Er muss ein echtes Unikum gewesen sein, der Werner Dessauer. Ein Unikum, geboren mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund, humorvoll und lebenslustig. Die „Entdeckungsreise in eine fantastische Welt“ entführt den Leser in Dessauers Privatpark und Villa in Zollikon, vor den Toren Zürichs, ein gigantischer Sammelplatz für Dessauers unermüdliche Sammelleidenschaft. Dieser zog sich früh aus dem aktiven Berufsleben zurück und verbrachte den Rest seines sehr langen Lebens damit, das viele Geld wieder unter die Leute zu bringen, was ihm erfolgreich gelang. In seinen vier Wänden befindet sich heute eine bedeutende Sammlung von Shagreen-Objekten und silbernen Streichholzdöschen, Vestas genannt. Aber auch afrikanische Airport-Kunst, Nippesfigürchen aus Bakelit, Gartenantiquitäten, Pferdebilder, Hundefigürchen, Schildpatt-Dosen, alte Bücher mit hübschen Einbänden und wer-weiß-was-sonst-noch. Schon die Fotos erschlagen den Leser, um wie viel schlagkräftiger mag erst die Realität sein.Ich kenne mich mit Antiquitäten einigermaßen aus und bin nach der Lektüre immer noch verwirrt, wie jemand den Spagat zwischen Flohmarkt-Kitsch und recht hochwertigen Stücken hinbekommt, ohne dass ich auch nur ein einziges Objekt gesehen hätte, das wirklich qualitativ herausragt. Bei Dessauers finanziellem Hintergrund ist es sehr ungewöhnlich, sich keinen externen Sachverstand einzuholen und nur nach Bauchgefühl zu kaufen. Es ging ihm anscheinend eher um Masse, nicht um Klasse (ansatzweise ausgenommen ist die Shagreen-Sammlung). Neidlos anerkennen muss ich allerdings ein sehr gutes Händchen für den Dekorationswert. Die Präsentation und Zusammenstellung überzeugt fast immer (die Orangerie ist ein gärtnerischer Traum!) und sie offenbart vielleicht auch den wahren Sinn der extrem heterogenen Sammlung: Sie sollte eine Umgebung schaffen, in der sich Werner Dessauer wohlfühlte. Die Bücher waren z. B. nicht zum Lesen da, sondern die schönen Buchrücken schufen in der Bibliothek einen harmonischen Hintergrund für die zahlreichen Sammlungsstücke in Regalen und an den Wänden. Die Jagd nach neuen Stücken auf Flohmärkten, in Galerien und Auktionshäusern schuf für den (unfreiwilligen) Frührentner einen neuen und befriedigenden Lebenszweck. Andreas Honegger, Freund des mittlerweile verstorbenen Sammlers, sagt das in seiner schmeichelnden Hommage zwar nicht, aber es ist sehr offensichtlich. Und das ist wirklich nicht das Schlechteste, was man mit seinem Leben bei nahezu unerschöpflichen finanziellen Mitteln machen kann.Ob diese Sammlung aber publikationswürdig ist, daran habe ich wirklich großen Zweifel. Die Texte sind leider sehr oberflächlich, erinnern phasenweise an elegische Nachrufe und es gelingt Honegger nicht, die Faszination auf den Leser zu übertragen. Sein etwas altertümlicher, bemühter Stil, bar jeder kunsthistorischen Fachkenntnis, inhaltlich auf dem Niveau von Flohmarktgesprächen ist keine wirkliche Bereicherung. Das kann man für ein Familienalbum zwischen zwei Buchdeckel binden, aber für eine größere Öffentlichkeit, die Werner Dessauer nicht persönlich kannte, ist dieses Buch leider völlig belanglos.(Dieses Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auf meine Rezension wurde kein Einfluss genommen, der Inhalt stellt meine persönliche Meinung dar.)