Diese Ausgabe aus der Reihe „Easy Readers“ enthält den Text in der Originalsprache, aber in sich auf 89 Seiten gekürzt und vereinfacht. Das Prinzip der Reihe wird so beschrieben: „Opere della letterattura italiana ridotte e semplificate ad uso degli studenti.“ In dieser Reihe gibt es Texte in verschiedenen Schwierigkeitsstufen, dieser Band gehört zur Kategorie B (er basiert auf einem Wortschatz von 1200 Wörtern). Schwierige Wörter werden erklärt, teilweise unter Zuhilfenahme von Zeichnungen. Außerdem werden zum Inhalt eines jeden Kapitels Fragen gestellt, so dass die Möglichkeit zur Selbstkontrolle besteht, ob man den Inhalt richtig erfasst hat.Dass das Original, das sich sehr gut verkauft hat, als Literatur zu bezeichnen ist, wurde von Marcel Reich-Ranicki und den anderen Diskutanten des Literarischen Quartetts am 20.04.1995 bestritten. Die Sendung kann nachgehört werden, wenn man bei Youtube das Stichwort „Literarisches Quartett 36“ eingibt. Bereits dem Original attestierte Reich-Ranicki eine einfache Sprache, diese wurde in dieser Ausgabe noch einmal simplifiziert. Für den Italienisch-Lerner ist das allerdings nicht schlecht.Laut Reich-Ranitzki ist das Werk der "Trivialliteratur" zuzurechnen, während Sigrid Löffler die Bezeichnung „Gartenlaube“ verwendete. Am positivsten war in dieser Runde die Kategorisierung des Werkes als „Trostbuch“.Um was geht es in diesem Buch? Ich-Erzählerin ist die über 80jährige Großmutter mit Namen Olga, die ein Tagebuch in Briefform führt, das Eintragungen aus der Zeit vom 16.11.92 bis zum 22.12.92 enthält. Olga hatte einen Schlaganfall und weiß, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Die Briefe im Tagebuch sind an ihre Enkelin gerichtet, die zu einem Auslandsaufenthalt nach Amerika gegangen ist. Großmutter und Enkelin hatten sich im Streit getrennt. Das Tagebuch wächst sich nach und nach zu einer Lebensbeichte aus.Olga schreibt darin über die Eltern, ihre Heirat 1940, die, wie damals üblich, eine Vernunftsheirat und keine Liebesheirat war, über ihren Mann Augusto. Sie, aufgewachsen in Triest, war es gewohnt, allein auf der Straße zu spazieren, was im viel weiter südlich gelegenen L’Aquila, wo sie mit Augusto lebte, zu Redereien der Leute über ihren Lebenswandel führte. Schon bald ist sie wieder zurück in Triest. So geht es in dem Buch auch ein bißchen um Frauenemanzipation, aber, wie sich zeigen wird, doch nicht so richtig.Olga hat als verheiratete Frau einen Liebhaber mit Namen Ernesto und mit ihm die Tochter Ilaria, die aber mit ihr und Augusto als gemeinsame Tochter lebt. Olga trifft sich weiterhin heimlich mit Ernesto und führt ein Doppelleben. Als sie erfährt, dass Ernesto tödlich verunglückt ist, stürzt sie in eine schwere Krise und entwickelt eine Abneigung gegen die damals 4jährige Ilaria.Auch später hält ihre Entfremdung von Ilaria an. Diese studiert in der Zeit der Studentenbewegung und wird zur Feministin. Ihrer Mutter ist sie zu ideologisch-"starr". In Abgrenzung zu ihr entwickelt ihre Mutter eine eigene „Weltanschauung“. Starr zu sein ist falsch, richtig ist es, auf sein Herz zu hören, und dorthin zu gehen, wohin man von seinem Herzen getragen wird. Das ist auch das Vermächtnis der Großmutter für ihre Enkelin, die Olga nach dem tragischen Tod von Ilaria wie eine Mutter angenommen hat. Weitere Einzelheiten der Handlung möchte ich hier nicht verraten.Ein Rätsel des Buches ist, warum sich eine junge Autorin (Susanna Tamaro ist 1992 35) mit einer alten Frau identifiziert und die Welt aus deren Augen sieht. Das Leben, auf das sie zurückblickt, ist ein gescheitertes Leben. Wie die Großmutter selbst formuliert, hat sie drei Leben zerstört. Gemessen daran, ist ihre Philosophie überraschend positiv. Zu ihr hat sie mit Hilfe der Religion gefunden, aber auch indianischer und fernöstlicher Weisheiten. Selbst die Parapsychologie kommt vor. Das erinnert ein wenig an „New Age“, eine Denkrichtung, die in den 90er Jahren des 20.Jahrhundert „en vogue“ war, aber inzwischen etwas aus der Mode gekommen ist.Das erklärt ein wenig den großen Verkaufserfolg des Buches. Ich habe es in der Ausgabe von Easy Readers gelesen, um die Sprache zu studieren. Diesen Zweck erfüllt es gut. Ansonsten fand ich es, da muss ich dem literarischen Quartett Recht geben, etwas eindimensional und oberflächlich. Da hätte ich an vielen Stellen mehr erwartet. Ich glaube nicht, dass das an der starken Kürzung gelegen hat. Im Ergebnis gebe ich dem eigentlichen Werk 2 Sterne und der Aufbereitung für das Sprachenlernen einen weiteren Stern, das sind zusammen drei Sterne.