Jakob Kemper, der kleine große Held dieser zwischen Realität und Mystik situierten Geschichte ist ein Mensch wie er menschlicher nicht sein könnte. Von niemandem ernst genommen, von den Eltern terrorisiert und im Stich gelassen, spielt er mit dem Gedanken berühmt zu werden. Je mehr er seine Vorzüge zum Vorschein bringen will und je mehr er andere beeindrucken möchte, desto mehr wird er zurückgewiesen und verachtet. Vom psychologischen Gesichtpunkt her betrachtet, ist dies der Lebenslauf eines Menschen, der es trotz widriger Umstände schafft sich eine eigene Biographie zu schaffen. Er durchlebt alle möglichen Gefühlsregungen, die ein Mensch empfinden kann und versucht nichtsdestotrotz nach einem erdachten Plan bei seinem Vorhaben, die von ihm gefundenen Musiknoten von Bach an die Öffentlichkeit zu bringen, vorzugehen. Er wird mit Menschen konfrontiert, die alles tun würden um an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben. Natürlich möchte er auch an die Macht, stattdessen verliert er sich des Öfteren in einem Größenwahn, der ihn komplett einschüchtert und handlungsunfähig werden lässt. Diese Handlungsunfähigkeit erlaubt es ihm andererseits sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und das wiederum führt ihn zur Erkenntnis, dass er nur ein Mensch ist und dass die anderen auch bloß Menschen sind. Als er sich dem Gesetz beugen will merkt er jedoch, dass sämtliche Menschen die er kennt, auch die die er liebt und schätzt, korrupt und machthungrig sind. Er beginnt allen gegenüber größtes Misstrauen entgegenzubringen, er fühlt sich wie in einer Verschwörung. Das positive an seinem Charakter ist, dass er sich vor keinem Gesetz, vor keiner Autorität, nicht einmal vor seinem eigenen Vater beugt. Er versucht selbst zu denken und zu handeln selbst wenn sich alle Welt gegen ihn wendet.Mir hat dieses Buch besser gefallen als "Schlafes Bruder" weil ich die Figur des Jakob Kemper als viel positiver empfunden habe. Das Buch ist sehr spannend aufgebaut, flüssig zu lesen weil die Sätze leicht verständlich sind und doch sehr elaboriert. Ein sehr schönes Buch sowohl was die Sprache betrifft als auch den Inhalt.
Nach langer Zeit des Darbens endlich einmal wieder ein richtig guter, gar großer Roman. Das Thema ist nicht nur die Musik, nicht nur der verhinderte große Musikforscher und Gelegenheitsorganist Jakob Kemper, dem im Alltag und in seinen Beziehungen nichts so recht gelingen will. Nicht nur, dass dieser sich selber allzusehr bemitleidet und gar nicht sieht, was er alles falsch macht und womit er sich selbst im Weg steht; nein: Beinahe genüsslich wird ausgebreitet, wie Kemper immer verschrobener und eigentümlicher wird.Als Leser erwartet man durch das Auftauchen des verschollenen Bach-Manuskriptes nun einen Wandel in Jakobs Leben. Dieser tritt vor allem in der Beschreibung der zwar nicht hörbaren, aber durch Schneiders genaue sprachliche Beschreibung fast hörbar gemachten Offenbarungs-Musik zutage. Hier erkennt der Leser, welch Potential in dem Sonderling Kemper schlummert, wie verkannt er doch von seiner Mitwelt wird.- Eigentlich ist der Roman eine ausgedehnte Novelle, bei welcher das "unerhörte Ereignis" nicht der Fund des Manuskripts in der Orgel ist, sondern die Beschreibung der Auswirkungen einer solchen Musik, mehr noch: der zu-Tage-Legung aller menschlichen Tugenden und Schwächen und wie dies durch künstlerische Mittel möglich ist. Die Macht und die Grenzen der Musik werden beschrieben, Dinge wie der "Sinn des Lebens" und wofür es sich lohnt zu leben werden tangiert.Ein großes Thema, ein schönes Buch!
