★★★★★
k.A.
05.07.2026
ean-shopping.de
Dieses Buch ist eine fantastische Zusammenfassung der aktuellen Ergebnisse der futuristischen Wissenschaft und begeistert mich sehr. Es ist eine äußerst informative Lektüre, die viele neue Perspektiven eröffnet.
Die Summa Technologiae sind mit ihren über sechshundert Seiten fast ein Handbuch der Futurologie oder besser der denkbaren technologischen Möglichkeiten unter Berücksichtigung des immer unschärfer werdenden Unterschiedes zwischen biologischer und technologischer Evolution – eine Lem sehr wichtige Erkenntnis, die im zweiten Kapitel „Zwei Evolutionen“ ausgeführt ist. Lem hat verständlicher Weise mit seiner Berufsbezeichnung Science-Fiktion-Autor etwas kokettiert, weil sein Werk weit mehr ist als Science Fiktion und selbst diejenigen Bücher, die im engeren Sinne so bezeichnet werden können, das Groß entsprechender Literatur qualitativ hinter sich lassen. Vom Umfang und der Vielseitigkeit fast Handbuch, vom Schreibstil eher eine Sammlung von Großessays. Ihre Lektüre ist unterhaltsam und ein intellektuelles Vergnügen, wenn man Ausdauer und Konzentration mitbringt. Ein bisschen naturwissenschaftliche Grundkenntnisse schaden nicht. Nicht nur mit dem Science-Fiktion-Etikett ist Lem nicht zufrieden, auch die Futurologie bekommt etwas ab. Das Fach leidet als pseudowissenschaftliche Nische daran, dass ihre Vertreter sehr konkrete Voraussagen in den herkömmlichen Kategorien politisch-militärischer und wirtschaftlicher Machtverhältnisse etc. zu machen bemüht waren. Trotz gewissenhaftester Analyse aktueller Daten ist eine solche Fortschreibung vor keiner Überraschung sicher, denn externe weitgehend zufällige Parameter sind so einflussreich wie intrinsische. Entsprechend gingen mittelfristige Voraussagen etwa eines Herman Kahn selbst über nur fünfzig Jahre fehl. Lem hat nicht im mindestens in Sinn, solche konkreten Voraussagen zu treffen. Von einer hervorragenden Kenntnis der Grundlagenfächer ausgehend dekliniert Lem Möglichkeiten durch. Ob entsprechende Realisationen in zwanzig, zweihundert Jahren oder vermutlich nie zu erwarten sind, schert ihn wenig. Aber alles Ausgedachte fußt auf den Naturgesetzten. Seit dem Altertum war der Mensch bemüht, Wirklichkeit täuschend ähnlich abzubilden. Davon erzählt die Maleranekdote über Zeuxis und Parrahasios. Lem denkt die Bildgebung und Nachformung konsequent weiter. Immerhin sind seine Texte fast sechzig Jahre alt. Warum sollte es nicht möglich sein mit einem Detektor der Zukunft einen Menschen bis in jedes Detail seiner Makromoleküle zu erfassen – alles eine Frage der Information – und das Ergebnis zu versenden, um am Empfangsort entsprechend rückübersetzt zu werden und von einem zukünftigen Super-Synthesator Detail für Detail nachgebaut zu werden. Was im ersten Moment völlig undenkbar erscheint, ist zumindest einen Schritt weiter gekommen. Einen Schritt, den Lem zwar denken konnte, aber der noch weit außerhalb der damaligen Möglichkeiten lag. Heute wäre es ohne weiteres möglich, eine komplexe Oberflächenstruktur, etwa einen Menschen, zu scannen, das Ergebnis auf die andere Seite der Erde zu schicken und dort ein täuschend ähnliches Objekt mit dem 3-D-Drucker zu restituieren. Fehlt nur noch das Leben. Solcher Art sind Lems Gedankengänge. Es ist ein gemischtes Feld. Manches wirkt theoretisch interessant und konsequent entwickelt aber außerhalb aller Möglichkeit, je realisiert zu werden. Anderes, was zur Zeit der Niederschrift reichlich kühn gewirkt haben muss, ist längst realisiert, so Verschiedenes auf dem Gebiet der Biologie und Genchirurgie etwa mit der Crispr-Cas-Technik. Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit der sogenannten Futurologie im ersten Kapitel „Dilemmata“ beschäftigt er sich im zweiten „Zwei Evolutionen“ mit der unscharfen Grenze zwischen biologischer und technologischer Evolution. Es wird auch klar, dass der Begriff der „technologischen Evolution“ keine bloße Metapher ist. Das dritte Kapitel gehört der Kosmologie und der Wahrscheinlichkeit von Leben oder sogar intelligentem Leben in unserer Galaxie und dem gesamten Kosmos. Es folgt eine Auseinandersetzung mit der Robotik, von ihm Intellektronik genannt, im vierten. In den drei folgenden geht es um Vorüberlegungen zu gottähnlichen Schaffensprozessen. Das wird vor allen Dingen von der informatorischen und mathematischen Perspektive her betrachtet. Im sechsen Kapitel „Phantomatologie“ beschäftigt er sich mit künstlichen Organen und Wesen. Naheliegend ist der technische Ersatz von verlorengegangenen oder durch Krankheit defizitär gewordenen senso-motorischen Fähigkeiten des Menschen. Hier sind Zukunftsphantasien Lems inzwischen eingeholt, etwa in Form neuromuskulärer Prothesen. Konsequenterweise unterscheidet Lem zwischen peripherer und zentraler Phantomatik. Peripher wäre die neuromuskuläre Handprothese, zentral wäre die sensorische Versorgung eines isolierten Gehirns zwecks Erzeugung einer virtuellen Realität. Vorformen mittels entsprechender Brille, Kopfhörer, Tasthandschuh etc. sind als „virtuelle Realität“ oder „augmentierte Realität“ bereits Wirklichkeit. Die vollständig zentral realisierte Virtualität ist ein Gedankenexperiment und in der filmischen „Matrix“-Trilogie der Wachowski Brüder, die eigentlich Schwestern sind, umgesetzt. Die Phantasie, individuelle Existenzen als Mensch-Maschine-Hybride, Cyborgs, Avatare wie auch immer zu kreieren wird im vorletzten Kapitel „Erzeugung von Welten“ ins Kosmische ausgedehnt. Diese scheinbar absolut größenwahnsinnige Idee wird immerhin ein Stück weit konkretisiert. Das geschieht durch Überlegungen zur Automatisierung von Wissens- und Erkenntnisgewinn und durch ein weiter gefasstes Verständnis des Sprachbegriffes als eines universalen, keineswegs auf unsere phonetische Kommunikation beschränkten Phänomens. Die „Summa Technolgiae“ schließen mit einem „Pasquill auf die Evolution“. Es sind dies nicht ohne Selbstironie vorgetragene kritische Bemerkungen zu konstruktiven Schwächen des Lebens und speziell des Menschen. Etwa dass der Natur das Rad nicht eingefallen ist oder dass sie die mit der doch so wichtigen Fortpflanzung und engen Kommunikation beauftragten Organe in so enger konstruktiver Nachbarschaft zu den Organen der Ausscheidung untergebracht hat. Mit der Konsequenz von Scham und Verlegenheit und Herabwürdigung der hehren Liebe und Sexualität. Ein wunderbares Buch voller systematischen Wahnsinnes. Ein intellektuelles Lesevergnügen besonderer Art. Viele von Lems genialen literarischen Ideen aus seinen Romanen sind hier grundgelegt.
Es ist eine sehr schwere Frage zu entscheiden mit welchem Buche des großen Polen man richtig liegt wenn es um einen Einstieg in sein Schaffen geht.Ich empfähle, paradoxerweise, vielleicht sogar die Summa; dieses so "trockene Büchlein" beinhaltet viele der Gedanken die in Lems fabulösem Schaffen immer wieder, mal von dieser, mal von jener Seite betrachtet, thematisiert werden. Auf diese Art also, sollte der geneigte Neueinsteiger in Lems Werke es tatsächlich auf sich nehmen mit der Summa zu beginnen, hat er sogleich einen ganzen Jargon von Stichwörtern und Gedanken parat die ihm die Lektüre der fiktiven Lem-Werke ungemein bereichern wird; freilich geht dies auch umgekehrt (so wie ich es auch in meinem Fall tat), und man merkt sozusagen quasi im Nachhinein wie sich die gesamte Tiefe des Lemschen Denkens vor einem entfaltet. (Wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich "Die Technologiefalle" lesen, welche quasi ein Update zur Summa ist, und wenn einem der Gedanke speziell die Computer und deren Entwicklung betreffend faszinieren mag, so empfehle ich weiterhin "Also sprach Golem" zu lesen --- nebst so manch anderem Werke Lems; versteht sich!) Kurzum und, ja, auch defacto will ich festgehalten haben: mit Stanislaw Lem kann man nichts verkehrt machen! Für mich einer der größten Köpfe des 20. Jahrhunderts der immer wieder fasziniert!
Ein Buch das die Zukunft der Entwicklung der Menschheit aus Sicht der Evolutionen , biologiche, technologisch, kosmologische betrachtet. Für Leser mit einem Naturwissenschaftlichen / Philisophischen Hintergrund ein spannendes Buch. Um so mehr, dass vieles, was Lem 1964 geschrieben hat heute noch gilt.