Einleitung Wie hat sich der Alltag im ländlichen Raum in den letzten 200 Jahren entwickelt?
Wie haben die Bewohner des Weserberglands unter Königen Kaisern und Präsidenten ihr
Gemeinwesen und ihr privates Leben organisiert? Wie hat die politische Großwetterlage in
Monarchie und Republik in Diktatur und Demokratie die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in den
Dörfern und Kleinstädten des Sollings und des Wesertals bestimmt? Wie hat die industrielle
Revolution das Leben unserer Vorfahren verändert? Das vorliegende Buch versucht Antworten auf
diese Fragen zu geben und lädt zu Zeitreisen in die Provinz ein. Die einzelnen Artikel
vermitteln Einblicke in unterschiedlichste Bereiche des Alltagslebens von Frauen und Männern
aus verschiedenen Sozialmilieus. Die Leserinnen und Leser lernen die Dörfer und Kleinstädte der
waldreichen Mittelgebirgsregion und deren Geschichte kennen. Sie begleiten zum Beispiel König
Jerôme bei seiner Rundreise durchs Wesertal und treffen auf den Soldaten Ebeling aus
Eschershausen der den Kriegsdienst verweigert und sich im Ital versteckt. Der Lebensweg des
Delligser Revolutionärs August Merges steht neben der Biografie des Reformpolitikers Carl
Deichmann der erfolgreiche Möbelfabrikant Karl Ilse begegnet dem engagierten Gewerkschafter
Heinrich Volk. Fallstudien führen die Leser sowohl in die Sollingdörfer Fredelsloh
Sievershausen Wiensen und Bodenfelde als auch in die Kleinstädte Holzminden Uslar Hardegsen
und Dassel. Ein Hauptkapitel beschäftigt sich mit der kleinen und der großen Politik im
Weltenwandel. Neben einem Beitrag über das Königreich Westphalen stehen Artikel über die
Revolution von 1848 und die Annektion des Königreichs Hannover durch Preußen. Verschiedene
Beiträge schildern welche Auswirkungen die Revolution vom November 1918 auf die Weser- und
Sollinggemeinden hatte. Die mühsamen Versuche von christlich-sozialen liberalen und
sozialdemokratischen Pateien in Dorf und Kleinstadt eine demokratische Republik aufzubauen
provozierten bald Aufmärsche der Gegenrevolution. In den Inflationsunruhen der frühen 1920er
Jahre die in der Hilsmulde einen besonders militanten Charakter annahmen kam es dann bereits
zu politisch motivierten Gewaltaktionen. Am Beispiel des SA-Manns Ludwig Decker der 1932 bei
einer Straßenschlacht in Beverungen zu Tode kam geht das Buch schließlich auf die
nationalsozialistische Machteroberung in der Region ein. Ein Text über das Ende des Zweiten
Weltkriegs im Wesertal und im Solling rundet dieses Kapitel ab. Ein zweiter Hauptteil der
Publikation behandelt die Geschichte des Arbeits- und Wirtschaftslebens und führt in die
Steinbrüche des Wesertals zu den Meilern der Sollingköhler auf die Baustellen der Sollingbahn
und in die Labore der Holzmindener Industrie der Düfte und Aromen. Untersucht werden auch die
Arbeitsbedingungen in den Delliehäuser Braunkohlezechen in den Basaltsteinbrüchen bei
Adelebsen und in der Uslarer Möbelindustrie. Ein umfangreicher Beitrag ist der Geschichte der
Lüchtringer Wandermaurer gewidmet ein anderer den Kleinbauern des Sollings die ihre Wiesen
mit Quellwasser düngten. In dieser Region war vor 150 Jahren die "Verrieselungswirtschaft" weit
verbreitet. Nachgezeichnet werden nicht zuletzt auch Arbeitskämpfe um Lohn und Leistung um die
tägliche Arbeitszeit sowie um die Verhinderung einer Betriebsschließung. Im 20. Jahrhundert
wurde die abgelegene Randregion Weserbergland allmählich verkehrsmäßig erschlossen. Aus dem
Armenhaus entwickelte sich ein prosperierendes ländliches Industrierevier. Mehrere Beiträge
dokumentieren wie die Mobilität der Bevölkerung schrittweise zunahm. Erreichten z.B. die
ersten Industriearbeiter der Jahrhundertwende noch auf Schusters Rappen die Fabriken so
konnten sich ihre Söhne und Töchter bereits Fahrräder leisten. Das Luxusgefährt
Personenkraftwagen entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum Volksmobil. Lange Zeit war
die Weser Tor zur Welt und Verkehrsblockade zugleich. Ein Artikel gibt einen Überblick über die
Flößerei-Traditionen die bis ins Mittelalter zurückreichen. Das letzte kommerzielle Floß
