon in der Einführung besser zusammen, als es dem Rezensenten möglich wäre:„Teil Eins ‚Osten ist Osten und Westen ist Westen‘ handelt von der frühen Evolution des Chakrasystems. Ich untersuche den indischen Hintergrund dieses Systems und entwickle nützliche Übersetzungen von wichtigen Sanskrit-Begriffen wie Tantra, Yoga, Nadi und Kundlini. (…) In Teil Zwei ‚Esoterische Matrix: Die Chakra-Lehren von H.P. Blavatsky (1879-1891) und der Theosophischen Gesellschaft bei der Übermittlung östlicher Lehren in den Westen – und deren radikale Veränderung auf diesem Wege. – Teil Drei ‚Wirbelnde Räder: Theosophische Hellsicht (1980er – 1920er Jahre) beschreibt ausführlich die Beiträge von Theosophen wie Annie Besant und Charles W. Leadbeater zum westlichen Chakra-System sowie jene von Rudolf Steiner und weniger bekannten Gestalten (…) Teil Vier ‚Chromotherapie: die Lehre von den Strahlen,Farben und Drüsen (1920er – 1950er Jahre)‘ präsentiert die Ergebnisse meiner Recherchen darüber, wie die Regenbogenfarben und die endokrinen Drüsen mit dem westlichen Chakrasystem assoziiert wurden. Außer Alice Bailey und Edgar Cayce sind die hier behandelten Gestalten größtenteils unbekannt. – In Teil Fünf ‚Gelehrte, Swamis und Seelenklempner (1930er – 1970er Jahre)‘ stelle ich die Beiträge zur Evolution des westlichen Chakrasystems von europäischen und amerikanischen Gelehrten wie C.G. Jung und Joseph Campbell vor sowie die Arbeiten von mehreren indischen spirituellen Lehrern wie Ramakrishna und Sri Aurobindo bis Swami Rama. Insbesondere konzentriere ich mich auf das Human Potential Movement des Esalen-Instituts. (…) In diesem Teil gebe ich die Geburt des westlichen Chakrasystems in der uns bekannten Gestalt im Juni 1977 bekannt; sie ist ein Resultat von Esalens einzigartiger Kombination von östlicher Mystik, westlicher Esoterik und europäisch-amerikanischer Psychologie. – Teil Sechs ‚Licht-Räder rollen weiter‘ (1980er Jahre und darüber hinaus) handelt von den Spätfolgen dieser Geburt, darunter einer Reihe von heute vergessenen konkurrierenden Systemen sowie Kontroversen aufgrund unterschiedlicher Zahlen, Namen, Positionen, Farben und Funktionen zwischen diesen Systemen. (…) Dies war auch das Jahrzehnt, als innovative Praktiker auf dem sich neu entwickelnden Gebiet der Energiemedizin anfingen, das Chakrasystem in verschiedenen Formen der Körpertherapie anzuwenden, darunter Akupunktur, Polarity und Reiki. Gegen Ende der Dekade bot die Bestseller-Autorin und Schauspielerin Shirley MacLaine öffentliche Workshops über die Chakras an – und ihren Auftritt in der Tonight-Show am 4. Oktober 1990 könnte man als die Coming-Out-Party des westlichen Chakra-Systems bezeichnen. Dieses war nun nicht länger eine esoterische Yoga-Lehre, sondern Teil einer Pop-Kultur geworden“ (19 f). Der Autor schließt sein mutig vorweggenommenes Resümee, worin man viel Ironie versteckt sehen könnte, mit den optimistischen Worten: „ Ich betrachte die Entwicklung des westlichen Chakrasystems als die Verkörperung eines zutiefst bedeutungsvollen Archetyps der Erleuchtung, dem Osten und dem Westen gemeinsam – dem Archetyp des geistig vollendeten Wesens, das wir so oft auf den Umschlägen von Büchern über die Chakras sehen: Eine strahlende, meditierende menschliche Gestalt, hell im regenbogenfarbigen Licht, die unser spirituelles Potenzial ganz verwirklicht hat, so dass jedes Chakra eine Stufe der Evolution auf dieser heiligen Entwicklungsreise repräsentiert“ (22). Es fehlen – erstaunlicherweise - nur noch die Spiral Dynamics des Don Beck als neueste Entwicklung auf dem farbigen Jahrmarkt der spirituellen Selbstbestätigung und Fremdbewertung!Mit diesen Bemerkungen kündigt sich meine Kritik an, mit der ich die Leistung dieser so kenntnisreichen Geschichtsschreibung nicht schmälern will. Gerade das Hin und Her der theoretischen wie praktisch-heilerischen Deutungen der Chakren macht anschaulich, dass ein systematischer Gesichtspunkt, ja eine Herleitung der Chakren nicht einmal durch die (von den Mahatmas genährte) Hellhörigkeit der H.P. Blavatsky noch durch die geschulte Hellsichtigkeit ihrer unmittelbaren Nachfolger Annie Besant und Charles W. Leadbeater ersetzt werden kann, sondern offenbar für unsere gegenwärtigen