Als mittlerweile fast 50jähriger hat man Ben Hur natürlich schon seit Kindheit zig male gesehen. Und doch sehe ich den Film heute mit anderen Augen denn als Jugendlicher. Viele Jahre galt mir Ben Hur nur als typischer Vertreter des Sandalenfilms - überladen opulente und oft idealisierend verkitschte Historienfilme in XXL-Ausstattung, wie sie Ende der 1950er Hollywood in Serie hervorbrachte. Und es ist keine Frage, dass Ben Hur auch alle Stilmittel des Genres aufweist: Massen an Statisten, riesige Kulissen, malerische Matte Paintings, viel zu amerikanisch aussehende Sexbomben-Darstellerinnen mit perfektem Make Up, ein monumental-orchestraler Soundtrack und einfache Gut/Böse-Zuordnungen in den Rollen.Und doch steckt, schaut man wie ich heute genauer hin, in Ben Hur weit mehr. Zum Beispiel eine wahnsinnig eindrucksvolle schauspielerische Leistung von Charlton Heston. Sein Spiel, seine Gesten, sein Ausdruck, seine Sprache tragen den Film. Und Heston hat viel Gelegenheit, extrem gegenteilige seelische Zustände seines Parts auszudrücken, durchlebt seine Figur des Juda Ben Hur doch in mehreren Stunden Film mehrfach alle Höhen und Tiefen eines Menschenleben. Allein wenn der Fürst von Hur den Namen seines einstigen brudergleichen Freundes und heutigen erbitterten Widersachers ausspricht schwingt in diesem "Mesala" mehr Emotion und Ausdruck mit, als jeder nur mittelmäßig mit Talent beschenkte Schauspieler in einem ganzen Film mit Worten und Gestik über die Leinwand zu transportieren versteht. Das ist im Wortsinn ganz großes Kino! Heston lebt seine Rolle in jeder Sekunde und drückt dem Film seinen Stempel auf - wobei man aber auch den ebenfalls großartig agierenden Stephen Boyd nicht vergessen darf zu loben, denn eine so herausragend gespielte Heldenfigur wie Juda Ben Hur braucht eine auf Augenhöhe spielende dunkle Entsprechung. Und die Rolle des hasserfüllten Mesala, der selbst im Sterben noch unter größten Schmerzen dem früheren Freund eine letzte verbale Wunde schlägt, füllt Boyd mit Bravour aus. Erst durch seine Leistung kann Hestons noch größere Leistung richtig glänzen, entsteht als Nährboden großer Schauspielkunst aus der Feindschaft der Jugendfreunde ein tragfähiger Bogen dramarturgischer Spannung.Leider wird im Allgemeinen der Film Ben Hur mehr oder minder eingedampft auf das spektakuläre Wagenrennen. Was schade ist und dem annähernd vier Stunden langen Monumentalwerk in keiner Weise gerecht wird. Denn der Film arbeitet nicht allein auf diesen einen Höhepunkt hin, ordnet nicht alles andere dieser Sensation unter. Er hat viele Einzelabschnitte eines Lebens zu bieten, von denen ein jeder für sich wie das Kapitel eines Buches eine eigene Geschichte trägt. Da gibt es die Zeit auf den Galeeren, in der Juda Ben Hur es schafft, nicht nur der Sklaverei zu entkommen sondern im selben Moment auch die väterliche Liebe eines römischen Konsuls zu gewinnen, der ihn an Sohnes statt annimmt. Mithin keine alltägliche Geschichte in der Geschichte, die hier erzählt wird. Der Jude und Galeerensklave Ben Hur, allem Römischen abgetan, rettet erst den Galeeren-Befehlshaber und Römer, folgt ihm nach Rom und wird selbst zumindest ein Stück weit ein Römer. Freundschaft und Liebe überwinden den Hass und ethnische Gräben. Eine schöne filmische Aussage - und ganz ohne dass sie von Regisseur William Wyler mit dem moralinsaueren erhobenen Zeigefinger vermittelt wird, sie läuft einfach so mit.Dann gibt es die Zeit im arabischen Lager, wo Juda Ben Hur zum Wagenlenker wird und die interessante Figur des clever-gewitzten Scheichs Ilderim in den Film eingeführt wird. Hier wird der Film stellenweise etwas komödiantischer, wobei es neben all der Dramatischen Episoden gut tut, wenn auch mal geschmunzelt werden darf. Aber es bleibt eben eine weitere Geschichte in der Geschichte und der Film kippt an dieser Stelle nicht ab ins humoristische Fach. Denn gleich danach wartet mit dem großen Wagenrennen wieder die nächste dramatische Episode.Als sehr geschickt eingebautes Element, das die einzelnen Episoden aus denen der Film besteht verbindet, dienen die verschiedenen Aufeinandertreffen Juda Ben Hurs mit Jesus Christus und dessen Lebens- und Leidensweg. Durch diese zufälligen Begegnungen zweier Männer - hier der mit dem Siegerlorbeer des Wagenlenkers bekränzte Ben Hur, Gott seines Volkes für einen Tag und dort der mit der Dornenkrone bekränzte Zimmermann, Gott seines Volkes für alle Zeit - erfährt die Figur des Ben Hur eine wichtige Wandlung. Ben Hur erlebt durch Jesus am eigenen Leib dessen Werte wie Mitgefühl, Vergebung, Nächstenliebe auch für den Feind. So enden rund vier Stunden monumentalen Films auch in den Worten Ben Hurs, dass dieser Mann ihm mit seinen Worten das Schwert aus der Hand genommen hat. Das Wort ist mächtiger als das Schwert, Vergebung ersetzt Rache und schenkt den Menschen Frieden, auch den inneren. Auch wieder eine schöne Aussage und auch wieder subtil eingeflochten, nicht gezwungen aufgedrückt!Fünf Sterne kann man dem Film für vieles geben, sie würden sich wohl zu zwanzig oder dreißig aufsummieren. Und doch packe ich nochmal fünf drauf. Diese sind für die überwältigend gute technische Umsetzung des alten Filmmaterials auf BluRay. Hier wurde großes geleistet um ein absolut tadelloses knackscharfes Bild zu präsentieren, in dem die Technicolorfarben strahlen wie gestern erst aufgenommen, weder Kratzer zu sehen sind noch irgendein Rauschen selbst in dunklen Szenen auffällt. Auch der Ton hält mit; man achte darauf nur mal beim Wagenrennen oder auch in der Kreuzigungsszene Jesu mit dem anschließenden Gewittersturm. Wahnsinn was hier noch mit solch altem Material technisch geht!Fazit: Wer diesen Film nicht kennt hat einen absoluten Höhepunkt des Kinos verpasst. Wer den Film nicht versteht ist entweder wie ich damals zu jung dafür oder kann ihn zum Anlass nehmen seine diesbezüglichen Antennen zu verfeinern. Wer die BluRay nicht hat sollte diese Lücke im heimischen Regal tunlichst schließen, denn besser als hier geboten ist dieses filmische Meisterwerk nicht zu erleben! Vom Rezensenten eine tiefe Verbeugung für die damals rund um den Film Agierenden und auch eine in Richtung der heute für diese technisch brillante BluRay Verantwortlichen.