Luise Adelgunde Gottsched schrieb diese Komödie 1736, im Alter von 23 Jahren. Schon allein dies rechtfertigt das Interesse für diesen Text, der damit eines der ersten von einer Frau verfassten literarischen Werke der neueren Literaturgeschichte ist. Die Gottschedin begründete damit die „sächsische Typenkomödie", die den Menschen bessern will, indem sie das Laster der Lächerlichkeit preis gibt. Um welches Laster geht es? Dazu eine kurze Inhaltsangabe: Frau Glaubeleichtin, eine Bürgersdame, deren Mann geschäftehalber abwesend ist, hat sich der religiösen Strömung des Pietismus zugeneigt. Auf Anraten des Pietistischen Predigers Scheinfromm plant sie nun, ihre jüngere Tochter Dorchen nicht, wie es deren und des Vaters Wunsch ist, mit Herrn Liebermann, sondern mit dem geistig eher unbeholfenen Herrn von Muckersdorff, einem Vetter Scheinfromms, zu verheiraten. Wie der Name schon sagt, ist Scheinfromm ein grosser Blender, der hinter frommer Maske Schlimmes plant: Er lässt einen Ehevertrag aufsetzen, in welchem das ganze Vermögen der Familie Glaubeleicht seinem Vetter Muckersdorff überschrieben wird. Die gläubige Frau Glaubeleichtin ist bereit, den Vertrag ungesehen zu unterschreiben, stammt er doch vom scheinbar untadeligen Scheinfromm. Doch die geplante Intrige kann durch Hilfe von Herrn Wackermann, dem Schwager der Frau Glaubleicht, zum Platzen gebracht werden. Doch bis dies geschieht, bleibt der Autorin noch genügend Raum, um pietistische Scheinfrömmigkeit und den Sprachschwulst der pietistisch inspirierten Literatur ins Lächerliche zu ziehen.Insgesamt ist die Komödie - trotz einiger Längen - interessant und unterhaltsam, und wer sich ein Bild der Komödie des 18. Jahrhunderts, aber auch über die Lebensart in dieser Zeit machen will, wird hier gut bedient. Insbesondere ist dieser Text auch Schülern zu empfehlen, die gerne einmal einen entsprechenden, aber nicht allzu schwierigen Text lesen möchten.Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass die Idee des geistigen Eigentums damals noch nicht in dem Sinne galt wie heute. Für Gottscheds Text lässt sich ganz klar eine französische Vorlage finden, nämlich das bereits 1732 erschienene Stück „La femme docteur ou la Théologie Janseniste..." von G.-H. Bougeant. Gottsched hält sich teilweise sehr eng an die Vorlage, der ganze Plot ist von dort übernommen. Dennoch gebührt ihr das Verdienst, die Komödie nicht einfach übersetzt, sondern auf deutsche Verhältnisse übertragen zu haben. Statt um den Gegensatz zwischen Jesuiten und Jansenisten geht es bei der Gottsched um den Gegensatz zwischen orthodoxen Lutheranern und Pietisten, der Stoff ist dementsprechend angepasst.Das informative Nachwort der Reclam Ausgabe gibt über solche Bezüge Auskunft, zeigt auf, wo und warum Gottsched von der Vorlage abweicht. Auch über das Leben der Gottschedin erfahren wir darin einiges, so zum Beispiel über die problematische Beziehung zu ihrem Ehemann, dem Literaturprofessor Gottsched, der einerseits ihr Mentor war, andererseits die intellektuelle Arbeitskraft seiner Frau bis zum Äussersten ausbeutete.Lobend zu erwähnen sind ausserdem die erklärenden Fussnoten, die die Lektüre erleichtern und bereichern, sowie ein gutes Verzeichnis weiterführender Literatur.Die Beschäftigung mit „Die Pietistereiy im Fischbein-Rocke" braucht aus literaturhistorischer Sicht keine Rechtfertigung. Aber kann der Text uns auch heute noch Denkanstösse geben? Ja, denn es ging Gottsched um mehr als die Lächerlichmachung einer bestimmten religiösen Gruppe: Frau Glaubeleichtin, von verstiegener pietistischer Schwärmerei ganz in Anspruch genommen, nimmt nicht mehr wahr, was um sie herum wirklich vorgeht. Die Gottschedin warnt uns davor, was passieren kann, wenn der Mensch aus irgendeinem Grunde von einer verstandesgeleiteten Auseinandersetzung mit seiner Alltagswelt abkommt, völlig seinen Gefühlen, völlig irgend einer Passion hingegegeben ist und darob seine Verantwortung im täglichen Leben vergisst. Das Laster, vor dem sie uns warnt, ist also der blinde Glaube, das freiwillige Aufgeben einer verantwortungsbewussten und kritischen Weltsicht. Eine Warnung, die 1736 so wichtig ist wie heute oder morgen.