Bedürfnisse in einer wissenschaftlich geprägten Welt dazu gehören muss. Schon zwischen H.P.B. und Besant/Leadbeater besteht eine erhebliche Differenz, m.E. eine positive Klärung, in der Benennung und Deutung der Chakren 2 bis 4, die der sonst so sorgfältige Chronist nicht hervorhebt: Aus Sicht des ontologischen Systematikers, der den Zusammenhang der wurzelhaften Körper-Seele-Geist-Dreiheit der menschlichen Wesenskomponenten mit der resultierenden Siebenfachheit der „Körper“ oder Seinsebenen des Menschen in einem Drei-Kreise-Modell more geometrico aufgezeigt hat (seit 1988 in „Öko-Logik“), fühle ich mich darin bestätigt, dass selbst jene hohen Gaben der Hellhörigkeit und Hellsichtigkeit der denkenden Systematik nicht entbehren können – und dies offenbar auch nach dem Willen der Mahatmas nicht sollen. Sonst würden diese das relative Durcheinander jener divergierenden Deutungen im Gefolge des mächtigen Anstoßes von H.P.B. nicht zulassen. Dieses Durcheinander und die damit verbundene Unsicherheit in der Lebensbedeutung der Chakras verstehe ich als ihre Herausforderung zum eigenen, gewissenhaften, rekonstruktiv hinschauenden Denken. Gleich ob jene systematische Herleitung nun im Sinne des Rasters von Leland (79-81) eher innovativ-formativen oder konsolidierend-interpretativen Charakter hat, möchte ich sie ihm in aller Bescheidenheit unterbreiten. Das Drei-Kreise-Modell von Körper-Seele-Geist würde manche Verkürzungen wie z.B. die einfache Parallelisierung mit der Bedürfnispyramide A. Maslows (345) sowie andere fragwürdige Listen, etwa der von Swami Rama (357) durchschauen lassen. Allgemein wird durch die bloße Linearität der Schichtung der Chakren die eigentliche Problematik ihrer Integration, besonders der von Kopf und Herz, nicht erkennbar und thematisierbar. Zugrunde liegt eben die (logisch mehrwertige) „Durchdringung“ jener drei Wurzelprinzipien, und diese ist mit einer zweiwertigen Linearität allein nicht aufweisbar. An Oshos "In Search of the Miraculous" kritisiert der sonst überaus neutrale Chronist: „Er gab kein Anzeichen dafür, dass sich die Körper in Schichten der Aura befinden oder jeder Körper sein eigenes Chakrasystem besitzt“ (410). Diesen Gedanken „mehrdimensionaler Chakras“, den Leland nicht erst bei Brennan, sondern schon bei Leadbeater zu finden meint (425), halte ich, so modisch verlockend er klingt, im Sinne einer Multiplikation für abwegig: Die Chakren sind gerade für die „Körper“, also die resultierenden Seinsebenen des Menschen, spezifisch. Denn sie haben denselben Ursprung aus der Körper-Seele-Geist-Dreiheit, sind in einem Zuge aus dieser herzuleiten. Das schließt ein, dass jedes Chakra die Ganzheit der Aura durchdringt oder mitprägt. Dies ist jedoch etwas anderes als die angebliche Multiplikation der Chakren in jedem „Körper“, jeder Auraschicht.Diese kontroversen Anmerkungen resultieren sämtlich aus dem Fehlen einer systematischen Herleitung (genauer: Rekonstruktion) des Chakrasystems. Es ist eben falsch, im Sinne einer gedankenscheuen Populäresoterik der philosophischen Systematik eine bloß exoterische Bedeutung zuzuschreiben. Dies galt nie für den Osten und gilt nicht mehr für eine fortgeschrittene, integrale Auffassung von westlicher Philosophie. Wenn Leland im Vorübergehen das Esoterische auf das „innere Universum“, das Exoterische auf das „äußere Universum“ bezogen deklariert (92), sehe ich auch dies als einen Schwachpunkt, allerdings einen leichter vermeidbaren. Wenn die Unterscheidung für eine integrale Philosophie bzw. eine denkende Esoterik überhaupt noch einen Sinn hat, ist dieser nicht materialer, sondern methodischer Art: Es geht bei dieser Unterscheidung einzig um die Frage, welche seelischen Vermögen oder auch Botschaften die Philosophie bei ihrer begrifflichen Rekonstruktionsarbeit berücksichtigen soll, darf und will. Der eigentlich verbleibende Unterschied ist der zwischen einer im Prinzip denkenden und einer bloß gläubig-konsumistischen und gefühlsseligen Populäresoterik.Wie gesagt, mindern diese kritischen Anmerkungen nicht den hervorragenden Wert des Buches. Es sollte jedoch nicht als Abschluss, sondern als Ermöglichung einer neuen Ebene und neuen Phase des Verständnisses der Chakras verstanden werden.