Dieses Buch ist hoch aktuell: Es zeigt, wir unfassbar schwer es ist, einer Diktatur (wie der der Deutschen ab 1933) auch nur zu entfliehe, dem Fanatismus ihrer Anhänger, jedes Blockwarts und Hauswarts, jedes GeStaPo-Mannes (jedes Geheimdienstlers und Denunzianten heute), ja sogar den Mitläufern, die meinen, bloß “Befehlen zu gehorchen”, zu entkommen, die jeden nur leicht Verdächtigen mit Lust verpfeifen. Das Schlimmste in einer Diktatur ist, dass man alles Vertrauen in seine Mitmenschen verliert: die Frage, die einen ständig quält, ist: Kann man dem anderen trauen oder nicht? Ist er noch der, als den ich ihn kannte, oder inzwischen ein Mitläufer, ein Anhänger der Macht und Denunziant? Das Buch schildert eindrucksvoll, welche Angst jeden befällt, der in einer Überwachungsdiktatur sich noch erlaubt, anderer als der vorgeschriebenen Meinung zu sein. Dieses permanente Misstrauen, dieser Verlust des Vertrauens in jeden anderen, ist das Zermürbende, Spaltende einer Diktatur und Seghers schildert es überaus eindrücklich. Nie vergisst man je mehr, wie kompliziert es ist, andere “abzuchecken”, ob sie ok, ob sie vertrauenswürdig sind oder inzwischen “umgedreht”, gefährliche Anhänger der Macht. Überaus eindrucksvoll, wie kompliziert jede Nachrichtenübermittlung, jede simple Verabredung, denn sie muss immer über zig Ecken erfolgen, damit, sollte einer gefoltert werden, er oder sie ihre Quelle nicht verraten kann. Kein angenehmes Buch, aber man lernt viel und ist gewarnt vor totaler Überwachung, die einem keine Chance lässt, abweichende Meinungen offen zu vertreten oder gar aus dem Land zu fliehen. Stilistisch finde ich nicht, dass “Das siebte Kreuz” den Lob verdient, mit dem es z.B. Reich-Ranicki bedachte – vermutlich aus in seinem Fall ehrenwerten politisch-menschlichen Gründen, da er seiner Ermordung durch die Deutschen selber nur knapp und unter unendlichen Mühen entkam. Die Humanität, die das Buch schildert und die sich gegen alle Gefahren zu wehren versucht, hätte er sich von viel mehr Menschen zwischen 1933 und 1945 gewünscht. Das Buch beginnt aber recht zäh, enthält weitschweifige parataktische Beschreibungen der Landschaft und ihrer Geschichte um Mainz und Frankfurt in z.T. bemüht seitenlangen Satzungetümen, die alles andere als fließen. Was ich aber stilistisch großratig fand, war Seghers abrupte Schnitttechnik. Anfangs waren die Passagen recht lang und die Schnitte sparsam gesetzt, bis wieder einer überraschend kam. Zum Ende hin sind die Abschnitte manchmal dagegen sehr kurz und knapp. Auch die Kapitel selber werden zum Ende hin viel kürzer. Im e-book zumindest (in der Druckfassung mag es anderes sein) sieht man gar keine Trennung zwischen diesen Abschnitten und Szenen, was immer wieder zu Überraschungen führt. Georg Heisler steht im Zentrum, aber auch die KZ-Leute, die anderen Flüchtlinge, Franz, Franz Ex-Freundin und Georgs Ex-Frau Elli, der kleine sommersprossige Kreß, Hermann, der Schäfer, die Mangolds und die Familie der Apfelbauern u.v.a.m. Besonders gefiel mir, dass Seghers den naheliegenden kitschigen Schluss vermied, den ich bis fast zur letzten Seite befürchtete. Also dass Georg sich doch seines alten Freundes Franz besinnt, der ihm sogar helfen wollte, und dass der ihn versteckt und dabei von Elli unterstützt wird. Ich erwartete es, weil Elli und Franz neben Georg eine prominente Rolle im Buch spielen. So blieb “Das siebte Kreuz” aber bis zur letzten Seite spannend, ob es wenigstens dieser 7. Flüchtling schaffen wird, ob die internationale Arbeiter-Solidarität unterliegt oder siegt. Das Nachwort von Thomas von Steinaecker gibt etliche sehr gute Hinweise zum Verständis dieses Buches.