Dieses Buch ist sicher keine hohe Literatur, nichts, wofür es einen Nobelpreis oder ähnliches geben würde. Aber es ist auch nicht so nahe dran an Sachen a la Pilcher. Dieses Buch ist der ideale Schmöker für den Sommer. Die knappen tausend Seiten verfliegen wie im Flug, wenn man sich erst einmal in die Materie eingelesen hat. Es ist auch nie langweilig geworden dieses Buch zu lesen.„Aber seit sie uns hier eingesperrt haben, wie du es nennst, habe ich mich erinnert, dass ich den Himmel berühren kann, dass ich auf den Sternen reiten und von hier fortkann, wann immer und wohin ich will, ohne dass mich jemand daran hindern könnte…“Das Buch ist eine Liebesgeschichte mit einigen Nebenschauplätzen, fast ein wenig Romeo und Julia. Oder oder oder. Es gibt in der Literatur ausreichend ähnlich angelegte Geschichten. Hier sind es eben Giuditta, Tochter eines Juden, die ohne Mutter aufgewachsen ist und die nach Venedig gekommen sind in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Auf der anderen Seite Mercurio, eine Waise, der sich mit kleinen Betrügereien durchschlägt und auf Giuditta trifft, in welche er sich sofort verliebt. Der Plot ist schnell erfasst, trotz der Nebenschauplätze. Aber dem Autor ist es gelungen, alles plausibel und ohne große Sprünge zu erklären. Die Figuren sind sehr gut dargestellt, in ihrer Art und Weise und auch in ihrer Sprache. Gleich, ob es Benedetta und Zolfo sind, beide Weggefährten von Mercurio, oder die vielen anderen, vom Capitano, oder auch dem jüdischen Kaufmann Shimon. Niemand ist nur zufällig auf seinem Platz und jeder von ihnen hat seine Rolle in diesem Buch zu spielen.Dieses Buch ist eigentlich großes Kino. Es zeigt, wie schön und schmerzhaft Liebe sein kann. Aber auch, wie es sich lohnt, dafür zu kämpfen oder wie Liebe wirklich Kräfte entwickeln kann, von denen man vorher nichts ahnte. Aber dieses Buch ist gleichzeitig auch Lehr- und Geschichtsstunde. Wieder einmal stehen sich Christen und Juden gegenüber mit all ihren Schwächen und Charakteristiken. Das erste jüdische Ghetto in Venedig entsteht und das alles wird verpackt in Liebe und Intrigen. Fall und Aufstieg einzelner Personen, hervorragend geschildert am Beispiel von Benedetta. Aber auch die ganze Vetternwirtschaft und die Macht der Kirche. Alles wird in dieses Buch verpackt und in die eigentliche Liebesgeschichte mit eingebunden, ohne die das Buch auch nicht funktionieren würde. Wohin das alles führen würde, ahnt man als Leser recht schnell und trotzdem liest man weiter, will wissen, wer sein Ziel erreicht und wenn, wie er es schafft. Menschliche Schwächen und Eitelkeiten stehen dem oft im Weg und letzten Endes siegt wieder einmal die große, wahre Liebe. Es steckt schon sehr viel Ansatz zum Kitsch mit drin, dass muss ich einmal zugestehen. Aber der Autor hat die Kurve noch bekommen. Die Geschichte als äußere Hülle zu verwenden war ein guter Schachzug. Dieses Buch nimmt einen trotzdem mit auf seine Reise. Alle Fäden wurden sehr geschickt miteinander verknüpft, und, wie schon erwähnt, mich hat dieses Buch nie gelangweilt. Die volle Punktzahl gebe ich ohne Einschränkungen, den auch solche Schmöker sind Literatur und besitzen ihre Daseinsberechtigung. Lesen und darin versinken und erfahren, wie Sonne und Mond zueinander finden.
Nach "Der Junge, der Träume schenkte" war das mein zweites Buch von Luca die Fulvio. Von dem erstgenannten Roman war ich restlos begeistert, die Mischung aus Einwandererdrama, New York, Italien, Rundfunk, Mafia & Aufsteiger-Epos war für mich persönlich die perfekte Mischung. Das neue Buch kann diesbezüglich leider nicht ganz mit halten, trotzdem bereue ich es keine Sekunde, es gekauft und gelesen zu haben. Wer historische Romane liebt (oft fühlte ich mich an Ken Follett erinnert), kommt hier voll auf seine Kosten! Sicher, die Charaktere sind recht klischeehaft, die Handlungsabläufe so manches mal vorhersehbar, aber mal ehrlich : das ist quasi genretypisch und sollte einen nicht den Lesespaß verderben.Der Roman spielt zum großen Teil in Venedig des 16. Jahrhunderts. In diesem Sinne ist er historisch, auch wenn es der Autor mit den historischen Details nicht sehr genau nimmt (Die Auflösung des Castelletto war z.B. bereits 1422 und nicht etwa zeitgleich mit der Gründung des jüdischen Ghettos gut 100 Jahre später). Aber auch das tut dem Lesegenuss keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. In dem Roman passiert schon recht viel und die ca. 1000 Seiten werden daher auch nie langweilig. Jede Menge Action, Intrigen und Herzschmerz aber auch einige Passagen zum Schmunzeln. Wer gute Literatur im engeren Sinne sucht, ist hier an der falschen Adresse - wer aber gut unterhalten werden möchte, und einen Faible für historische Romane hat (und/oder Venedig), dem kann ich diesen Roman nur empfehlen!