Nun ist also auch Band III des auf fünf Bände angelegten Katalogs der Dresdner Skulpturensammlung erschienen. Band II mit der Idealskulptur ist bereits letztes Jahr publiziert worden, für Band I gibt es bisher keinen Erscheinungstermin. Dass die Zeitpläne durcheinander geworfen wurden, ist leicht erklärbar: Seit 1811 (!) ist kein Gesamtkatalog der Dresdner Sammlung mehr erschienen und in der Zwischenzeit haben bereits mehrere Wellen der wissenschaftlichen und künstlerischen Neubewertung stattgefunden. Die Autoren haben also gut 200 Jahre aufzuarbeiten.Gleich zu Anfang stellt sich die Frage, was überhaupt ein Portrait im antiken Sinn darstellt. Im Gegensatz zu heute ist die äußerliche Ähnlichkeit zum Portraitierten nicht so sehr von Bedeutung, sondern viel mehr der subtil-psychologisierte "Typus". Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass römische Portraits ein besonders hohes Maß an Realismus auszeichnet. Sie stellen vielmehr Codes dar ("Greis", Jüngling", "Rhetoriker", "Senator"...), die mit individuellen Zügen versehen wurden. Insofern ist das römische Portrait eine logische Weiterentwicklung des griechischen Portraits, denn auch dort gab es bereits Anfänge einer idealisierten und doch individuellen Portraitplastik. Innovativ war die römische Kunst allerdings mit der Einführung der Büste und der Herme, die die griechische Kunst bis dato nicht kannte.Die Abgrenzung zur Skulptur ist im vorliegenden Band fließend und einige Gewandstatuen wurden ebenfalls aufgenommen, denen ein Portraitkopf zuzuordnen oder dies zumindest wahrscheinlich ist.Die Dresdner Sammlung galt bereits im 18. Jahrhundert als die umfangreichste und enzyklopädischste antike Skulpturensammlung nördlich der Alpen (insbesondere später auch durch den riesigen Fundus an qualitätvollen Antiken-Abgüssen). Gleichzeitig war Dresden eine Keimzelle der wissenschaftlich-didaktischen Aufarbeitung der antiken Kunst. Als eine der ersten Sammlungen überhaupt begann man bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Entfernung von neuzeitlichen Ergänzungen, da man erkannte, dass sie den wahren Eindruck verfälschen und oft unzulässige Interpretationen darstellen. Schon der Katalog von 1811 zeigte Markierungen über den nicht-originalen Partien, die spätestens in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts dann fast vollständig entfernt wurden.Wie bereits in Band II des aktuellen Katalogs eingeführt, werden auch im vorliegenden dritten Band nachantike Ergänzungen minutiös dokumentiert. Als komplett neuzeitlich (barock) identifizierte Stücke der Sammlung sind nur insoweit im Katalog aufgenommen, als dass sie im sammlungsgeschichtlichen Essay von F. Martin Erwähnung finden. Dasselbe gilt für die barocken Farbmarmorbüsten. Eine vollständige Publikation ist für den Band V des Katalogs geplant. Antike Büsten und Portraitköpfe, die erst in der Barockzeit zusammenmontiert wurden, sind dagegen in getrennten, aufeinanderfolgenden Einträgen dokumentiert.Die Mehrzahl der Portraits in der Dresdner Sammlung stammt aus der Sammlung Chigi (wie bereits bei den Skulpturen) und einer Schenkung Friedrich Wilhelm I., König von Preußen. Die Identifizierung ist zuweilen schwierig, zumal Ergänzungen und Umarbeitungen die Zuordnung erschweren. Viele der Buntmarmorbüsten wurden bereits im barocken Italien ergänzt, um den Bedarf an attraktiven, marktfähigen Stücken zu bedienen. Interessant ist, dass die exzessive Verwendung von Buntmarmor sogar zu einer Verknappung des Materials führte, infolgedessen materialsparende pietra-dura-Techniken eingeführt wurden.Die Einzeldokumentation der insgesamt 103 Stücke folgt dem klassischen Aufbau: Provenienzgeschichte, Maße und materialtechnische Beschreibung, Zustandsbericht mit der bereits erwähnten Dokumentation zu den neuzeitlichen Ergänzungen (sofern relevant) sowie kunsthistorisch-kritische Analyse zu Kontext und möglicher Datierung. Referenzierungen beziehen sich auf das umfangreiche Quellenverzeichnis oder auf Inventarnummern anderer Museen. Zu jedem Stück gibt es mehrere professionell ausgeleuchtete s/w Abbildungen aus verschiedenen Blickwinkeln sowie Detailaufnahmen. Der betrachtete Zeitraum dokumentiert die Portraitplastik von etwa 4 Jahrhunderten (1. Jhdt v. Chr. - 4. Jhdt. N. Chr.).Ein überaus nützliches Kapitel ist F. Sinns Glossar der in der Antike verwendeten farbigen Gesteine und ihren kunsthistorisch/archäologischen Bezeichnungen. Einige Bedeutungen haben sich im Laufe der Jahrhunderte verschoben, so wird beispielsweise der Begriff Alabastro nicht für einen mineralogischen Alabaster verwendet. Hilfreich wären vielleicht noch Farbabbildungen der zugehörigen Gesteine gewesen.Band I (hellenistische Skulptur) ist für spätestens 2016 angekündigt. Bei der Sorgfalt und Detailtiefe, mit der die Autoren bisher vorgegangen sind, kann man nur das Allerbeste für die nachfolgenden Publikationen erwarten.