Im wahrsten Sinne des Wortes ist der Titel des Buches zu verstehen. Nicht als leicht despektierliches Betrachten zentraler christlicher Kunstwerke, nicht als Erstaunen über so manche Verkündigungs-Volte, sondern tatsächlich als ein ernstes, seelisches, empathisches Herangehen an zentrale christliche Kunstwerke aus der einerseits „ungläubigen Sicht“ eines Nicht-Christen, und der ebenso „spirituell suchenden“ Betrachtungsweise eines liberalen Moslems und eines empfindsamen, durchaus in der christlichen Tradition, Dogmatik und Verkündigung überaus sachkundigen Menschen.Wobei jene „schwärmerische Annäherung“, welche die Zeit auf der Rückseite des Buches vermerkt, nicht ganz den Punkt trifft. Denn nicht losgelöst schwärmt Kermani über Kunst und ihre Botschaft, sondern ganz handfest, menschlich, dringt er in die Tiefe der besonderen Verkündigung der bildenden Kunst ein.Gerade am Beispiel des Petrus, im Kreuzigungsbild Caravaggios wird diese einerseits nüchterne, andererseits tief dem Glauben nachspürende Haltung Kermanis deutlich. Der den Menschen sieht, der das Bild in Komposition, Farbgebung, in den Einzelheiten, letztlich im Ausdruck des Blickes des Petrus auf den Punkt hin deutet, abgrenzt gegen andere Kunstwerke mit gleichem Motiv und Feinheiten ins Blickfeld rückt, die sich auch aus der vielfachen Tradition der Kirche speisen und dennoch anderes, neues, mythisches Hinzufügen.Auch wenn man, überraschend für den interessierten Leser, die wohl „hässlichste“ Christusfigur aller Zeiten im Buch zu Gesicht bekommt (und sich wohl nie wieder davon lösen kann, was Kermani an Erläuterung über die „schmutzigen Finger“ der Statue eines halbwüchsigen Kindes mit auf den Weg gibt). Wie aber Kermani dann diese Figur mit der kleinen „Randgeschichte“ eines verwesenden Hundekadavers in Verbindung bringt, die Kindheit Jesu aus einem apokryphen Evangelium deutet, das zeugt von Fantasie, einer ganz unvoreingenommenen Betrachtungsweise. Auch wenn diese Sicht wissenschaftlich-historisch nicht unbedingt zu halten oder erweisbar ist, es verbleibt das Empfinden für ein: So könnte es gewesen sein, so könnte man das ein oder andere an späterer Äußerung, an Überlieferung über Jesus verstehen.Und selbst wenn Kermani mit seinem katholischen Freund sich die Nase an der Glasabdeckung der Chartula des Franziskus platt drückt und einfach das Sultangesicht nicht zu erkennen vermag, aus seiner Herleitung der inneren Haltung des Franziskus dem Islam gegenüber bieten sich vielfache Möglichkeiten zur Reflexion für den Leser und eines anderen, wichtigen Verständnisses des wichtigsten Heiligen (und des Umgangs mit diesem durch die Amtskirche umgehend nach seinem Tod).Seien es große Werke der Weltgeschichte Rembrandt oder Caravaggio oder Benini, die im Buch sich finden, seien es kleine, leicht zu übersehende, ganz am Rand stehende Szenen wie ein Kuss eines älteren Paares, Kermani sieht mit offenen Augen, betrachtet mit dem Blick des glaubenden Suchers und verweist auf Zusammenhänge in den Werken, die originell, empathisch und oft tief berührend sind.Und öffnet dem Leser ein um das andern Mal einen neuen, für manche in Bezug auf manche Kunstwerke vielleicht einen erstmaligen Blick auf jene inhärente Botschaft, die eben nicht vordergründig umgehend dem rein sachlichen Betrachter auffallen würde.So, wie der „Kain“ in allen Menschen (und auf diesem epischen Werk von Fernand Cormon in tiefgreifender Weise) ermattet im Blick seinen Weg mühsam durch das Leben zieht oder bei El Greco Jesus und seine Mutter Maria sich mit ganz besonderem Ausdruck in den Augen begegnen.In Blicken, die „doch jeder erinnern müsste, der je groß geliebt hat“.Liebe. Zeugnis. Anrufung. Das sind die drei großen Themen des christlichen Glaubens, denen Kermani Kunstwerk für Kunstwerk nachgeht und diese sich, dem Leser, dem Christen, Atheisten, Moslem oder jedem Andersgläubigen neu in der tiefen Schönheit des (suchenden) Glaubens ausdrückt.Ein beeindruckendes, hervorragendes, sprachlich wunderbares, klares und zugleich poetisches Werk.
★★★★★
Winfried Brinkmeier
20.06.2023
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Rezension des Buches „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“ von Navid Kermani, 8., durchgesehene Ausgabe, 2016 © 1974 Verlag C.H.Beck oHG, München 2015Der muslimische Schriftsteller (vom Verlag unseriös übertreibend als „einer der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands“ bezeichnet, was er natürlich nicht ist) Navi Kermani betrachtet christliche Bilder und nähert sich in 40 Kapiteln staunend und sehr einfühlsam dem Christentum. Es geht los mit der wunderbaren spätantiken Holztafel der Maria Advocata im Kloster Santa Maria del Rosario in Rom und endet mit der Chartula des heiligen Franziskus, 1224, in Sacro Convento in Assisi.Es ist schon erstaunlich, wie sich in dem Buch ein Muslim (allerdings mit fundierten Kenntnissen über den Islam und das Christentum) der christlichen Bilderwelt und damit dem Christentum nähert. Für mich als Christ ist dies Buch eine enorme Bereicherung. Zwar ist der Autor prinzipiell gegen das Kreuz eingestellt, was er in der Beschreibung des Kreuzes von Karl Schlemminger klar schreibt. Dies sei kein Vorwurf, sondern eine Absage. Er findet die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, einen Undank gegenüber der Schöpfung. Aber es sprechen auch gute christliche Gründe für das Kreuz. Das Kruzifix ist Sinnbild für das Opfer Christi, das dieser nach christlichem Glauben zur Erlösung der Menschheit von Schuld und Sühne gebracht hat. Christen nehmen das Kreuz auch als Metapher für die Bürden des Lebens, die ein Mensch zu bewältigen hat. Es wird von den Christen positiv gedeutet als Symbol für Frieden und Erlösung.Der Autor beschreibt die Bilder mit großer Einfühlsamkeit. Man lernt als Christ dazu, wenn man in den Kapiteln dieses Buches liest. Er versteht es, die Bilder interessant und spannend zu beschreiben, so dass sich der Leser fragt, welches Bild kommt als Nächstes mit welchen Beschreibungen. Deswegen gebe ich bei der Beurteilung die Höchst-Punktezahl; ich kann die Lektüre von „Ungläubiges Staunen“ von Navid Kermani nur bestens weiterempfehlen. Dieses Buch zu lesen, ist ein Genuss.