★★★★★
k.A.
20.06.2026
ean-shopping.de
Gut!
Wer wissen will, wie es sich als moralischer Kommissar in Haiti so lebt, wir brutal erwachen. Wer wissen will, wo die Grenze zwischen Realität und Irrsinn verläuft im Alltag haitianischer Menschen, wird irritiert und fasziniert weiterlesen. Ein widerwärtiger Mensch, dieser Kommissar, er hurt, mordet und säuft sich zu Tode und pflegt ein sentimentales Andenken an die Mutter seiner Tochter. Aber welche Alternativen hat er, wenn er weiter versucht, ein anständiger Mensch zu bleiben.Kein Buch, das einem kalt lässt, ein faszinierendes Zeitzeugnis aus Haiti.
Verbrecherische Voodoo-Heiler, ein korrupter Polizeiapparat, der Staat desolat und von kriminellem Netzwerk überzogen. So stellt Gary Victor Haiti vor der Erdbebenkatastrophe des Jahres 2010 dar. Mittendrin Inspektor Dieuswalwe Azémar, einer der wenigen Beamten, die nicht korrumpierbar sind. Deshalb ein armer Kerl mit wenig Geld, das gerade reicht, um die nicht geringen täglichen Rationen aromatisierten Zuckerrohrschnaps zu kaufen und ab und zu eine der billigsten Nutten für ihre Dienste zu entlohnen. Dessen einzige Tugend neben der Unbestechlichkeit die Sorge um seine mutterlose Tochter Mireya ist, die er in die Obhut einer evangelikalen Kirche gegeben hat. In drei Tagen soll die Kleine zur Adoption ins Ausland gebracht werden, zu ihrem Wohl, raus aus dem Sumpf voller Verbrechen im Land.Doch bis dahin muss der Inspektor noch das Mädchen einer Bekannten aus den Fängen eines Voodoo-Heilers retten. Die umgerechnet rund 270 € für die Auslösung des stark fiebenden Kinds kann die Mutter nicht bezahlen und so löst Azémar das Problem auf seine Weise: er erschießt den Heiler nebst zwei seiner Wächter.Doch auch bei dem Adoptionsvorhaben der eigenen Tochter läuft nicht alles so, wie Papa Dieuswalwe es sich für seine Kleine wünscht. Es sind nicht die christliche Nächstenliebe, die die „Kirche vom Blut der Apostel“ leitet, sondern profaner Organhandel bestimmt das Handeln der Schwestern des Ordens und ihrer Hintermänner zu denen auch Azémars einstmals unbestechlicher Kollege gehört. Dieser erscheint Mireya in Gestalt eines Werwolfes mit einem Schweinegesicht, anscheinend im Traum. Der Vater kämpft um seine Tochter, will sie vor den Schweinen und den Schweinezeiten bewahren.Gary Victor lebt in Haiti und ist einer der meistgelesenen Schriftsteller des Landes, in dem er als hoher Beamter verschiedenen Regierungen gedient hat. Bekannt ist er dort besonders für heftige sozialkritische und satirische Beiträge in Rundfunk und Fernsehen. Und dies ist einer seiner Romane, ebenfalls gespickt mit Kritik an den Verhältnissen in Haiti, geprägt durch Korruption und Cliquenwirtschaft sowie dem Einfluss anderer krimineller in- und ausländischer Elemente.Victor zeichnet ein düsteres, trostloses Bild von Haiti, auch wenn es in diesem Voodoo-Krimi ansatzweise amüsante Szenen gibt, die aber immer wieder abgewürgt werden durch den Ernst des Alltags. Trotzdem: Ein begeisterndes Werk!
Gary Victor soll ja laut Amazon zu den populärsten Gegenwartsautoren Haitis zählen und seine Romanfigur Inspektor Dieuswalwe Azémar aus Port-au-Prince habe bereits Kultstatus. Weder die triste Covergestaltung noch der nichtssagende Titel "Schweinezeiten" (ich beziehe mich auf die Ausgabe vom Verlag CulturBooks - elektrische Bücher) hätten mich zum Kauf veranlasst. Allerdings habe ich den Krimi im Rahmen einer Leserunde gewonnen und mich mit zunehmendem Interesse darin vertieft.Auch wenn man durch die Tagespresse darüber informiert ist, dass Haiti zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, so hat man doch noch im Hinterkopf eine Vision von einem Paradies mit Palmenstrand und Meer. ... Gary Victor stößt seine Leser unvermittelt in eine Vorhölle aus sengender Hitze, Dreck, Korruption und Alkohol. Hier in dieser Trostlosigkeit ermittelt Azémar, scheinbar der letzte integere Polizist auf dieser Insel, der die harte Realität nur im Zustand der Trunkenheit ertragen kann. Schießwütig nimmt er das Recht in seine Hände, meist mehr oder minder wohlwollend gedeckt durch seinen Vorgesetzten, der den Instinkten seines Inspektors immer noch vertrauen kann.Eigentlich hat Azémar nur einen einzigen Grund zum Weiterleben: seine kleine Tochter Mireya. Er weiß sie im Pensionat der "Kirche vom Blut der Apostel" hervorragend aufgehoben und stimmt einer Adoption ins Ausland zu, um dem Kind eine bessere Zukunft zu ermöglichen, auch wenn es ihm selbst das Herz zerreißt. Im Laufe der Ermittlung wird rasch klar, daß diese klerikale Sekte vom Blut der Apostel eine weltweit agierende Verbrecherorganisation ist, und daß Mireya sich in unmittelbarer Lebensgefahr befindet.....Dieses Buch ist so etwas wie ein Anti-Buch für mich. Ich mag diesen abstossenden Inspektor nicht, die Lebensumstände sind abschreckend, die Mentalität bleibt mir fremd, manches bleibt mystisch unerklärbar, aber dennoch hat mich die Handlung gefesselt und die Fremdartigkeit im Vergleich zum normalen europäischen Krimi fasziniert. Ein Pluspunkt ist auch der überschaubare Seitenumfang, so daß das Geschehen nicht allzu sehr ausufert. Richtig gut ist bei der Ebookausgabe, dass sich beim Klick auf die besonders hervorgehobenen Begriffe ein Glossar mit der passenden Erläuterung öffnet.