schwamm 1964 nach Bremen. Bei einer mysteriösen nächtlichen Überquerung des Flusses bei
Wahmbeck ertranken 1896 sechs Männer in den Fluten. Traditionellen Bräuchen kam im
Weserbergland noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große Bedeutung zu. In
Dörfern und Kleinstädten regelten sie das tägliche Miteinander und strukturierten den
Jahreslauf. Das Buch enthält Geschichten von Neujahrsböcken und Osterfeuern von Pfingstochsen
und gestohlenen Weihnachtsbäumen. In Uslar ist seit dem 14. Jahrhundert der Spenneweih-Brauch
lebendig. Zwei Wochen vor Ostern geben die Ratsherren noch heute am Sonntag Judika Spendenbrote
an die Kinder der Sollingstadt aus. In den Licht- oder Spinnstuben trafen sich früher im Winter
Mädchen und Frauen zum gemeinsamen Spinnen von Flachs und Wolle. Diese Form der
Arbeitsgeselligkeit erfreute sich bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein großer Beliebtheit in
allen Gesellschaftsschichten. Ihre erbärmlichen Lebensverhältnisse führten dazu dass im
Weserbergland immer wieder Menschen straffällig wurden. So machten beträchtliche
Preisunterschiede bei Nahrungs- und Genussmitteln das zeitweilige Sechs-Länder-Eck zu einem
Schmugglerparadies. Wildern in den heimischen Wäldern galt auch bei wohlsituierten Bürgern
allenfalls als Kavaliersdelikt und konnte weder von hannoverschen braunschweigischen noch
preußischen Behörden unterbunden werden. Fallstudien aus dem 18. 19. und 20. Jahrhundert
zeigen dass die Sollinger "Freischützen" vor allem in Notzeiten aus allen Rohren schossen.
Unsere Vorfahren wohnten oft in vergleichsweise beengten Verhältnissen in wenig gepflegten
kleinen Fachwerkhäusern. Da ein Neubau kaum zu finanzieren war wurden zahlreiche historische
Häuser "heiß" saniert. Die wenigen Ordnungskräfte waren zu Kaisers Zeiten nicht in der Lage
der zahlreichen Brandstiftungen Herr zu werden. Wer den größten Teil des Jahres unterwegs war
um als Kessel- oder Schirmflicker Bärenführer oder Korbmacher sein Brot zu verdienen musste
oft in Unterständen nächtigen die eigentlich für das Vieh errichtet worden waren. In einer
Geschichte aus Schönhagen quartiert sich eine arme Korbmacherfamilie 1921 in einer Hütte im
Ahletal ein. Dort kommt ein Kind zur Welt das trotz winterlicher Temperaturen überlebt. Trotz
der großen Armut von Teilen der ländlichen Unterschicht ist im Weserbergland auch in den
Krisenjahren des 19. Jahrhunderts niemand verhungert. Das lag vor allem daran dass in dieser
Zeit die Kartoffel kultiviert und zum wichtigsten Grundnahrungsmittel wurde. Betrachtungen über
die Geschichte der segensreichen "tollen Knolle" die früher Tag für Tag mindestens einmal auf
den Küchentisch kam stehen neben einer Geschichte der Fleischernährung "von der Wostezoppe bis
zur Pizza-Salami". Fleisch war in den Haushalten der "kleinen Leute" immer knapp und Braten
lange Zeit ein Herrenessen obwohl die meisten Familien selbst ein Schwein schlachteten. Der
zunehmende Fleischkonsum nach dem Zweiten Weltkrieg war auch in den Sollingdörfern eine Art
Wohlstandsbarometer. Heidelbeeren die vielerorts gleichsam vor der Haustür wuchsen bildeten
in den Walddörfern nicht nur eine schmackhafte gesunde Ergänzung des nicht sehr
abwechslungsreichen Küchenplans sondern auch einen wichtigen Nebenerwerb. Frauen verkauften
die Beeren auf den Wochenmärkten von Northeim Einbeck und Göttingen als Expressgut brachte
sie die Bahn bis nach Hamburg. Die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstags durch den Rat der
Volksbeauftragten im November 1918 leitete eine Blütezeit vieler Freizeit- und
Geselligkeitsvereine in der Weimarer Republik ein. Während sich junge Arbeiter für den
"englischen Sport" Fußball begeisterten gründeten die bereits etablierten Turnvereine
Handball-Abteilungen um die "Fußlümmelei" einzudämmen. Ein Beitrag über den früheren
Spitzenverein VfB Uslar vermittelt Einblicke in die regionale Fußballkultur der
"Wirtschaftswunderjahre". Das Buch ist nach Lebensbereichen gegliedert. Die einzelnen Kapitel
basieren auf Archivmaterial der heimatkundlichen und wissenschaftlichen Literatur einer
Auswertung verschiedener Zeitungen sowie auf Gesprächen mit Zeitzeugen und Experten.