obwohl manche zweifeln - nicht an der Echtheit, aber an der Qualität. Ich jedenfalls habe die Offenbarung mit Genuß gelesen.Falsch! schimpfen einige, der Roman sei keine Offenbarung, und sie meinen damit, er sei kein literarisches Jahrhundertereignis. Nun, das ist es nicht, aber darauf hat Schneider nicht abgezielt. Vielmehr ist es ein wenig konstruiertes Buch, kein "bemühtes Werk", sondern eine in der Realität angesiedelte Geschichte, wie sie halt vorkommt bzw. vorkommen könnte. In exzellenter, ausgesuchter Sprache ("keine Adjektive, keine Adjektive!"), mit Einfühlungsvermögen sowieso, aber auch mit feiner Ironie bis hin zum Humor schildert Schneider die Erlebnisse des Jakob Kemper. Ein literarisches Meisterstück.1992. Jakob Kemper ist Organist an St. Wenzel in Naumburg. Akademisch gebildet ist er nicht, eher ein Autodidakt mit etwas professioneller Schulung, einst seinem groben Vater abgetrotzt. Er gibt dem zehnjährigen Leo, seinem Halbbruder, Musikunterricht. Während einer Pause findet Leo im Korpus der Orgel ein Notenkonvolut, und Jakob ist elektrisiert: vermutet er doch darin ein Autograph Johann Sebastian Bachs. Noch dazu ein bislang unbekanntes Werk Bachs, wie Jakob anhand der Noten sofort erkennt. Möglich ist das, sein könnte es, denn Bach hat seinerzeit Naumburg und St. Wenzel besucht. Was tun jetzt? Wo sich Jakob doch schmählich ignoriert bis hintergangen fühlt, nicht zuletzt, weil ein internationales (westliches) Akademiker-Ensemble die anstehende Restaurierung der St.-Wenzel-Orgel organisieren und überwachen soll, während er (er! Jakob!) von "seiner" Orgel rüde ferngehalten wird. Er, der Praktiker, von seinem Kind.Er ist in argen Gewissensnöten, doch er nimmt das Konvolut mit nach Hause und möchte es zunächst "wissenschaftlich" analysieren. Dazu legt er sich ein Lineal zurecht und stellt zu seiner Unterstützung ein Glas Rotwein neben das Autograph. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, mitsamt Gewissensnöten und Verwicklungen.Schneider schildert in seinen präzisen Sätzen (ohne überflüssige Adjektive) Jakobs Erlebnisse und Nöte. Sein dürftiges, einsames und von Schmähungen sowie Niederlagen bestücktes Leben. Seinen Hang, nach jeder Niederlage sofort aufzugeben. Und aus den Blickwinkeln der handelnden Personen - es gibt deren noch mehr als nur Jakob und seinen Halbbruder Leo - erschließen sich dem Leser die Befindlichkeiten und die Eindrücke im sog. Ostdeutschland in den ersten Jahren nach der Wende. Da so gänzlich ohne Wertung geschildert wird, sagt der, der es persönlich erlebt hat: Ja, so war es. Derjenige, der es nicht kennt: Ja, so kann es gewesen sein. Er wird es zumindest nachempfinden können.Wobei das Nachempfinden, die Wirkung der Sprache Schneiders großes Plus ist: Beispielsweise ist es nicht einfach, Musik zu "beschreiben". Noch dazu Musik, die es nicht gibt. Musik für Publikum zu beschreiben, die es nicht hört, sondern liest, hat uns Thomas Mann vorgemacht, als Hanno Buddenbrook Wagner spielt. Aber Robert Schneider schafft es, Musik zu beschreiben, die nicht in Notenschrift existiert. Das hat er uns schon bei Schlafes Bruder vorgeführt. Daß wir als unbedarftes Publikum dort wie hier in der Offenbarung nicht heraushören, was Jakob heraushört, ist klar. Wir sehen ja auch die Notenschrift nicht vor uns. Und selbst dann ... Sicher ist, daß begabte Musiker allein angesichts der Notenblätter die Musik "hören". Das hat Schneider nicht erfunden.Erfunden hat er ebenso wenig die Wirkung von Musik. Empfängliche Menschen erleben im buchstäblichen Sinne des Wortes die Musik. Komponisten wußten bzw. wissen um die Wirkung. So kaufe ich Schneider bzw. Kemper ab, daß durch Bachs Musik Erlebnisse, ja sogar Dämonen aus der Vergangenheit heraufbeschworen werden bzw. Milde, Ruhe und Lösung wie Vergebung erlebt werden können. Das ist aber jeweils ein privates Ding, weil jeder andere Erlebnisse und Lösungen hat.Hier setzt meine Kritik ein: Das Mystische, das Schneider in seinen Roman eingeflochten hat. Wäre die "Erscheinung" in der Kirche, das auf der Balustrade hockende, ungreifbare Wesen, die "Macht", ein privates Ding des Jakob geblieben, wäre es auch für mich glaubwürdig geblieben. Aber nein, auch der unbedarfte, unvoreingenommene, so erfrischend zehnjährige Leo hat etwas Unbegreifliches, Beängstigendes wahrgenommen. Er hat zwar die Notenschrift nicht gesehen, nicht gelesen, er hat kaum eine ernsthafte Beziehung zu Musik. Aber er flieht. Das macht für mich den Roman brüchig und unausgegoren, das bringt den Punktabzug. Und nicht etwa die aufgesetzte Geschichte am Ende, die ich gar nicht so übel finde.Fazit: Ein Buch in brillanter Sprache und mit nachvollziehbarer Geschichte (abgesehen vom Mystischen, das hier nicht mein Ding ist). Für Leser, denen Robert Schneider nach Schlafes Bruder zu konstruiert war, und für Neuleser ein Genuß.