Dieses Buch ist zweifellos von einem sehr netten und intelligenten Menschen geschrieben worden. Einfühlsam und verständnisvoll versetzt sich Anselm Grün in die Lage der Leser, die mit vielerlei Arten von Abschieden ihre Probleme haben. Dies startet politisch mit der Situation von Flüchtlingen, geht dann jedoch schnell in den persönlichen Bereich. Abschiede von Träumen, Wünschen, Jobs, Wohnungen, Traditionen etc., all dies wird hilfreich durchexerziert. Ebenso spielt die Selbstfindung eine Rolle, z. B. wenn sich ein Jugendlicher von alten Vorstellungen und Idolen, aber auch von Gottesbildern verabschieden muss, um seinen Weg zu gehen. Nicht zuletzt wird Älterwerden und Sterben thematisiert. Das Buch schließt mit Vorschlägen, wie man mit Abschieden richtig umgehen könnte.So weise einem Anselm Grün dabei insgesamt zugegebenermaßen vorkommt, er hat auch situationsbedingt Defizite an Lebenserfahrung. Da er nun einmal Mönch ist, wird er aufgrund seines Keuschheitsgelübdes wohl nicht so besonders viele Liebesbeziehungen in seinem Leben gehabt haben. Seine Tipps in Bezug auf Abschiednehmen befinden sich bei diesem Thema also stark im theoretischen Bereich, was das Buch stellenweise schwächt.Weiterhin fehlt ihm aufgrund der traditionellen Besitzlosigkeit von Mönchen ebenfalls das Gespür dafür, inwieweit es für normale Bürger sinnvoll ist, sich von Gegenständen zu trennen. Dass man Dingen Lebewohl sagen muss, im Sinne der Lebensqualität, mag sein. Leider finden Buchautoren bei diesem Thema immer seltener den Mut, einmal deutlich anzuzweifeln, ob dieses Wegschmeißen um des Wegschmeißens willen wirklich so sinnvoll ist. Und ob unsere Gesellschaft nicht einen Fehler macht, wenn sogenannte Messies gemobbt und für verrückt erklärt werden, obwohl sie faktisch nichts Böses und auch nichts Verbotenes tun, wenn sie dazu stehen, sich von Dingen nicht trennen zu wollen. Auch Anselm Grün steht als besitzloser Mönch auf der Seite derjenigen, die am liebsten alles auf dem Müll sehen würden, während diejenigen, die zu ihrer Sammelleidenschaft stehen, wieder nur in kurzen Sätzen als Individuen dargestellt werden, die grundsätzlich im Unrecht sind. Ist es wirklich so unmöglich, die Sache einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Messies sind schließlich weitgehend normale Menschen mit Rechten, dass sie oft nur als gestörte Vogelfreie wahrgenommen und gemobbt werden, ist ein Unding unserer Gesellschaft. Die Tipps, die Anselm Grün im Sinne des Loslassens von Gegenständen gibt, sind jedenfalls sehr theoretisch und funktionieren nur bedingt.Insgesamt ist es dennoch lohnenswert, sich dieses Buch zu Gemüte zu führen. Einen Unfehlbarkeitsanspruch stellt Anselm Grün für seine Person schließlich nicht, übrigens auch für die Kirchen nicht. Aufgeschlossen und dennoch kritisch ist wohl die beste Art, „Abschiede“ zu lesen.