★★★★★
k.A.
18.07.2026
ean-shopping.de
Ein interessantes Buch über die Ruhrregion der siebziger Jahre, das eine gewisse anti-autoritäre Stimmung einfängt. Die Darstellung ist gelungen, allerdings sind manche Details etwas vage.
„Anti“ von Lisei Luftvogel erzählt über Maja, ein Kind welches bei Dieter, seinem Vater im Ruhrgebiet aufwächst. Dora, Majas Mutter lebt mit dem Kleinen Bruder Jo in einer Kommune. Die Eltern sind beide Studenten mit alternativen Ansichten, welche offen im Gespräch mit ihren Kindern gegen die patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufbegehren.In Majas Leben ist alles Anti, ein antiautoritärer Hort, eine antiautoritäre Erziehung, Anti-Atomkraftwerk, Antifaschisten usw.Schwierig gestaltet sich durch diese Erziehung und vor allem Lebensweise der Eltern das Alltagsleben von Maja in der Schule.Sie und ihre wenigen Freunde werde gemobbt, beschimpft und verprügelt.Gewalt zwischen den Kindern ist auf der Straße ein großes Thema und Maja beschließt mit ihrem Freund Aljoscha mithilfe der Kraft und dem Mut der Drachen, dieser Gewalt ein Ende zu bereiten.Ihre verstorbene Oma hat von den Drachen berichtet; nun gilt es diese Kraft zu erhalten.Die Kinder benötigen hierzu die Unterstützung der Erwachsenen und arbeiten nun an einem Plan.Die Protagonisten werden bildlich und authentisch dargestellt, sehr gut wird dem Leser die alternative Lebensweise beschrieben.Das Leben in den Kommunen, die nackten Menschen, die offenen Gespräche, kein Schamgefühl - all diese antibürgerlichen Themen werden offen und klar beschrieben.Für die Kinder ist die Lebenseinstellung „verbieten verboten“ sehr schön und doch in der Gesellschaft nicht akzeptiert. Hier erfahren Maja und ihre Freunde für ihr Empfinden sehr viel Ungerechtigkeiten.Das unschuldige Thema Sexualität in der Kindheit wird in der Gesellschaft nicht offen angesprochen.Themen wie Glaube, Kirche und Politik werden in der Story sehr gut über die Gedanken der Kinder dem Leser offenbart. Die Schwere der elterlichen Ansichten und die daraus entstehenden Konsequenzen sind für die Kinder verstörend.Für Maja ist dies alles oftmals widersprüchlich und schwer zu verstehen.Der Roman ist sehr einfühlsam, intensiv und auch humorvoll geschrieben. Als Leser fühlt man sich in die 70er Jahre direkt ins Ruhrgebiet versetzt.Das schmale Buch ist sehr zu empfehlen, ich wurde bestens unterhalten und bleibe bisschen nachdenklich zurück.Anti ist nicht immer gut und nicht immer schlecht….
