Die Klosterbibliothek des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz im Wienerwald beherbergt ein vierbändiges Kompendium aus der Barockzeit, in dem das botanische Wissen der damaligen Zeit in mehr als 1000 Kupferstichabbildungen graphisch dargestellt wird. Autor dieses umfangreichen Werkes ist der Regensburger Apotheker und Naturforscher Johannes Wilhelm Weinmann, der die vier Foliobände unter der Überschrift „Phytanzoa Iconographia“ zwischen 1737 und 1745 herausgegeben hat. Das Vorhandensein dieses barocken bibliographischen Meisterwerkes in der besagten Stiftsbibliothek war der Anlass für den Autor Herrn Wasshuber, vom Beruf her Drucktechniker, das vorliegenden Buch zu gestalten und herauszugeben.Der Biosphärenpark Wienerwald ist ein besiedelter und stark von der menschlichen Tätigkeit geprägter und bewirtschafteter Raum mit einem hohen Waldanteil. Die kleinräumige Verzahnung von Wäldern, Wiesen und Siedlungsraum am Ostende der Alpen bedingt eine große Vielfalt an Lebensräumen und damit eine reichhaltige Ausstattung an Pflanzen und Tieren. Deshalb wurden weite Teile des Wienerwaldes von der UNESCO als Biosphärenpark ausgewiesen und durch die Einrichtung von Schutzzonen und Pflegezonen mit dem Ziel einer nachhaltigen Nutzung versehen.„Blumen einst und jetzt“ schlägt eine Brücke zwischen dem barocken Wissen in der Form von hervorragenden und oft sehr detailgetreuen Pflanzendarstellungen und der reichhaltigen Pflanzenwelt des Wienerwaldes, auch wenn das genannte ursprüngliche Werk keinen direkten Bezug zu dieser Gegend hat.Nach einer kurzen Einleitung folgt der Hauptteil mit ganzseitigen Bildern: auf der linken Seite sind die Tafeln aus Weinmanns Werk in hervorragender Druckqualität wiedergegeben, rechts davon sind hochwertige Fotos der entsprechenden Pflanzen. Die Reihenfolge entspricht dabei den Blütezeiten im Ablauf der Jahreszeiten. Während die Abbildungen aus der barocken Vorlage naturgemäß auf einem hellen Hintergrund aufscheinen, sind die modernen Fotos der (heutigen) Pflanzen rechts auf einem schwarzen Hintergrund freigestellt. Es ist die Beschriftung aus Weinmanns Buch übernommen worden, in lateinischer Sprache, aber noch nicht mit der erst wenig später von C. Linné eingeführten binären Nomenklatur. Danbeben steht die heutige deutsche Bezeichnung.Im folgenden, nur mit einigen Fotos versehenen Textteil werden die barocken Pflanzenbeschreibungen mit den damaligen medizinischen Anwendungen in Fraktuschrift und originaler Orthographie übernommen. Dem gegenüber werden in heutiger Druckschrift diese alten Beschreibungen durch kurze Angaben und Anmerkungen, die allerdings nicht sehr in die Tiefe gehen, ergänzt und erläutert.Danach folgt ein Abschnitt mit kurzen Angaben zur Person Weinmanns, zur damaligen Herstellung von Büchern, der Reproduktionstechnik, dem damaligen Zeitgeschehen (von Dr. Anton Durstmüller) und schließlich zum Biosphärenpark Wienerwald (von Univ.-Prof. Dr. Georg Grabherr).Der letzte Abschnitt brint unter der Überschrift „Blumen jetzt“ wieder mit hervorragenden Bildern Pflanzen aus dem Wienerwald, die in Weinmanns barocken Werk nicht behandelt wurden.Auch die Aufmachung ist sehr ansprechend und angelehnt an das barocke Vorbild: im Format etwas kleiner und damit handlicher als die alten Folianten aber mit ähnlichen Proportionen. Das heutige Werk ist natürlich nicht mehr in Leder gebunden, hat aber doch bunt marmoriertes Vorsatzpapier wie die alte Vorlage.Insgesamt ist das Buch ein prächtig ausgestattes bibliophiles Werk, das man gerne durchblättert, das zum Hinschauen, Staunen und Nachdenken anregt. Es kann damit einen weiten Personenkreis ansprechen wie Bücherfreunde, Pflanzenliebhaber, Naturinteressierte, historisch Interessierte und Fotografen.Dem gläubigen Leser wird auch die Schönheit der Schöpfung und damit auch die Verpflichtung zu deren Pflege und Erhaltung nahegebracht, wie es auch im Vorwort von Dr. Maximilan Heim, Abt von Heiligenkreuz, und der am Ende (S. 206) wiedergegeben Schlußvignette aus Weinmanns 4. Band zum Ausdruck kommt.
★★★★★
Hans Bernhard Wuermeling, 0
01.05.2024
amazon.de
Die Klosterbibliothek Heiligenkreuz bei Wien birgt einen kostbaren Schatz: des Regensburger Apothekers Weinmann vierbändige Phytanthozoa-Iconographia, die mit 1025 kolorierten Kupferstichen die im späten Barock bekannte Flora dokumentiert (1735-1745). In vierjähriger Arbeit hat Georg Wasshuber jetzt die Blumenvielfalt des Wienerwaldes fotografiert und in einem prächtigen Bildband (Blumen einst und jetzt) seine Fotos den alten Kupferstichen gegenübergestellt. Letztere dienten wissenschaftlichen und medizinischen Zwecken und zeígten neben den Blüten auch die Wurzeln und Früchte der Pflanzen, diese also in der Dimension der Zeit. Dagegen halten die modernen Fotos in reizvollem Gegensatz nur den Augenblick ihrer Blüte fest. Darüber hinaus findet Wasshuber heute Blumen, die im 18. Jahrhundert offenbar noch unbekannt waren, so das Buschwindröschen, die Königskerze und den Seidelbast, vielleicht als integrierte Immigranten.Das Buch ist außerordentlich schön und auch wegen seiner Entstehungsgeschichte interessant. Der Autor hatte drei lebensgefährliche Operationen glücklich überstanden und wollte zum Dank dafür dieses Werk schaffen. Wie seinerzeit der Apotheker Weinmann beschließt er es mit "S.D.G.", dem Kürzel für Soli Deo Gloria, nur Gott die Ehre. Dieser Text findet sich auch auf einer hübschen Briefmarke, die die österreichische Staatsdruckerei aus Anlaß desErscheinens dieses ungewöhnlichen Buches herstellte. Interessenten: Botaniker, Ärzte, Apotheker, schönheitsdurstige Blumenliebhaber und wegen der hervorragenden Druckqualität nicht zuletzt Bibliophile.