★★★★★
k.A.
01.06.2026
ean-shopping.de
Kellers 'Der grüne Heinrich' ist ein faszinierendes und tief bewegendes Buch, das mich packt hat. Die Darstellung der schwierigen Lebensumstände ist meisterhaft und sehr eindringlich.
★★★★★
k.A.
01.06.2026
ean-shopping.de
Interessant!
So herrlich geschrieben, dass ich es bedauert habe, als das Buch am Ende war.
Es lohnt sich, der komplizierten Entstehungsgeschichte von Kellers berühmtem Entwicklungs- und Bildungsroman (Zweite Fassung) etwas genauer nachzugehen, weil man so schon einen guten Eindruck von dem Schriftsteller bekommt und von der generellen Schwierigkeit, einen autobiografischen Roman zu schreiben. Es gibt eine 1. Fassung dieses Romans, die geplant wurde, als Keller 23 Jahre alt war. Zu der Zeit musste er aus Deutschland in seine Heimatstadt Zürich zurückkehren und einsehen, dass seine großen Pläne, ein bedeutender Landschaftsmaler zu werden, geplatzt waren, weil ihm das erforderliche Talent dazu fehlte. Er war schon Mitte 30, als er 1854 endlich mit der Publikation begann und das Buch nach zwei Jahren abschloss.Der Stoff ließ ihn aber noch lange nicht los. Ganze 25 Jahre später schrieb er diese 1.Fassung in die 2.Fassung um, was zwei Jahre in Anspruch nahm, nunmehr also schon als etwa 60ähriger, nachdem er längst anerkannter, freier Schriftsteller und erster Staatsschreiber des Kantons Zürich geworden war. Diese letztere Position brachte ihm zum ersten Mal auch ein gesichertes Einkommen ein.Man merkt beim Lesen, dass Keller sich ein Leben lang an diesem Werk abgearbeitet hat. Zwar fühlt man immer, dass er ein geborener Erzähler ist – also seine wirkliche Bestimmung gefunden hat. Aber das Buch ist in seiner Form vielfach uneinheitlich, nicht aus einem Guss. Mal wird der Erzähler von seiner Fabulierlust hingerissen und schweift ab, etwa mit der Geschichte des Totenschädels, den er als Student immer im Gepäck mit sich führte. Oder er verliert sich in liebevoll ausgeschmückten, aber langwierigen Beschreibungen von Festumzügen oder einer Volksaufführung des „Wilhelm Tell“, was schon einige Geduld des (heutigen) Lesers beansprucht. Mal erzählt er eine Bagatelle (die belanglose Bekanntschaft mit einem einfachen Mädchen) ausführlich, mal fasst er eine wesentliche Beziehung auf wenigen Seiten zusammen (am Ende). Ein weiteres Mal wiederum kann er als „Realist“ packend erzählen, wie er lange Zeit hungern musste und was er alles anstellte, um irgendwie über die Runden zu kommen, und dann gerät die Erzählung ins Märchenhafte, als er die Wendung zum Erfolg durch eine unwahrscheinliche Serie von Glücksfällen und Geldgeschenken verdeutlicht, noch dazu in einem Grafenschloss, in dem der Graf sich als ein „deus ex machina“ erweist, der ihn in jeder Hinsicht fördert und auf den richtigen Weg bringt.Ist der Gang der Handlung auch manchmal uneinheitlich, so ist doch ersichtlich, dass es Keller immer darum geht, die Tiefenstrukturen seines Lebens aufzudecken. Dabei spielen neben der unbestimmten Suche nach seiner wahren Bestimmung besonders seine Schuldgefühle gegenüber der Mutter, einer Witwe, eine Rolle, die ihm diese langwierige Suche nach sich selbst überhaupt erst ermöglichte, indem sie sich jeden Bissen vom Munde absparte. Eine andere große Rolle spielen seine schwierigen Liebesbeziehungen zu verschiedenen Mädchen und Frauen. Keller, der unverheiratet blieb, hat sich selbst einmal verdrossen so charakterisiert: «Ich bin […] ein kleiner dicker Kerl, der abends 9 Uhr ins Wirthaus und um Mitternacht zu Bette geht als alter Junggeselle.» - Wer nicht glaubt, dass dies die ganze Wahrheit über den Mann ist, muss selbst im „Grünen Heinrich“ nachlesen – er oder sie wird es mit Gewinn tun!
