Es ist sicherlich alles gesagt über diese überwältigende, rein von der Handlung lebende Geschichte des litauischen Arbeiters Jurgis, der Anfang des Jahrhunderts mit seiner Großfamilie und voller Hoffnung in Amerika landet, dann unter unsäglichen Bedingungen in der Hölle des Fleischmagnaten arbeitet und dort alle Teile des abstoßenden, unmenschlichen und untierischen Produktionsprozesses kennenlernt, durch Verletzungen seine Arbeit verliert, an allen Ecken und Enden ausgeplündert und betrogen wird, schließlich Frau und Kind krepieren sieht, der sich dann als Tramp und Landarbeiter durchzuschlagen versucht, das Leben der Reichen kennenlernt, zum Kriminellen wird, die Gefängnisse und die Prostitution kennenlernt, zum Bettler wird ... um schließlich bei der sozialistischen Arbeiterbewegung zu landen. Die kraft- und übervolle Geschichte hat überlebt, die künstlerischen Limitationen Upton Sinclairs sind bei diesem Klassiker hundertfach durchgekaut, mehr muss man dazu nicht sagen.Aber der bei Simon & Schuster herausgegebenen Taschenbuchausgabe, complete and unabridged, mit sinnvollem Erläuterungsteil und hilfreichem Vorwort, solide gearbeitet, gut in der Hand liegend, und vor allem zu einem unschlagbaren Preis muss man einfach Respekt zollen: Dass es Abstriche bei der Papierqualität geben muss, ist klar, und dass der eine oder andere Kommentar für die rein Unwissenden zu sein scheint, mag dem Zeitgeist geschuldet sein, aber besser kann man ein Buch zum Durchschwarten, ein Taschen-Buch, nicht präsentieren, und es für diesen Preis auf den Markt zu bringen, scheint zu beweisen, dass es im Buchgeschäft - zumindest für die Großen - deutlich billiger ginge (wie passend gerade bei diesem kapitalismuskritischen Buch!) und muss als wichtiger bildungspolitischer Beitrag gesehen werden.Jawohl: Alle relevanten Klassiker zum für alle erschwinglichen Preis - her damit!
Beim Lesen dieses Buches wird einem klar, was das wirkliche Ziel der Sklavenbefreiung in den USA mit dem mit ihr einhergehenden Bürgerkrieg in Wirklichkeit war: an die Stelle des wenig profitablen bisherigen Sklaventums mit dem Heer von unerfahrenen Einwanderern, den rechtlosen Arbeitern, ob Schwarzen oder Weißen, ein neues, viel größeres Heer von Ausgebeuteten zu schaffen, das vergangene Sklaventum somit auf eine neue, um vieles profitablere Basis zu stellen. Menschen werden zur Wegwerfware, werden von ihren Peinigern körperlich und geistig ausgesogen und enden buchstäblich im Kot.Und man fragt sich: ist das heute anders besser? Ja, in den reicheren Gesellschaften mag es den Arbeitern materiell und scheinbar etwas besser gehen, das Bakschisch etwas größer sein. Aber schaut man nach China, nach Indien, nach Afrika. Hat sich da viel geändert? Kinder, Frauen, Alte, Krüppel, Arbeitssklaven vermehren den Wohlstand der Reichen.Sinclair beschreibt am Elend der Arbeit in den Schlachthöfen von Chicago um 1900 auch das Elend der Unterschichten von heute. Mit einem kleinen Unterschied: damals gab es für die Verdammten dieser Erde die große Hoffnung auf einen kommenden Sozialismus. Doch der sollte mit allen Mitteln verhindert, verraten und verkauft werden. Welche Hoffnung bleibt heute denn noch?Und noch eins fragt sich der Leser der englischen Ausgabe: Wieso gibt es kein Reprint in deutscher Sprache dieses so lesenswerten, so lehrreichen Buches?
"The Jungle" ist ein Tatsachenroman. Upton Sinclair hat heimlich vor Ort recherchiert und beschreibt das Treiben in den Schlachthöfen von Chicago Anfang des 20. Jahrhunderts. Viele Dinge kamen mir sehr vertraut vor, etwa dass vergammeltes Fleisch einfach nur umverpackt und wieder verkauft wird. Oder dass die Menschen so gehetzt und verheizt werden, dass sie nach kurzer Zeit schon nicht mehr können. Es gab da Ende 2014 einen Artikel in der Zeit "Die Schlachtordnung", der zeigte, dass sich an den Zuständen in den Schlachthöfen in 100 Jahren nichts geändert hat.Hochinteressant war auch der finanzielle Aspekt, vor allem in Zeiten der Finanzkrise. Wirtschaftlich unbewanderten Menschen wurden Finanzkonstrukte angedreht, die nur als windig bezeichnet werden können.Negativ ist nur, dass Upton Sinclair das Buch als Werbetrommel für den Sozialismus nutzt. Jedoch muss zu seiner Ehrenrettung auch gesagt werden, dass Anfang des 20. Jahrhunderts noch keine Erfahrungen mit dem "real existierenden Sozialismus" vorhanden waren.Fazit: Ein sehr interessantes Buch, das sich zu lesen lohnt, wenn man etwas über Laissez-Faire-Kapitalismus damals wie heute erfahren will.