Frau und Mann streiten sich. Wir wissen nicht, wo wir sind, wir wissen nicht, wer die beiden sind. Die Frau steigt aus dem Auto, der Mann folgt, die Kamera geht zurück und wir stecken mitten in den Nachwehen eines Unfalls. Kein größeres Vorspiel ist nötig. Willkommen in Los Angeles.Der zweite Kinofilm von Paul Haggis, dem Drehbuchautor von Million Dollar Baby, entstand 2003 und sah das Licht der Kinowelt erst in diesem Jahr. L. A. Crash ist einer von den Filmen, die dem Zuschauer das Gefühl geben, eine lange Durststrecke hinter sich gebracht zu haben. Endlich wieder ein Film, der von der ersten Minute packt und nicht mehr losläßt. Endlich.Es sind einfache Geschichten, die hier erzählt werden. Jeder Schritt ist nachvollziehbar. Um so härter ist es, sich diesen Geschichten zu stellen. Ausreden gelten nicht. Wir sehen alles und haben die Chance den Blick abzuwenden, dennoch sehen wir hin. Wir wollen das Spiel von Gut und Böse verstehen. Aber wie versteht man jemanden, dem das Wasser bis zum Hals steht und der auf Zehenspitzen balanciert und nach Luft zu schnappt? Nicht, daß wir uns falsch verstehen. Dies hier ist kein depressiver Film. Hier geht es um Hoffnung.L. A. Crash findet an einem Tag statt. Er erzählt Geschichten, die ineinander greifen wie Zahnräder. Auch wenn am Anfang die Stränge scheinbar unzusammenhängend wirken, werden sie elegant verbunden und zu einem großen Ganzen. Dabei ist nichts an der Idee berauschend neu. Wir kennen Magnolia und Go. Wir haben Short Cuts gesehen, uns überrascht nichts mehr. Und dann kommt ein Kanadier daher und erzählt uns von Menschlichkeit, von der Härte unserer Zeit und von der Angst, die sich wie ein Virus in unserer Gesellschaft ausgebreitet hat. Wir leben in Furcht, weil die Furcht in uns lebt. Dabei ist es egal, ob wir in Amerika, Patagonien oder hier bei uns zu Hause sitzen. Die Zeiten haben uns ängstlich gemacht.Das Casting hat große Namen, von denen keiner eine Hauptrolle spielt. Hauptrollen haben in diesem Film so viel verloren wie Kitsch oder Pathos. Jeder Charakter scheint sein eigener persönlicher Unfall zu sein, den das Leben zurückgelassen hat, als es mit 300 km/h in das neue Jahrtausend raste. Und weil es keine Hauptrolle gibt, dreht sich die Geschichte um jeden einzelnen von ihnen. Den Schauspielern scheint dabei die Seele seines Charakters ins Gesicht geritzt zu sein - Matt Dillon ist bitter, Don Cheadle hungrig nach der Gerechtigkeit und Sandra Bullock einfach nur verloren.L. A. Crash wirkt ausbalanciert und bei einer guten Balance sind große Effekte überflüssig. Und wenn sich zum Schluß hin ein Vorhang aus Schnee über Los Angeles legt, werden wir mit einer außergewöhnlichen Zufriedenheit zurückgelassen. Rob Grant hat geschrieben, Schnee wäre das Tippex der Natur. Besser hätte er es nicht treffen können. Der Schnee bedeckt die Fehler und die Häßlichkeit dieser Stadt. Er bringt sie zum Schweigen, und das Schweigen schlägt Wellen und die Stille geht auf uns über.
Wie bei Lawrence Kasdans „Grand Canyon“, dann bei Altmans „Short Cuts“ und Andersons „Magnolia“ findet der Zuschauer sich in „L.A. Crash“, dem Debütfilm von Paul Haggis, in mehreren Episoden aus dem Leben verschiedener Menschen wieder, die alle nur eines wirklich gemeinsam haben: Sie leben in L.A. und versuchen ihr Leben irgendwie zu meistern. Wie auch bei den anderen genannten Filmen geht es um die Suche nach dem kleinen bisschen Glück in einer Welt, die ansonsten eher von Unglück in Form von Gewalt, Rassismus und Lüge geprägt ist.Die Abfolge sich gegenseitig aufschaukelnder Episoden beginnt mit dem Auftritt zweier Afro- Amerikaner. Sie debattieren darüber, ob ihre erfolglose Wartezeit in einem Restaurant als Ausdruck von Rassismus oder als normales Kundenschicksal aufzufassen sei. Als eine Passantin ängstlich vor ihnen zurückweicht, schließt sich ein Lamento über „weiße“ Stereotypen an, mit denen alle „Schwarzen“ zu Verbrechern abgestempelt würden. Als Conclusio ihrer Erörterung ziehen die beiden ihre Pistolen, überfallen ein „weißes“ Pärchen und brausen in dessen Luxuslimousine davon.Schon diese erste Episode verdeutlicht, wie sehr Gegensätze die kleinen Geschichten prägen und es dem Regisseur nicht daran liegt, ein stimmiges Gesamtbild zu entwerfen. Weitere Teile dieses Puzzles sind: Ein frustrierter Streifenpolizist demütigt bei einer Verkehrskontrolle ein wohlhabendes afro-amerikanisches Ehepaar und rettet wenige Stunden später die Ehefrau aus einem explodierenden Autowrack; ein pakistanischer Einzelhändler bewaffnet sich gegen die Kriminalität der Nachbarschaft und wird beinahe selbst zum Mörder; einem Sitcom-Star ist eine „farbige“ Nebenfigur nicht stereotyp genug; der oberste Staatsanwalt beugt das Recht nach Maßgabe der Political Correctness.Den titelgebenden Crash sieht der Betrachter schon zu Beginn, ohne zu wissen was dieser Unfall als Sinnbild für den gesamten Film für eine Bedeutung hat. Überhaupt ist man "nur" Beobachter, schaut in dieses und jenes Leben hinein und bleibt zum Schluss etwas ratlos zurück. Aber vielleicht war ja genau dies die Absicht von Haggis, der eben auch vor Sentimentalitäten und Klischees in seiner Inszenierung nicht zurückscheut und irgendwie seine Erzählstränge dann doch zu einem guten Ende führen will, um Erlösung anzudeuten. So deutet eine der Hauptfiguren zum Schluss noch einmal die Symbolebene: „Ich glaube, wir vermissen die menschliche Berührung in dieser Stadt so sehr, dass wir ineinander krachen, nur um überhaupt etwas zu spüren.“Wegen der überzeugenden Darsteller und der glaubhaften "Botschaft" gibt es fünf Sterne.
Mir persönlich wird ein bisschen zu deutlich mit der moralischen Keule gewedelt. Und das am Ende dann noch leise der weihnachtliche Schnee rieselt - naja…Andererseits ist es mal schön zu sehen das es auch einen „umgekehrten Rassismus“ gibt, also das nicht lediglich die bösen Weißen allein rassistisch sein können. Deshalb, und wegen der guten schauspielerischen Leistungen, gebe ich vier Sterne.