Dies ist die Geschichte des Heinrich Lee (wegen seiner armutsbedingten immergrünen Kleidung in der Jugend "grüner Heinrich" genannt), der in einer schweizer Kleinstadt aufwächst, sich entschließt, Künstler zu werden, aber, jahrelang subventioniert von seiner Mutter, in München scheitert und, doch noch wohlhabend geworden, in die Heimat zurückkehrt, wo er seine Mutter aber nur noch sterbend vorfindet. Der Roman endet dennoch versöhnlich und positiv, da sich der Ex-Künstler im öffentlichen Dienst verdingt und schließlich mit der Frau, die ihn schon als Jungen liebte, eine relativ freie und ungebundene Beziehung eingeht."Der grüne Heinrich" ist ein Juwel unter den deutschen Romanen. Häufig ist er auch in Sammlungen wie "100 Werke der Weltliteratur" zu finden. Und das nicht zu Unrecht.Mit diesem Urteil ist wohlgemerkt die zweite Fassung des Romans gemeint, die der Autor selber in jahrelangem Ringen in die vorliegende vollendete künstlerische Form gebracht hat. Versuche, die erste Fassung dieses Romans, die unter Zeitdruck entstand und erhebliche gestalterische Mängel aufwies, zur literarisch besseren zu erklären, hat Keller verärgert zurückgewiesen. Außerdem unterscheidet sich der Schluss der beiden Fassungen erheblich. Während Keller den "Helden" im ersten Romanentwurf aus Zeitnot sterben lassen musste, entwickelt er im zweiten einen wunderbar lebensbejahenden Schluss (siehe unten).Der Roman bietet ergreifende und malerische Sequenzen im Dutzend und berührt oft das Innerste - nicht umsonst hat der Autor darauf hingewiesen, dass wohl keine Seite dieses Werks nicht auf tiefst empfundenen eigenen Gefühlen beruhe.Man spürt, dass dieses Werk das reife Fazit eines ganzen (Schriftsteller)Lebens ist, an dem Keller jahrelang hart gearbeitet hat. Es strahlt vor Weisheit und tiefem Gefühl.Daneben enthält diese Geschichte sehr viele Geschichten in der Geschichte, häufig zu Herzen gehende Sequenzen, die nicht zuletzt zu dieser epochalen Länge beitragen.Entwicklungsgeschichtlich steht der grüne Heinrich in der Tradition von Goethes "Wilhelm Meister", mit dem er den lebensbejahenden Schluss voraus hat. Diese Schlusssequenz gehört zu den schönsten überhaupt, die ich aus klassischen deutschsprachigen Romanen kenne. Er vermittelt eine menschliche Wärme und Sensibilität, die äußerst selten zu finden ist und präsentiert eine für das 19. Jahrhundert extrem seltene emanzipierte Frauengestalt, welche ebenso ihresgleichen in der deutschsprachigen Literaturgeschichte sucht. Schon aus diesem Grunde empfiehlt sich die zweite Fassung dieses Romans.Das einzige, was gegen dieses Werk spricht, ist die Überlänge. Viele der allzu malerischen Szenen sind recht lang geraten, etwa seitenweise Schilderungen des Karnevals oder Traumsequenzen, die alles andere als fesselnd sind. Hier würde man sich ausnahmsweise einen fachkundigen Bearbeiter wünschen, der das Buch qualifiziert kürzen würde, auf dass es seine Stellung unter den deutschen Romanen noch würdiger einnehmen könnte.