★★★★★
k.A.
25.07.2026
ean-shopping.de
Dieser Leitfaden bietet eine hervorragende, flüssig geschriebene und kompakte Einführung in die komplexen Zusammenhänge des Kapitalismus und ist äußerst hilfreich für alle Interessierten. Ich empfehle ihn uneingeschränkt!
Für Menschen die kein historisches, soziologisches und ökonomisches Vorverständnis mitbringen, ist es nicht so ohne Weiteres zugänglich, aber lesbar. Für Wirtschafts- und Sozialhistoriker_innen ist es viel zu oberflächlich.Es handelt sich also um einen leicht vereinfachten, groben Überblick über die Geschichte des Kapitalismus für Leser_innen mit ein wenig Vorwissen.Für einen groben Überblick ist es aber (von ein paar Schwächen gegen Ende) erstaunlich gut und lesenswert.Man kann es zur Orientierung nutzen. Dafür sind auch die vielen Literaturempfehlungen (z.B. Klassiker der Theorie wie Smith, Ricardo, Marx, Engels, Weber, Lenin, Luxemburg, Keynes, Schumpeter, Bourdieu, Hayek und Foucault und viele mehr, oder gute Einführungen in die neuzeitliche Wirtschaftsgeschichte) des Buches hilfreich.
Georg Fülberth, marxistischer Politikwissenschaftler, erklärt in einem kleinen Taschenbuch mit 116 Seiten die Grundlagen und Geschichte einer Wirtschaftsform, die die gesamte Welt beherrscht. Ich beziehe mich mit meiner Rezension auf die 3. Auflage des Büchleins aus dem Jahr 2015.Im ersten Abschnitt erklärt Fülberth, was Kapitalismus ist und was ihn ausmacht: Die verschiedenen Formen von Gewinn sowie deren Akkumulation, das heißt die ständige Anreicherung des Gewinns zu Bildung einer Kapitalmasse.In den Mittelpunkt des Buches stellt der Autor die Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus. Er beginnt mit einem Rückblick auf den Feudalismus und den Absolutismus sowie die Phase in der Mitte des letzten Jahrtausends, in denen sich ein weltweiter Handel herauskristallisiert. Er führte zur Anhäufung von Geldmitteln in der Hand von Fürsten und kleinen Personengruppen, die den Handel mit Getreide, Textilen, Gewürzen sowie Luxusgütern für die Oberschicht beherrschen. Zu letzteren zählt Fülberth auch Slaven. Neben diesem, auf Waren bezogenen, vorindustriellen Kapitalismus entsteht auch ein früher Finanzkapitalismus. Der ‚eigentliche‘ Kapitalismus beginnt allerdings mit der Industrialisierung. Hier entwickelt sich nämlich die Arbeitskraft zu einer Ware, die sich die Fabrikbesitzer in besonderer Weise aneignen. Im Rahmen der ersten industriellen Revolution entsteht nach Fülberth auch die extensive Selbstorganisation des Kapitals unter Einbindung der sich entwickelnden Nationalstaaten. Die Entwicklung des Kapitalismus verläuft freilich keineswegs kontinuierlich, sondern ist geprägt durch Krisen und Kriege. Dies gilt bis heute. Auf den letzten 30 Seiten setzt sich Fülberth mit der Entwicklung des Kapitalismus in den letzten 40 Jahren auseinander. Er geht hier auf die 3. Industrielle Revolution und das Erstarken des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ein. Nach einer (kurzen) Analyse der Finanz- und Wirtschaftskrisen im laufenden Jahrhundert kommt er zu dem Schluss, dass derzeit kein Ende des Kapitalismus abzusehen ist.An dem Büchlein überzeugt die breite Ansammlung von Fakten, in denen die Verflechtung des Kapitalismus mit der Entwicklung der Produktivkräfte einerseits und politischen Ereignissen andererseits, aufgezeigt wird. Beispiele: 1. Deregulierung der Finanzmärkte durch die USA zur Finanzierung von Kriegen (Vietnamkrieg). 2. Die Auswirkungen der Nutzung numerisch gesteuerter Maschinen in den 70er Jahren.Die vielen Fakten stehen oftmals einfach in Aufzählungen untereinander. Hier fehlt mir dann manchmal doch schmerzlich eine etwas tiefere Analyse. Dies gilt besonders für die aktuelle Entwicklung vor dem Hintergrund einer neuen gegenseitigen Konkurrenz zwischen China, USA, EU, Russland sowie der Rolle der „Länder in nachholender Entwicklung“.Zugegeben – dies alles detaillierter aufzuzeigen ist wohl zu viel verlangt von solch einem kleinen Buch. Es gibt aber trotzdem einen sehr guten Einblick in die Entstehung des Kapitalismus und seine aktuelle Daseinsform und ist deshalb absolut lesenswert.
★★★★★
Dietrich Marquardt
26.05.2024
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Schwer zu sagen, was man an diesem gut einhundert Seiten starken Bändchen am meisten rühmen soll: Die Fülle der Informationen, die Klarheit der Definitionen, die ausgezeichneten Literaturhinweise ? Ja, alles drei und ein Viertes: Ich denke, es ist die souveräne Form und sprachliche Klarheit der Darlegung, die auf einem beeindruckenden Wissen und einer hervorragenden Fähigkeit zur Präsentation beruht.Drei Schwächen finden sich gegen Ende des Buches: 1. Zur sogenannten Hypothekenkrise in den USA: "Wer ein Haus erwerben wollte, konnte mit nur sehr geringem Eigenkapital Hypotheken aufnehmen." Selbstverständlich ging es beim geringverdienenden US-"Häuslebauer" nicht um Kapital oder Eigenkapital, sondern schlicht um Geld. Kapital dagegen ist mehr und anderes als Geld, das hat Fülberth im ersten Abschnitt dargelegt. Sollte wohl eine Kontrollfrage werden.2. Den durchaus zentralen Begriff Überakkumulation definiert Fülberth (anders als den Begriff Akkumulation) nicht. Das ist ein gravierendes Versäumnis. By the way: Ein Überbein ist nichts, was man sich aus der Steigerung von Bein selbst erklären könnte. Dito Flieger und Überflieger.3. Die Finanzkrise seit 2008 als eine Art verschleppter Grippe (immerhin von Mitte der 70er Jahre verschleppt) zu interpretieren, ist mal wieder eine der Analogiebildungen, in der die Volkswirtschaftslehre (manche nennen das politische Ökonomie) sich seit ihren Anfängen (Wirtschafts-"Kreislauf") ergeht. Anschaulich, aber auch irreführend. Jedenfalls alleine noch nichts erklärend.Gleichwohl: Eine ähnlich fundierte Einführung in die wesentlichen Grundbegriffe des Kapitalismus und noch dazu eine so klare und anschauliche Kurzgeschichte dieser Gesellschaftsordnung wird man im deutschen und vermutlich auch im englischen Sprachraum (und damit überhaupt in dieser per Englisch globalisierten Welt) wohl kein zweites Mal finden. Eine Übersetzung ins Englische ist also dringend geboten.