Ich selber bin ein Kind von sehr konservativen Eltern. Das Ungewöhnliche in meiner Erziehung war, dass ich ungefähr zur gleichen Zeit wie die Autorin, einen antiautoritären Kinderladen besucht habe. Und ich glaube, dass diese Zeit sehr prägend für mich war.Maja ist das Kind progressiver Eltern. Sie organisieren sich in der linken Szene, leben zeitweise in großen Wohngemeinschaften, wo man sich vorzugsweise nackt begegnet, und schicken ihre Tochter in einen Hort, der den Kinden sehr viel Autonomie zugesteht. Die Eltern studieren und versuchen ihr Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen, hin- und hergerissen zwischen den Positionen der Antifa, einem konservativen Elternhaus und dem Anspruch die Kinder frei, aber doch verantwortungsvoll zu erziehen. Das Ganze spielt im Ruhrpott, genauer gesagt in Essen Katernberg, und das Setting ist geprägt durch Kohle, Stahl und dem Kolorit der Arbeiterklasse. Die Studentenenklave wirkt wie eine exotische Insel in diesem Milieu. Genau dieser Mix an Lebensentwürfen findet sich auch im Kleinen im Hort wieder den Maja besucht.Die Autorin betont zwar, dass die Handlung und die Personen frei erfunden sind, lässt aber sicherlich viele eigene Erfahrungen hier einfließen. In kindlichem Ton erzählt sie die Zeit der Einschulung bis ungefähr zum zehnten Lebensjahr von Maja. Die kurzen, knappen und oft recht sachlichen Sätze lassen sehr gut aufleben, wie man sich als Kind in dieser, für damalige Zeit sehr besonderen, Lebensrealität gefühlt hat. Einerseits werden die Kinder zu Demos nach Brokdorf geschleppt, andererseits sollen sie regelmäßig die Schule besuchen. Einerseits wird „verbieten verboten“ gepredigt, andererseits sollen sie immer saubere Fingernägel haben. Alles, was die Erwachsenen beschäftigt, wird auch den Kindern erklärt. Eine Trennung der Themen findet nicht statt. Kein Wunder, dass Maja einen Drachen braucht, der ihr Kraft verleiht.Sehr schön kann man erkennen, wie die Erwachsenen ihre Ideologien auf Kinder übertragen wollen, sie aber nicht bis zur letzten Konsequenz durchziehen möchten. Oft werden die Kinder für eigene Unzulänglichkeit oder Ideen missbraucht, während sich die Erwachsenen hinter ihrer antiautoritären Haltung verstecken.Maja wirkt auf mich nicht unbedingt unglücklich, noch nicht mal verwahrlost, aber manchmal schon sehr überfordert mit ihrem Elternhaus. Für ihr Alter ist sie sehr reif, und sie setzt sich schon früh mit Vergangenheitsbewältigung nach dem Zweiten Weltkrieg und demokratischen Prozessen auseinander. Andererseits ist sie aber auch ein Kind, dass ich in die Welt von Pippi Langstrumpf träumt, und sich oft gegen körperliche Attacken anderer Kinder wehren muss. Mir erschloss sich allerdings nicht immer, warum jetzt gerade wieder einer eins auf die Nase kriegt, da hätte ich mir etwas mehr Kontext gewünscht. Toll fand ich, wie sich Maja auch gegen Erwachsene wehrt, die sich aus ihrer Sicht übergriffig verhalten. Da frisst die Revolution ihre Kinder.Die Folgen der Autonomie und der Freiheit, die Kindern hier zugemutet wurde, kann, wie bei vielen anderen Erziehungsstilen auch, so oder so ausgehen. Ich hatte den Eindruck, dass die Mutter trotz allem immer noch darauf bedacht war, den Kindern irgendwie Halt zu geben, allerdings in dem Bewusstsein, dass wechselnde Partnerschaften nicht unbedingt zuträglich sind.Insgesamt ist das Buch ein Ringen, zwischen der Auflehnung gegen Konventionen und dem Versuch, stabil zu bleiben. Ich bin mir ganz sicher, dass diese pädagogische Phase prägend für den heutigen Umgang mit Kindern ist. Kindgerechte #demokratiebildung und #partizipation sind das Fundament eines guten Kinderschutzes. Und damals war eben der Anfang. Seitdem hat sich vieles verändert, Bindung und Stabilität wurden als wesentliche Bausteine einer glücklichen Kindheit anerkannt. Ich hoffe, dass „Maja“ auch diese für sich finden konnte.Mir hat es unglaubliches Vergnügen bereitet, dieses Büchlein zu lesen. Der ein oder andere Rechtschreib- bzw Grammatikfehler müsste noch korrigiert werden. Eine klare, Leseempfehlung für alle die in Kindheitserinnerungen der #70er eintauchen möchten. Bedingt ist das Buch auch als Kinder/Jugend Buch zu empfehlen, man sollte dann aber begleiten und viel dazu erklären.