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Ludwi g Martin Jetschke
06.07.2023
amazon.de
Ich kann mich der vorgehenden Rezession nicht anschließen. Wenngleich mich der Buchpreis abgeschreckt hat, möchte ich heute dieses Buch als Arbeitshilfe nicht missen. Es arbeitet systematisch die Techniken der Orgelimprovisation, auch von zahlreichen Literaturbeispielen durch (die Literatur könnte evtl. ein Grund für den hohen Preis sein) und ist meiner Meinung nach eine große Hilfe, allerdings vor allem dann, wenn man schon über fundierte Kenntnisse in Tonsatz besitzt.
Das Buch von Reiner Gaar bietet einen groben Überblick über die verschiedensten Stile der Orgelimprovisation, von Barock bis zur Moderne, nur leider bleibt dieser Überblick sehr grob. Die einzelnen Stilmerkmale werden zwar beschrieben, aber Methoden, wie man sie sich zur Improvisation zunutze machen kann, bleibt Gaar uns leider schuldig. Seine methodischen Ausführungen beschränken sich auf "Spielen Sie dieses Beispiel in allen Tonarten und gängigen Klaviaturverteilungen" (sinngemäß, nicht wortwörtlich zitiert). Zugegeben, diese Methode gehört zwar auch zum Üben von Orgelimprovisation dazu, artet aber sehr leicht in Auswendiglernen aus und bringt einen der Improvisation an sich nur wenig näher.Außerdem stellt Gaar einen Lehrplan vor, der aus meiner Sicht doch schon sehr anspruchsvoll gestaltet ist. Der hohe Anspruch wäre an sich auch kein Problem, nur bleibt dieser ohne effektive Methoden nur für einen sehr kleinen Teil der Studierenden erfüllbar. Alle anderen (und sicherlich auch so mancher bereits im Beruf stehender Kirchenmusiker) werden beim Anblick des Lehrplans das Gefühl haben, nichts zu können und wieder ganz von vorne beginnen zu müssen.Zum Selbststudium eignet sich dieses Buch also nicht. Zwar geht Gaar auch gar nicht mit diesem Anspruch heran, doch ist zu erwarten, dass ein Buch über Orgelimprovisation in Form einer Schule, wie es das Buch schließlich ist, auch das Interesse frustrierter Orgelschüler weckt, die auf der Suche nach konkreten Übmethoden für die Improvisation sind. Diese Schüler werden enttäuscht werden.Für wen ist dieses Buch also geeignet? Am besten wohl für denjenigen, der schon weiß, wie "Improvisation üben" eigentlich geht, und der nach einer Materialsammlung sucht, um sich weiterzuentwickeln, ganz gleich ob Schüler oder Lehrer. Der enthaltende Lehrplan wird sich in seinem Anspruch nur bei Vorhandensein ausreichend kompetenter Lehrer für die gesamte unterrichtete Studentenschaft umsetzen lassen.Wen allerdings genau die Frage, wie man Improvisation eigentlich üben und lernen kann, beschäftigt, sollte das Buch nur in Einzelfällen zur Hand nehmen, etwa um ein Thema für eine Passacaglia zu finden oder die Zusammensetzung des 2. und 3. Modus nach Messiaen nachzuschlagen. Für konkrete Hinweise zur Übmethodik empfehle ich dagegen die Werke von Christiane Michel-Ostertun, besonders die ab Anfang 2011 erschienenen "Arbeitsblätter zur Orgelimprovisation", in denen die Autorin mit sinnvollen Vorübungen und methodischen Hinweisen genau die Lücke schließt, die im Buch von Reiner Gaar offen bleibt.
Das Buch ist die Anschaffung nicht wert. Ich kann jedem empfehlen das Geld gleich für die Literatur(Noten) auszugeben. Ich habe mir mittlerweile einige Orgelschulen/Fachbücher zum Thema Improvisation angeschafft. Das Buch von R. Gaar liegt bei einer Kategorie von 1-10 bei maximal 3. Gaars "Orgelimprovisation" ist für seinen Unterricht angelegt (so vermute ich) - kaum hilfreich für andere. Für den Einstieg empfehle ich eher N. Schmid. Schmids Bände führen hervoragende Beispiele, unter anderem zur Begleitsatz-Vorspiel-Übertragung, auf. Ich konnte mit diesen Improvisationsschulen große Erfolge bei meinen Schülern erkennen. Für den angehenden Berufsmusiker ist Gaar ebenfalls Geldverschwendung. Da empfehle ich eher Michel-Ostertun. Sie geht wenigstens auf ihre aufgeführten Beispiele ein und bietet Lösungen.Mein Fazit: ein absolutes NO-GO für "Orgelimprovisation" von R. Gaar, wer will, überzeuge sich selbst.